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	<title>Südnorddeutsche. &#187; Wirtschaftstheorie</title>
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		<title>Perfectonomics.</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 09:04:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Führungsqualität]]></category>
		<category><![CDATA[Markt]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Unternehmer hat es schwer in einer neoklassischen Modellwelt. Bei Joseph Alois Schumpeter verstanden als einer, der den inneren Drang verspürt, sich zu entwickeln, sein Umfeld zu gestalten, wird ihm in der neoklassischen Ökonomie blanker Eigennutz unterstellt. Und er, der die Wirtschaft seiner Zeit vorantreiben und sogar neues Wachstum anregen kann, verliert unter den Annahmen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Unternehmer hat es schwer in einer neoklassischen Modellwelt. Bei Joseph Alois Schumpeter verstanden als einer, der den inneren Drang verspürt, sich zu entwickeln, sein Umfeld zu gestalten, wird ihm in der neoklassischen Ökonomie blanker Eigennutz unterstellt. Und er, der die Wirtschaft seiner Zeit vorantreiben und sogar neues Wachstum anregen kann, verliert unter den Annahmen der Theoretiker jede Funktion. Mark Blaug stellt, mit Bezug zu Humberto Barreto, fest:</p>
<p style="text-align: right;"><em>„We can have either entrepreneurship or the<br />
neoclassical theory of the firm but we cannot have both.</em><em>“</em></p>
<p><em><span id="more-749"></span><br />
</em></p>
<p>Aber wie sollte diese Entscheidung zu treffen sein? Die Existenz von Unternehmern lässt sich empirisch belegen – ist also auch ökonomisch kaum zu verleugnen. Die neoklassische Theorie kann mittlerweile aber auch auf fast anderthalb Jahrhunderte – nicht ganz durchgängiger – Anerkennung zurückblicken.</p>
<p>Der Unternehmer bei Schumpeter wird auf ganz besondere Weise tätig – er setzt neue Kombinationen durch. Ob es sich um ein am Markt vollkommen neues Gut handelt, um einen neuen Markt für ein altes Gut, eine neue Herstellungsmethode, andere Rohstoffe oder einfach eine Umorganisation der eigenen Marktstellung – den Unternehmer zeichnet aus, diese Wege nicht (nur) zu ersinnen oder zu ermöglichen: Er beschreitet sie. So trennt Schumpeter den Unternehmer auch klar vom Kapitalisten, vom Verwalter und, weniger neu, vom Erfinder. Über diese betriebswirtschaftlichen Funktionen des Unternehmers geht Schumpeter jedoch hinaus, er spricht von „<em>Initiative, Autorität, Voraussicht</em>“. Eigenschaften, für die es „<em>wenig Betätigung im Automatismus eines ausbalancierten Kreislaufs</em>“ gebe. Hier macht Schumpeter selbst das Problem der neoklassischen Theorie und seines Unternehmer-Konzeptes klar: Für diesen Typus von Menschen gibt es in einer Gleichgewichtsökonomie keine Betätigung, sie funktioniert auch ohne Unternehmer.</p>
<p>Ohne Unternehmer funktioniert die Gleichgewichtsökonomie sogar wesentlich besser, als sie es mit solchen täte. Die Aufgabe des Unternehmers, wie Schumpeter ihn definiert, ist es schließlich mit Nichten, Ungleichgewichte aufzuspüren und für sich zu nutzen. Dies würde neben Israel Kirzners Unternehmertypus auch der rational handelnde <em>homo oeconomicus</em>, wie ihn die Neoklassik heranzieht, tun. Er, beziehungsweise im neoklassischen Modell sogar eine ganze Masse von seiner Art, würden dies sogar in unendlich kurzer Zeit tun. So betrachtet die Neoklassik Zeiträume, die so kurz sind, dass es sich nur noch um Zeitpunkte handelt. In der <em>ceteris paribus</em> Bedingung wird ein statisches Modell betrachtet, nichts verändert sich. Schon gar nicht kann es zu kognitiven Grenzen der Marktteilnehmer kommen – und wo doch, würden sich diese gegenseitig aufheben, die Macht der großen Zahl gilt uneingeschränkt. Jedes potentielle