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	<title>Südnorddeutsche. &#187; Verstaatlichung</title>
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		<title>Kein Brot für euch, Ernährer!</title>
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		<pubDate>Wed, 13 May 2009 17:20:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hatte Stalin eine Wahl? Kapitalisten gegen Arbeiter, es hätte so einfach sein können. Doch Stalins Feldzug gegen die Verschärfung des Klassenkampfes fand auf einem Schlachtfeld mit unscharfen Fronten statt. Zwischen Freund und Feind zu unterscheiden war nicht nur schwierig, es wurde mit zunehmendem Druck seitens der Parteielite auch hinderlich – oder gefährlich. Fernab der ländlichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Hatte Stalin eine Wahl?</em></p>
<p>Kapitalisten gegen Arbeiter, es hätte so einfach sein können. Doch Stalins Feldzug gegen die Verschärfung des Klassenkampfes fand auf einem Schlachtfeld mit unscharfen Fronten statt. Zwischen Freund und Feind zu unterscheiden war nicht nur schwierig, es wurde mit zunehmendem Druck seitens der Parteielite auch hinderlich – oder gefährlich. Fernab der ländlichen Wirklichkeit schürte Stalin unter seinen Anhängern eine Angst vor den „Bauern-Kapitalisten“, die vor Ort in Hass, Terror und Massenmord resultierte. Doch Angst mussten Stalins Zeitgenossen auch vor ihm selbst und seinem Parteiapparat haben. Eine Spaltung, die die Wirtschaft des Landes an den Rande des Ruins trieb.</p>
<p><span id="more-381"></span></p>
<h2>Armut für alle</h2>
<p>„Bolschewistische Bescheidenheit“ wollten sie im Kreml leben. Die deutlich gelebte Abgrenzung ihres Lebensstils von allem, was damals als „bourgeois“ galt, prägte das Leben Josef Stalins, seiner Funktionäre und ihrer Familien um 1930. Das Geld war überall knapp, oft hatten die Frauen der Parteielite kaum genug Geld, um ihre Kinder einzukleiden oder zu ernähren. Selbst Stalins Frau Nadja kannte dieses Problem.</p>
<p>Bei der Landbevölkerung sah es kaum besser aus &#8211; aber alles andere als freiwillig. Aus normalem bäuerlichem Leben, über dessen Wohlstand im weitesten Sinne Fleiß und Wetterlage entschieden, wurde während Stalins Regierungszeit mehr und mehr ein alltäglicher Kampf ums Überleben. Wer nicht enteignet, deportiert oder ermordet wurde, litt unter den Zwangsabgaben an die Regierung Hunger. Die Entkulakisierungskampagne von 1929/1930 und die zeitgleich intensivierte Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe sorgten für Angst und Misstrauen unter den Bauern. Es kam zu Beschuldigungen und Verleumdungen, viele traten aus Angst, zwangsenteignet oder deportiert zu werden, in die Kolchosen ein. Ein Schritt, der sie nicht immer rettete. Je stärker die Abgrenzung zwischen „Kulaken“ (Familien, die Aufgrund ihres Privateigentums als „Bauern-Kapitalisten“ angesehen wurden) und Mittelbauern verschwamm, desto willkürlicher wurden die Repressionen.</p>
<h2>Druck für alle</h2>
<p>Doch selbst die Parteimitglieder gerieten unter Druck. Besonders wenn die Unterstützung der „Dorfarmen“, welche die Kulaken identifizieren sollten, fehlte, war es für sie schwer, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. Auf der Suche nach Kulaken stellte die Parteiführung klar, dass ein zu geringer Erfolg als Sabotage der Kampagne gedeutet werden würde – mit entsprechenden Folgen. Selbst ranghohe Führungsmitglieder der Partei sahen sich der Kritik ausgesetzt. So musste sich Andrei Andrejew, immerhin Sekretär der Nordkaukasischen Parteiorganisation und späterer Vorsitzender der Zentralen Kontrollkommission der Partei vorwerfen lassen, bei der Getreidebeschaffung nicht erfolgreich genug zu sein. Ein Vorwurf, den Stalin selbst später zurücknehmen musste, um seine Mitstreiter nicht durch unrealistische Ansprüche zu demoralisieren.</p>
<h2>Hunger für alle</h2>
