Bolivien

Bolivien

Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas und auch im Vergleich Gesamtlateinamerikas steht es an einer der letzten Positionen. Obwohl das Land über zahlreiche Bodenschätze verfügt, kann es diesen Reichtum nicht nutzen. Bolivien ist durch große kulturelle Unterschiede geprägt. In diesem Land leben viele verschiedene Etnien, die sich in vielen Bereichen ihre traditionelle Kultur und Sprache erhalten konnten. Dies kommt bereits in der offiziellen Bezeichnung des Landes zum Ausdruck. Es hießt „Plurinationaler Staat Bolivien“, was eine klare Anspielung auf die verschiedenen Etnien in dieser Region ist. Bolivien hat eine Fläche von etwas mehr als 1 Mio. Quadratkilometern, auf der nur etwa 10 Mio. Einwohner leben.

Wo liegt Bolivien?

Bolivien ist neben Paraguay das einzige Binnenland Südamerikas. Dies ist ein wichtiger Aspekt, der sich negativ auf die bolivianische Wirtschaft auswirkt. Es liegt in relativ zentraler Lage in Südamerika. Die Nachbarländer sind Brasilien im Norden, Peru und Chile im Westen sowie Argentinien und Paraguay im Süden. Große Teile Boliviens werden von den Anden bestimmt. Zwei große Ketten dieses Gebirges durchziehen das Land von Norden nach Süden. In dieser Region gibt es mehrere Berge mit einer Höhe von über 6000 Metern über dem Meeresspiegel. Darunter befindet sich auch der Samaja, der höchste Berg Boliviens, mit einer Höhe von 6542 Metern. Die zwischen diesen beiden Ketten gelegene Hochebene wird Altiplano genannt. In diesem Teil des Landes leben etwa 80 Prozent der Bevölkerung, obwohl er nur etwa ein Drittel der Fläche des Landes ausmacht. Auch die mit etwa 1,8 Millionen Einwohnern größte Stadt des Landes, La Paz, liegt in diesem Gebiet. La Paz wird oft als die Hauptstadt Boliviens bezeichnet, was jedoch nicht korrekt ist. Die eigentliche Hauptstadt des Landes ist Sucre, eine 300.000 Einwohner zählende Stadt im südlichen Altiplano. Die Region, in der diese Stadt liegt, wird Potosí genannt und war früher einer der wirtschaftlich bedeutendsten Teile Boliviens. Da es hier jedoch zu einem starken wirtschaftlichen Niedergang kam, wurde der Regierungssitz nach La Paz verlegt. Sucre bleibt jedoch die offizielle Hauptstadt des Landes und einige Institutionen, wie beispielsweise der oberste Gerichtshof, bleiben nach wie vor in dieser Stadt.

Der größte Teil Boliviens wird von der Ebene im Osten des Landes eingenommen. Dieser Landesteil ist nur äußerst dünn besiedelt. Das Klima ist hier tropisch heiß. Der Süden der Ebene ist teil einer Region, die Gran Chaco genannt wird und sich bis nach Paraguay erstreckt. Diese Region besteht aus einer trockenen Savanne. Der nördliche Teil der Ebene zählt bereits zum Amazonasgebiet und wird durch tropischen Regenwald bestimmt.

Die Geschichte Boliviens

Die erste Hochkultur auf dem Gebiet Boliviens konnte sich bereits in der Zeit zwischen den Jahren 400 und 1200 n. Chr. im Gebiet des Titicacasees an der Grenze zu Peru entwickeln. Tempelanlagen und Pyramiden geben Zeugnis von einem ausgeprägten religiösen Kult. Archäologische Forschungen haben bestätigt, dass das Handelsnetz dieser Kultur bis in das Gebiet der heutigen Staaten Ecuador, Chile und Argentinien reichte. Nach dem Niedergang dieser Kultur wurde Bolivien von vielen kleineren unabhängigen Stämmen besiedelt. Die Vielfalt der Sprachen und Kulturen im Land gibt bis heute davon Zeugnis. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts konnten die Inka die Macht über das Gebiet gewinnen. Sie bauten ein zentrales Regierungssystem auf und das Altiplano wurde zu einem zentralen Gebiet des Inkareichs. Dennoch kam es hin und wieder zu aufständen der ursprünglichen Volksstämme. Insbesondere die Aymara, die im Norden des Landes lebten, erhoben sich gegen die Inka. Dennoch ist Aymara bis heute eine der wichtigsten Sprachen in Bolivien.