Ungleichgewicht würde unverzüglich aufgedeckt, genutzt und beseitigt werden. Tatsächlich kann es so gar nicht mehr zu der Entstehung von nennenswerten Ungleichgewichten kommen. Dabei handelt jedes Individuum aus purem Egoismus: Es will seinen Nutzen, im Zweifelsfall seinen Reichtum, vermehren. Der rationale <em>homo oeconomicus </em>steht dabei im totalen Gegensatz zu Schumpeters Unternehmer, der einem Leistungssportler oder Künstler gleich, aus seiner Persönlichkeit heraus jede Motivation zu wirtschaftlichem Handeln zieht und materielle Vorteile manchmal sogar nur noch als Nebenprodukt erringt.</p>
<p>Allerdings ist es die bereits beschriebene Eigenschaft des Unternehmers, neue Kombinationen durchzusetzen, mit der dieser die Volkswirtschaft nicht in ein Gleichgewicht, sondern vielmehr aus einem solchen heraus bringen kann. Dieses Ungleichgewicht lässt die Neoklassik jedoch gar nicht erst zu. Etwas Neues zu schaffen, zum Beispiel ein Gut, Rohstoffverwertung oder eine Produktionsmethode, hieße schließlich, dass dieses Neue zuvor nicht bekannt gewesen sei. Grundannahme ist jedoch, dass alle Marktteilnehmer vollständig informiert sind. Zu einer Notwendigkeit der Bewältigung einer „<em>ungewohnten Aufgabe</em>“, die Unternehmercharakter verlangt, könnte es also niemals kommen, weil es keine unkalkulierbare Unsicherheit gibt. Die Existenz derartiger Aufgaben ist also von vornherein ebenso ausgeschlossen, wie die Möglichkeit, dass ein Unternehmer ein am Markt vollkommen unbekanntes Gut einführt und den Konsumenten anträgt. In der Neoklassik hätte es entweder vorher schon einen Bedarf für dieses Gut gegeben, dann wäre er allerdings auch schon früher gedeckt worden und in der betrachteten Zeitpunkt-Welt vorhanden. Oder es gibt eben keinen Bedarf für dieses Gut, dann wird es auch niemand kaufen. Präferenzen sind exogen gegeben, eine systemimmanente, endogene Veränderung erscheint unvorstellbar, daher auch die Schaffung vollkommen neuer Bedürfnisse, wie sie zum Beispiel das Say’sche Theorem vorschlägt: <em>Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage</em>.</p>
<p>Eine scheinbare Lücke findet sich jedoch in dem Theoriegebäude aus vollständiger Information und gleichstarken Marktteilnehmern: Schumpeter unterstellt seinem Unternehmertypus vor allem, aus vorhandener Information – wie sie in der Neoklassik alle Marktteilnehmer gleichermaßen hätten – mehr machen zu können als andere. Es ist die Fähigkeit, Bekanntes auf neue Art zu durchdenken und zu bewerten, die den Unternehmer zum Führer seiner Zeit macht. Dies kann er auch, wenn er das gleiche Wissen wie alle anderen Marktteilnehmer hat, ihm reichen seine kognitiven Fähigkeiten. Die Existenz eines Einzigen, der mehr als <em>homo oeconomicus</em> ist, könnte also zu einer Innovation führen, die den vollkommenen Markt aus dem Gleichgewicht bringt – und Wachstum ermöglicht. Doch auch an dieser Stelle ist das neoklassische Modell abgesichert, denn ebenso wird die Existenz räumlicher Schranken dementiert – eine für die Entstehungszeit der Neoklassik sehr starke Annahme, gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert schließlich weder die elektronische Datenübermittlung noch regelmäßigen Flugverkehr. Trotzdem sollen die Märkte zu jeder Zeit in kürzester Zeit in der Lage sein, sich Veränderungen in Gütermengen, -qualitäten oder Zahlungsströmen anzupassen und damit Arbitrage-Gewinne unmöglich machen. Für den Schumpeter’schen Unternehmer heißt dies, dass auch die Erschließung neuer Märkte ihm keinen Vorteil verschafft, ebenso wie Vorteile der Produktdifferenzierung, wenn sie denn jemals aufträten, unverzüglich ausgeglichen werden würden.</p>