<p>Die stetig steigenden Abgaben, die Kolchosen und Einzelbauern an den Staat zu leisten hatten, machten das Landleben zu einer Tortur. Oftmals hatte die Landbevölkerung keine andere Wahl, als Getreide zu verstecken, um sich selbst ernähren zu können. Hinzu kam, dass viele der reicheren Bauern sich entschieden ihr Vieh zu schlachten, um nicht als Kulake zu gelten. So ging die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion zu Beginn der 1930er Jahre erheblich zurück.</p>
<p>Selbst die Kollektivbauern, denen bei Eintritt in die Kolchosen Wohlstand versprochen worden war, blieben von dieser Entwicklung nicht verschont. Die gemeinschaftlichen Landwirtschaftsbetriebe mussten bald soviel ihrer Produktion abgeben, dass es für die Versorgung der Mitglieder nicht mehr reichte. Doch Stadtbevölkerung und die Rote Armee waren auf die Lieferungen der Bauern angewiesen. „Kein Brot für euch, Ernährer!“ zitiert Carsten Goehrke (Lit. 2).</p>
<h2>Gründe für alles</h2>
<p>Die Frage nach dem Gründen für den Terror wurde in der Forschungsdebatte immer wieder gestellt. Abschließend zu beantworten ist sie nicht. Stalin selbst rechtfertigte den Terror gegen die Landbevölkerung mit der Ausbeutung von Arbeitern einerseits, mit der eigennützigen Bewirtschaftung, die nicht zum Wohle des gesamten Volkes war, andererseits. Doch sah er nicht, dass er damit der Produktivität der gesamten Sowjetischen Volkswirtschaft immens schadete?</p>
<p>Zunächst einmal ist zu sagen, dass das Ausmaß des Terrors, wie er auch auf die „normale“ Landbevölkerung ausgeübt wurde, niemals offene Strategie Stalins war. Der Zusammenschluss der Einzelbauern zu Kolchosen sollte freiwillig ablaufen. Wie es um diese Freiwilligkeit wirklich bestellt war, zeigte sich jedoch frühzeitig, als die Abgaben der Einzelbauern nicht mehr nur doppelt so hoch waren wie jene der Kolchosen, sondern drei- bis viermal so hoch. Wer dies nicht leisten konnte, wurde oftmals der Sabotage am sowjetischen Staat bezichtigt, die Strafen waren hart. Der auf die Bauern ausgeübte Terror umfasste nicht nur Deportation und Zwangsarbeit sondern auch Mord und die Vertreibung aus dem eigenen Haus, was in der Regel ebenfalls den Tod der betroffenen Familie bedeutete.</p>
<p>Das Schicksal der Kolchos-Bauern war jedoch kein besseres. Konnten sie die ihnen auferlegten Abgabequoten nicht erfüllen, drohten auch ihnen Demütigung, Folter und Tod. Als Begründung hierfür diente die Behauptung, die Bauern hätten Lebensmittel versteckt oder verkommen lassen. Führten diese Repressionen zum gewünschten Erfolg, der Herausgabe von Getreide, so fehlte zunächst der betroffenen Familie die Ernährungsgrundlage. Überlebte sie dennoch, so fehlte ihr im darauffolgenden Jahr das Saatgut.</p>
<h2>Unschuld für einen</h2>
<p>Stalin selbst wies die Verantwortung für die massive Gewaltanwendung von sich. Stattdessen gab er 1930 in verschiedenen offenen Briefen die Schuld den Funktionären vor Ort, die im Überschwang des Erfolges zu weit gegangen seien. „Was ist das – eine Politik zur Leitung der Kollektivwirtschaft oder eine Politik zu ihrer Zersetzung und Diskreditierung?“ fragte er am 2. März in der Zeitung Prawda (Lit. 5) und fordert: „Um die Linie unserer Arbeit auf dem Gebiet des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus zu korrigieren, muss diesen Stimmungen ein Ende gemacht werden.“ Vor allem in der verfrühten Kollektivierung von Vieh und Wohneigentum sieht er ein großes Problem. Für ihn war die Zeit für eine Vergesellschaftung, die über die Getreideproduktion hinausgeht, noch nicht gekommen.</p>
<p>Lässt sich daraus schlussfolgern, dass die Gewaltanwendung entgegen Stalins Willen war? Sowohl für diese Annahme wie auch dagegen lassen sich genügend Hinweise finden. Bauern, welche die Quoten nicht erfüllen konnten, stellten für ihn Feinde der sowjetischen Gesellschaft dar. Er beschuldigte sie, durch gezielten Streik und Sabotage, „die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen“ (Lit.1). Damit brandmarkte er sie als Kriegsgegner der Sowjetunion, die bekämpft werden mussten und schürte bei der Bevölkerung großes Misstrauen gegen sie.</p>