Das Gebiet Boliviens wurde erst 1538 von den Spaniern erobert. Es wurde Teil des Vizekönigreichs Peru, das zu dieser Zeit das Zentrum der spanischen Macht in Südamerika war. Zu dieser Zeit trug dieses Gebiet den Namen Alto Peru, was auf deutsch Oberperu bedeutet. 1776 gliederten die Spanier ihre Herrschaft in Südamerika neu und gründeten das Vizekönigreich Rio de la Plata, mit Sitz in Buenos Aires. Bolivien wurde Teil dieser neuen Verwaltungseinheit.

Bereits 1809 lehnten sich die Bewohner Oberperus gegen die Herrschaft der Spanier auf. Doch obwohl die Aufständischen in mehreren Feldzügen Unterstützung aus Argentinien erhielten, konnten die Spanier hier ihre Macht behaupten. Selbst als der argentinische General San Martín bereits Peru befreit hatte, blieben die Unabhängigkeitsbestrebungen in Bolivien erfolglos. Erst als der General Sucre, der unter dem Oberkommando Simón Bolívars stand und zuvor bereits die Unabhängigkeit Ecuadors herbeigeführt hatte, von Großkolumbien aus in Bolivien einmarschierte, konnten die Spanier vertrieben werden. Das Land wurde daraufhin nach Bolívar benannt und Sucre wurde der erste Präsident.

Nach mehreren politischen Umstürzen vereinte sich Bolivien mit Peru 1836 zur Peruanisch-Bolivianischen Konföderation. Kurz darauf entbrannte ein Krieg der Konföderation mit Argentinien und Chile. Der Staatenbund wurde daraufhin wieder zerschlagen und in Bolivien entwickelte sich ein sehr instabiles politisches System, das durch häufige Umstürze, Korruption und Klientelismus geprägt war. Im Salpeterkieg (1879-1883) verbünde sich Bolivien erneut mit Peru gegen Chile. Die chilenischen Truppen waren jedoch auch dieses Mal siegreich und Bolivien musste weite Landesteile an Chile abtreten. Sehr schwer wog der Verlust der Küstenprovinz im Westen. So verlor Bolivien seinen Zugang zum Meer.

Auch die Folgezeit war in Bolivien durch zahlreiche politische Umstürze geprägt. Oligarchische Regime und Militärdiktaturen wechselten sich ab. Bolivien wurde erst in den achtziger Jahren demokratisiert. Doch bis in die jüngste Vergangenheit kann der Demokratisierungsprozess nicht als vollständig betrachtet werden. Viele demokratische Institutionen sind nur unzureichend im politischen System verankert. Ein umfassender Volksaufstand im Jahre 2003, bei dem es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit vielen Toten kam, gibt Zeugnis von den demokratischen Defiziten im Land. Auch die Proteste im Jahre 2005, die die bisherige Regierung stürzten und anschließend zu einem überzeugenden Wahlsieg des Präsidenten Evo Morales führten, geben Zeugnis davon, dass viele Teile der Bevölkerung in den politischen Strukturen nicht repräsentiert wurden.

Das politische System Boliviens

Bolivien ist eine präsidiale Republik, in der der Präsident sowohl das Staatsoberhaupt als auch der Regierungschef ist. Die Amtszeit des Präsidenten beträgt fünf Jahre. Um direkt gewählt zu werden, ist eine absolute Mehrheit bei den Präsidentschaftswahlen notwendig. Dies erreichte in den letzten Jahrzehnten jedoch lediglich der aktuelle Präsident Evo Morales. Wenn es keinem der Kandidaten gelingt, eine absolute Mehrheit zu erreichen, wählt daraufhin das Parlament den Präsidenten. Dabei ist eine einfache Mehrheit ausreichend.