<p>Die Änderung seiner Marktstellung – zum Beispiel der Aufstieg zum Monopolisten, ist wiederrum per Annahme vollständiger Konkurrenz ausgeschlossen. Durch diese bleibt dem Unternehmer, der eigentlich nur noch ein Produzent ist, nicht einmal der Dreh an der Preisschraube gestattet, da er in der Masse der Anbieter am Markt als Preisnehmer fungiert.</p>
<p>Barreto und Blaugs These, dass sich Entrepreneurship und Neoklassik ausschließen, kann zugestimmt werden. Doch Schumpeter selbst macht schon in seinem „<em>Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung</em>“ klar: Sein Unternehmer ist gar nicht für die neoklassische Modellwelt erdacht worden. Schumpeter lehnte diese ab, da sie die Dynamik des Wirtschaftslebens nicht erklären konnte. Gleichzeitig erscheint es, als habe die Neoklassik hohe Schranken errichtet, um den Unternehmer als speziellen Akteur auszugrenzen. Entstanden ist ein in sich geschlossenes, vollständiges System, welches sich mit der Allgemeingültigkeit einer exakten Wissenschaft verteidigen will. Blaug nennt dies mit Rückgriff auf Debreu, Arrow und Hahn eine formalisierte Darstellung, die weder beschreibenden noch praktischen Wert hat und trifft, angesichts der vorangehenden Darstellungen, mit diesen Worten wohl den Kern. Auch bei tieferer Betrachtung wirkt Schumpeters Konzept offen und realitätsnah, empirische Belege lassen sich in der Wirtschaftsgeschichte, wie auch in der Gegenwart finden.</p>
<p>Die neoklassische Theorie bleibt dennoch vor allem in der Lehre bis auf weiteres dominierend. Und das auf der Basis eines Gleichgewichts, für dessen Existenz oder bloße Erreichbarkeit es laut Franklin Fischer keinen Beweis gibt. Kein Wunder, zu lehren und zu verteidigen ist eine in sich geschlossene Modellwelt schließlich uneingeschränkt. Sie muss sich nicht den Vorwurf der Fehlerhaftigkeit gefallen lassen, erhebt sie schließlich niemals den Anspruch, außerhalb der Grenzen ihrer Annahmen Gültigkeit zu besitzen. So haben die Ökonomen der Neoklassik <em>perfect Economics</em> geschaffen.</p>
<p>Die aktuelle Forschung folgt jedoch wieder eher Schumpeter: Ein Beispiel ist die Neue Institutionenökonomik, die unter anderem beschränkte Märkte und Rationalität zulässt und sich der Existenz endogener Präferenzen öffnet. Wie Schumpeter nähert sie sich wieder den Bedingungen an tatsächlich existierenden Märkten zu, an statt hypothetische Situationen an hypothetischen, jedoch niemals beobachtbaren Märkten zu Untersuchen und zu Beschreiben.</p>
<p>Wenn Schumpeter den Unternehmer als Außenseiter und Pionier bezeichnet, so war er für die Ökonomik als Wissenschaft vielleicht selbst ein solcher. Während alle anderen sich der bekannten und formal gleichförmigen Modellwelt zuwendeten, suchte er eine neue Richtung und wandte sich – in Anbetracht der zahlreichen streitbaren Punkte – wahrscheinlich ganz bewusst gegen die neoklassische Theorie. Mit seinem Unternehmer-Konzept bediente er zwar keine existierende Nachfrage, schuf aber vielleicht eine neue: Die Nach-Frage nach dem Funktionieren von echten – tatsächlich existierenden – Volkswirtschaften.</p>
<h2>Literatur:</h2>
<p>Blaug, Marc, <em>Entrepreneurship in the History of Economic Thought</em>. In: Boettke, Peter J. / Ikeda, Sanford (Hg.) Advances in Austrian Economics, Vol. 5. London 1998, S. 217-239.</p>
<p>Schumpeter, Joseph A., <em>Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus</em>, Zweite Aufl. Berlin 1926, S. 99-139.</p>
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		<title>Ceteris Paribus</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2009/ceteris-paribus-alfred-marshall-principles-of-economics.html</link>