<h2>Die Spirale dreht sich&#8230;</h2>
<p>Fakt ist außerdem, dass die eingeforderten Getreidemengen ohne Gewalt kaum zu beschaffen waren: Die Landbevölkerung hatte Hunger zu leiden und die Existenz weiterer Ernten in den Folgejahren war gefährdet. Anders konnte Stalin aber, nachdem die „Entkulakisierung“ die Produktivität der Landwirtschaft stark verringert hatte, weder Stadtbevölkerung noch Militär ernähren. Die Volkskommissare mussten seinen Forderungen nachkommen, um sich nicht dem Vorwurf des „Rechtsopportunismus“ auszusetzen. So gaben sie den Druck an die verantwortlichen Dorfsowjets vor Ort weiter, welche ihn wiederrum auf Einzelbauern und die Kolchosen ausübte. Das Resultat war weiter sinkende Produktivität.</p>
<p>Dass Stalin von den Geschehnissen nichts wusste, kann nicht behauptet werden, schrieben doch viele der Bauern Briefe an ihn. Doch die sich zuspitzende Lebensmittelkrise setzte auch der Stadtbevölkerung zu und wurde somit auch im Kreml spürbar. So wurde es auch für die Frauen der Parteifunktionäre spürbar schwieriger, mit den geringen finanziellen Mitteln hauszuhalten. In Moskau wurden die landwirtschaftlichen Produkte dringend benötigt, war hier doch die Modernisierung der Industrie in vollem Gange. Die Stadtbevölkerung wuchs rapide und konnte weder untergebracht noch versorgt werden.</p>
<h2>&#8230;und wird gestoppt.</h2>
<p>Knappe Lebensmittel hätten eigentlich zu Preissteigerungen führen müssen, die wiederrum die Erhöhung der Produktivität gewährleistet hätten. Stattdessen hielt Stalin die Preise künstlich unten, damit in der Stadt die Getreideprodukte erschwinglich blieben. Was ursprünglich einmal als das russische Industrialisierungswunder hatte werden sollen, resultierte 1932 in einer großen Hungerkrise, bei der Schätzungen zu Folge zehn Millionen Menschen ums Leben kamen.</p>
<h2>Anreize für keinen</h2>
<p>Das ursprüngliche Ziel der Bolschewiki, das gesamte Volk auf kollektivwirtschaftlicher Basis ernähren zu wollen und die Arbeiter gemeinschaftlich in Freiheit zu beschäftigen, waren durchaus nicht unehrenhaft. Die Gruppe jener Bauern mit Privateigentum zu dämonisieren, die verbliebenen zu enteignen und ihre Ernte zu konfiszieren nahm der Landbevölkerung jeden Anreiz für Fleiß und hohe Produktivität. Die Chance der sich anpassenden Getreidepreise wurde nicht wahrgenommen, stattdessen hat man mit Gewalt vorgehen müssen, um Stalins Anforderungen nachzukommen. Stalin selbst hätte sehen müssen, dass er damit die landwirtschaftliche Produktivität immer weiter in den Abgrund treibt.</p>
<p><em>Hatte er eine Wahl? </em>Vielleicht, aber wenn, dann konnte er sie nicht kennen, dafür fehlte ihm jedes Gefühl für die wirtschaftliche Leitung einer Gesellschaft.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Als Essay bei Dr. David Feest im Aufbauseminar zur Osteuropäischen Geschichte eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong><em><br />
</em></strong></p>
<h2>Literatur</h2>
<p>1. Courtois, Carsten et al: „Das Schwarzbuch des Kommunismus“; (1997)<br />
2. Goehrke, Carsten: “Russischer Alltag: Eine Geschichte in neun Zeitbildern”; (2005), Band 3,<br />
3. Montefiore, Simon Sebag: “Stalin. Am Hof des roten Zaren”; (2004).<br />
4. Stalin, Josef: „Vor Erfolgen von Schwindel befallen” (1930); in: „Stalin: Werke“, Band 12 (1952)<br />
5. Stalin, Josef: „Antwort an die Genossen Kollektivbauern” (1930); in: „Stalin: Werke“, Band 12 (1952)</p>