Das Parlament ist in zwei Kammern aufgeteilt. Das Abgeordnetenhaus umfasst 130 Abgeordnete und im Senat befinden sich jeweils vier Vertreter aus jedem Departamento, was zu einer Gesamtzahl von 36 Senatoren führt. Die Amtszeit der Parlamentsmitglieder umfasst fünf Jahre und ist an die Amtszeit des Präsidenten gebunden. Dies bedeutet nicht nur, dass die Wahlen zum gleichen Zeitpunkt stattfinden, sondern dass sich die Amtszeit bei einem vorzeitigen Rücktritt des Präsidenten – was in Bolivien keine Seltenheit war – ebenfalls verkürzt.

Bolivien wird durch einen schweren Konflikt zwischen den Provinzen im Tiefland und denen im Hochland geprägt. Früher waren die Provinzen im Hochland durch den Bergbau, der dort stattfindet, der reichste Landesteil. Jedoch verlor der Bergbau stark an Bedeutung und zeitgleich wurden im Tiefland im Osten des Landes große Mengen Erdgas gefunden. Außerdem entwickelten sich im Tiefland effizientere landwirtschaftliche Strukturen, die ebenfalls für Gewinne sorgen. Seither prägen starke Verteilungskämpfe das Land. Die Provinzen im Osten fordern, dass der neue Reichtum zum größten Teil in diesem Landesteilen bleibt. Die Zentralregierung hingegen schöpft einen rehblichen Teil der Gewinne ab und transferiert sie ins Hochland. Dies sorgt für eine bedeutende Autonomiebewegung und führte zu föderalistischen Bewegungen gegen den Zentralstaat.

Wirtschaft in Boliviens

Bolivien ist durch Armut und Ungleichverteilung geprägt. Es ist das ärmste Land Südamerikas und etwa zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut. 40 % der Bolivianer leben sogar in extremer Armut. Bolivien ist eines der Länder mit der höchsten Ungleichverteilung in Lateinamerika. 10 % der Bevölkerung verfügen über etwa 40 % des gesamten Einkommens. Dies konnte auch die linksgerichtete Politik der aktuellen Regierung nicht ändern, die die Bekämpfung der Armut und der Ungleichverteilung zu einem wichtigen Ziel erklärt hat.

Bolivien verfügt über einen großen Reichtum an Bodenschätzen. Früher war der Abbau von Silber und Zinn im Hochland eine der wichtigsten Einkommensquellen, doch nahm die Bedeutung des Bergbaus stark ab. Allerdings könnte der Bergbau wieder an Bedeutung gewinnen, da in den letzten Jahren bedeutende Vorkommen an Eisenerz und Lithium gefunden wurde. Neben dem Bergbau ist insbesondere die Gasförderung von Bedeutung. Bolivien verfügt über die zweitgrößten Gasvorräte Südamerikas und Erdgas ist eines der wichtigsten Exportgüter des Landes.

Dei Landwirtschaft hat in Bolivien eine geringe Bedeutung. Der Westen des Landes bietet sehr ungünstige Bedingungen. Die Landwirtschaft ist hier zwar einer der größten Arbeitgeber, doch findet sie in der Regel auf Subsitenzbasis statt. Lediglich im Tiefland im Osten weist die Landwirtschaft modernere Strukturen auf und arbeitet gewinnbringend. Ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Produktion besteht im Cocaanbau. Dieser sorgt jedoch für ständige Auseinandersetzungen mit der Regierung der USA, die den Cocaanbau verhindern will.

Der Tourismus in Bolivien erlebte zwar in den letzten Jahren einen starken Zuwachs, doch spielt er nach wie vor eine recht geringe Rolle. Zu den beliebtesten Zielen zählt die Hauptstadt La Paz mit vielen kolonialen Bauten. Der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Welt, zieht im Süden viele Besucher an, der Titicacasee ist eine der Hauptattraktionen im Norden. Bolivien ist insbesondere ein beliebtes Ziel für Rucksackreisende, die jedoch nur relativ wenig Geld im Land ausgeben. Als Ziel für kaufkräftigere Touristen ist Bolivien nicht sehr beliebt, was auch an der bislang nur wenig ausgebauten Infrastruktur liegt.