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		<pubDate>Thu, 16 Jul 2009 11:22:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Studium]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Alfred Marshall:Principles of Economics Wie praktisch ist die Theorie heute? Alfred Marshall legte in seinem Hauptwerk, den „Principles of Economics“ den Grundstein für viele Instrumente der formalisierten Volkswirtschaftslehre, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird. Was er eigentlich wollte, stellte er selbst klar: Die beobachtete Wirklichkeit erklären. Heute grassiert der Vorwurf, die fortschreitende Formalisierung würde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Alfred Marshall:Principles of Economics<br />
Wie praktisch ist die Theorie heute?</em></p>
<p>Alfred Marshall legte in seinem Hauptwerk, den „Principles of Economics“ den Grundstein für viele Instrumente der formalisierten Volkswirtschaftslehre, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird. Was er eigentlich wollte, stellte er selbst klar: Die beobachtete Wirklichkeit erklären. Heute grassiert der Vorwurf, die fortschreitende Formalisierung würde sich immer tiefer in Modellwelten hinein bewegen und die Realität aus dem Blickfeld verlieren. Die praktische Verwertbarkeit formal ermittelter Ergebnisse wird in der Forschungsdebatte vielfach angezweifelt. Ist das, was für Marshall nicht mehr als ein Werkzeug war, außer Kontrolle geraten?<br />
<span id="more-449"></span></p>
<blockquote><p>Political Economy or Economics is a study of mankind in the ordinary business of life; it examines that part of individual and social action which is most closely connected with the attainment and with the use of material requisites of wellbeing. Thus it is on the one side a Study of wealth; and on the other, and more important side, a part of the study of man.</p></blockquote>
<p>Schon in den ersten Sätzen seiner „Principles of Economics“ (1890) weist Alfred Marshall auf etwas hin, was heute angeblich so viele Ökonomen vergessen: Dass die Volkwirtschaft die Handlungen der Menschen betrachtet und dabei untersucht, ob und wie diese zu Wohlbefinden führen. Zur Analyse bediente sich der studierte Mathematiker grafischer und formaler Forschungsmethoden, verteilte die mathematischen Details jedoch auf Fußnoten und den Anhang seines Buches. Stattdessen verwendete er im Haupttext logische Argumentationsketten und praktische Beispiele, um seine Theorien zu untermauern. Er legte Wert darauf, dass der Mensch und seine Fähigkeit, Handlungen mit Bedacht auszuführen, bei der ökonomischen Analyse im Vordergrund stehen.</p>
<p>So wird Marshalls bedeutendster Einfluss auf die Ökonomie als Forschungsgebiet einerseits in der Entwicklung abstrakter Analysemethoden gesehen, andererseits aber auch darin, die fortschreitende Formalisierung und Mathematisierung in der Erforschung wirtschaftlicher Zusammenhänge um Jahre verzögert zu haben . Seine Geringschätzung der mathematisch-formalen Analyse war nicht unumstritten, wurde jedoch von seinen Schülern, immerhin bedeutende Ökonomen wie J. M. Keynes, ebenfalls vertreten.</p>
<h2>Moderne Ökonomie</h2>
<p>Heute funktioniert Volkswirtschaftslehre trotzdem anders. Probleme werden innerhalb abstrakter Modellwelten betrachtet, für die strenge Regeln gelten. Innerhalb dieser Welten lassen sich Aspekte, beispielsweise die Wirkung von Mindestlöhnen, formal logisch-konsistent untersuchen. Lockert man die Annahmen jedoch, können die Ergebnisse ihre Gültigkeit verlieren. Diese Vorgehensweise steht in der Kritik, die wahre Komplexität der Wirklichkeit nicht erfassen zu können und diese deshalb aus dem Blickfeld verloren zu haben. Kann eine Formel die Realität widerspiegeln?</p>
<p>Auch Alfred Marshall konnte nicht anders, als es sich einfach zu machen. Seine Annahme: ceteris paribus. Alles bleibt gleich, nur der betrachtete Aspekt verändert sich. So betrachtet er, genau wie heutige Ökonomen, zum Beispiel die Konsumentennachfrage immer zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen. Auch wenn diese Bedingungen bei ihm unbestimmt bleiben, ändert das nichts am Wahrheitsgehalt seiner Erkenntnis, dass auch eine nicht-formalisierte Behauptung ihre Gültigkeit verliert, wenn sich wesentliche Einflussfaktoren verändern.</p>
<h2>Weiche Forschung</h2>
<p>Darin unterschied sich Alfred Marshalls Vorgehensweise also nicht von den Methoden der heutigen Ökonomen. Er selbst gibt in seinen Analysen zur „Elastizität der Wünsche“ sogar zu, dass seine Ergebnisse zur Preiselastizität eines Gutes sich vollkommen verändern würden, wenn sich das Einkommen des betrachteten Individuums verändert. Diese „Weichheit“ ökonomischer Forschungsergebnisse unterstreichen vor allem Marshalls Betrachtung der Ökonomie als eine Erklärung von beobachteten Verhaltensweisen, „a study of man“.</p>
<h2>Harte Forschung</h2>
<p>Nichts anderes macht jedoch die empirische Wirtschaftsforschung heute. Theoretische Überlegungen über Zusammenhänge und kausale Wirkungsketten werden formalisiert und an Hand von statistischen Datensätzen überprüft. Je größer die Datenbasis ist, desto näher an der Realität sind folglich die Ergebnisse. Und komplexe Realitäten verlangen nach komplexen Formeln, um mathematisch ausgedrückt zu werden. So können ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu Themen der Wirtschaft, aber vor allem auch zu Themen der Gesellschaft formuliert werden, die sich zuvor aufgrund ihrer Komplexität vor einer logischen Analyse verschlossen haben. Umgekehrt können statistische Methoden neue, zuvor übersehene Einflussfaktoren aufdecken.</p>
<h2>Unpraktische Mathematik</h2>
<p>Die Mathematik benutzte Marshall nur, um seine Ergebnisse formal zu untermauern. Was die praktische Anwendung angeht, hielt er sie für ungeeignet, die vielschichtigen Sachverhalte abzubilden. Dies scheitere vor allem an der von ihm selbst aufgestellten ceteris-paribus-Bedingung. Diese sei formal stimmig, in der Realität jedoch nicht anwendbar, kritisiert er 1912 in einem Brief an den Ökonometriker Henry Moore.</p>
<p>Eine Wissenschaft legitimiert sich zumeist über ihre praktische Verwertbarkeit. Doch welche Legitimation besitzt die Ökonomie, wenn ihre Ergebnisse nur unter konkreten Annahmen gelten? Und kann die Ökonomie nur eine Erklärung beobachteter Ergebnisse sein, oder macht sie sogar realistische Prognosen zu zukünftigen Entwicklungen möglich?</p>
<h2>Macht der Möglichkeiten</h2>
<p>Marshall selbst würde diese Frage mit Sicherheit verneinen, darauf deutet seine Aussage über die Mathematik in der volkswirtschaftlichen Analyse klar hin. Diese hat er jedoch vor fast 100 Jahren getätigt. Im selben Zuge schrieb er, dass „nahezu die Hälfte aller praktikablen ökonomischen Variablen“ bis zu diesem Zeitpunkt „nicht statistisch erfasst werden“ konnten. Das hat sich heute geändert.</p>
<p>Tatsächlich hatte Marshall schon damals Tabellen („demand schedules“) zur Verfügung, in denen unterschiedlichen Preisen unterschiedliche Nachfragemengen eines Konsumenten nach einem spezifischen Gut gegenübergestellt wurden. Diese Angaben galten nur zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen. Um ein realistisches Bild zeichnen zu können nahm er im nächsten Schritt an, dass dieser Konsument die Nachfrage des gesamten Marktes repräsentierte. Besondere Güter, Marshall nennt als Beispiel Hochzeitstorten, lassen sich so nicht betrachten, da die Nachfrage nach ihnen nicht konstant und noch dazu an äußere Faktoren gebunden sei. Ein formales Modell, welches die Nachfrage lediglich vom Preis abhängig macht, sei somit nicht sinnvoll.</p>
<h2>Datenflut</h2>
<p>Der empirischen Wirtschaftsforschung der Gegenwart stehen jedoch wesentlich umfangreichere und detailliertere Daten zur Verfügung. Statistische Daten aus allen Lebensbereichen werden durch Beobachtungen und Befragungen ermittelt und in Datensätzen abgespeichert, die wiederum über Computer abgerufen und weiterverarbeitet werden können. So sind Modellierungen möglich, die nicht mehr nur unter konstant gehaltenen Annahmen gelten – sondern diese Annahmen als variable Faktoren in das Modell einbeziehen. Dies löst die Beschränkung der Ökonomie auf die Erklärung beobachtbarer Phänomene auf. Stattdessen wird es nun möglich, Szenarien zukünftiger Entwicklung zu betrachten und dabei zum Beispiel die Wirkung unterschiedlicher Politikmaßnahmen zu ermitteln. Ökonometrische Methoden erlauben, Intervalle anzugeben, in welchen sich quantifizierbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Indikatoren mit größter Wahrscheinlichkeit bewegen werden.</p>
<h2>Im Durchschnitt richtig</h2>
<p>Und genau wie Alfred Marshall darauf hinweist, dass die Nachfrage einzelner Konsumenten durchaus anders reagieren kann, als sein Nachfragegesetz hätte vermuten lassen, so kann sich auch die Realität anders entwickeln, als ein hochkomplexes Modell – zum Beispiel zum Mindestlohn – vorhersagt. Alfred Marshall steht zur Validierung seines Gesetzes jedoch eine große Gruppe von Verbrauchern zur Verfügung: „<em>The peculiarities in the wants of individuals will compensate one another in a comparatively reguar gradation of total demand</em>.“ Eine unendliche Anzahl zukünftiger Entwicklungspfade würde sich somit ebenfalls ausgleichen und, wenn das Modell korrekt ist, „im Durchschnitt“ zu korrekten Ergebnissen führen. Doch so wie das Nachfragegesetz für ein einzelnes Individuum falsche Vorhersagen getroffen haben kann, hätte in diesem Fall das beispielhafte Modell zur Wirkung von Mindestlöhnen versagt. Der Effekt ist der Gleiche, nur der Untersuchungsgegenstand ist weitaus umfassender.</p>
<h2>Komplexe Realität</h2>
<p>Das Alfred Marshalls Theoriewerk auch ohne mathematische Formeln auskommt, hat nichts damit zu tun, dass es näher an der Wirklichkeit wäre als die heutigen Forschungsbeiträge. Marshall legte den Grundstein für eine Forschungsmethode, die heute nicht einfach nur weiter entwickelt ist. Sie ist vielfach komplexer geworden. Die Formalisierung dient daher der Vereinfachung der Analyse, nicht der Annahmen. Logisch konsistente Ergebnisse, auch wenn sie unter festgeschriebenen Annahmen ermittelt wurden, lassen sich dennoch auf die Wirklichkeit übertragen, wenn die Annahmen korrekt gewählt sind. Die erweiterte Datenbasis und die Benutzung von Computern bei der Modellierung machen das Abstecken enger Rahmenbedingungen noch dazu obsolet. Was in der Vergangenheit als konstant angenommen werden musste, kann heute als Einflussfaktor für ökonomische Erklärungen und Vorhersagen variiert werden.</p>
<p>Alfred Marshall selbst schrieb in einem Brief:</p>
<blockquote><p>But I know I had a growing feeling in the later years of my work on the subject that a good mathematical theorem dealing with economic hypotheses was very unlikely to be good economics: and I went more and more on the rules -</p>
<p>(1) Use mathematics as a shorthand language, rather than an engine of enquiry.</p>
<p>(2) Keep to them till you know you are done.</p>
<p>(3) Translate into English.</p>
<p>(4) Then illustrate by examples that are important in real life.</p>
<p>(5) Burn the mathematics.</p>
<p>(6) If you cannot succeed in (4), burn (3).</p>
<p>This last I did often.</p></blockquote>
<p>Die moderne Volkswirtschaft hat den Pfad zur Erklärung der Realität nicht verlassen. Sie ist ihn nur konsequent weiter gegangen. Und heute, genau wie damals, gehört es zur Aufgabe der Ökonomen, die Ergebnisse ins verbale zu übersetzen. Wo dies gelingt, ist die Theorie heute praktischer als je zuvor.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Als Essay bei Dr. Jan-Otmar Hesse  im Hauptseminar zu den Klassikern der Wirtschaftstheorie eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></p>
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