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		<title>Totalitäres Chaos</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Apr 2009 08:35:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8230;um Legitimation und Machterhalt Stalins Herrschaft in den Wirren seiner Gegenwart Im Streit um den „Stalinismus“ haben sich zwei Gruppen mit nahezu konträren Konzepten herausgebildet: Totalitaristen und Revisionisten. Gegen ein Verständnis des Stalinistischen Regimes als ideologiegeprägt unter totaler Kontrolle der Herrscherfigur Josef Stalins steht das Bild einer Gruppe von Menschen, die in einem unüberblickbaren System [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>&#8230;um Legitimation und Machterhalt<br />
Stalins Herrschaft in den Wirren seiner Gegenwart</em></p>
<p>Im Streit um den „Stalinismus“ haben sich zwei Gruppen mit nahezu konträren Konzepten herausgebildet: Totalitaristen und Revisionisten. Gegen ein Verständnis des Stalinistischen Regimes als ideologiegeprägt unter totaler Kontrolle der Herrscherfigur Josef Stalins steht das Bild einer Gruppe von Menschen, die in einem unüberblickbaren System um die Erhaltung ihrer persönlichen Macht kämpfen. Beide Positionen sind gegenwärtig dabei, sich einander zu nähern. Besser spät als nie, denn für die zu Stalins Zeiten lebenden Menschen mag schon damals gegolten haben: <em>Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.</em></p>
<p><em><span id="more-352"></span><br />
</em></p>
<p><em>Der Stalinismus war eine totalitäte Diktatur im Zeichen der Marxistischen Lehre. In ihrem Zentrum stand Josef Stalin als Diktator, auf dessen Person alle Kontrolle und Entscheidungsgewalt über das Volk der Sowjetunion konzentriert war. Seine Herrschaft war von der kommunistischen Ideologie vom sich verschärfenden Klassenkampf und der Friedensvision im Sozialismus begründet.</em></p>
<p>Mit diesen Worten lässt sich der Begriff des Stalinismus kurz und allgemein verständlich zusammenfassen. Stalin stand an der Spitze der Sowjetunion. Er setzte Repressionsmittel gegen Einzelpersonen und ganze Gruppen ein – bis hin zu Deportation, Internierung, Ermordung – um laut seiner Aussage die Kommunistische Ideologie vor dem sich verschärfenden Klassenkampf schützen zu können. Der Einfluss auf jeden einzelnen Einwohner der Sowjetunion war institutionell nicht eingeschränkt und wurde durch gezielten und kontrollierten Einsatz der Massenmedien unterstützt. Mit der Kommunistischen Partei Russlands hatte er ein Netzwerk von Funktionären zur Verfügung, mit dem er Kontrolle über alle Gesellschaftsschichten ausüben konnte. So kam es zu einer weit verbreiteten Ideologie, deren wenige Geg-ner am lückenlosen System scheitern mussten. Überhaupt lässt sich das totalitaristische stalinistische Regime an sehr vielen Stellen mit einem Wort beschreiben: <em>Kontrolle</em>.</p>
<h2 class="MsoNormal" style="text-align: justify; line-height: 150%;">History Revised</h2>
<p>Besonders in den vergangenen 40 Jahren hat diese Version jedoch ihre Gegner gefunden. Das Bild eines reibungslos funktionierenden Regimes wird vielfach als zu eindimensional angesehen. Vor allem fehlt die Perspektive des Individuums. Das die Menschen „unter Stalin“ grundsätzlich zu eigenem Denken und Handeln fähig waren, kommt vielfach zu kurz. Im Blick der Revisionisten steht bei dieser <em>Eigenverantwortlichkeit</em> vor allem eines: Der persönliche Machterhalt der Parteielite. Diese kämpften gar nicht unbedingt als Gruppe, sondern immer öfter auch nur für sich selbst. So wird vor allem die Wichtigkeit der „Aufsteiger“ betont: Junge engagierte Parteimitglieder, die in dem Bestreben, hohe Positionen bekleiden zu können, aktiv für die Partei und ihren Anführer eintraten. Besonders der Aspekt der zentral gelenkten Planwirtschaft sorgte dafür, dass eine „Karriere“ nach heutigem Verständnis nur als Teil des politischen Systems denkbar war.<br />
Dies machte die Erfolgsgeschichten der traditionellen Subsistenz- und Marktwirtschaft, gerade in den ländlichen Regionen der Sowjetunion noch weit verbreitet, zur Konkurrenz und ideologiefremdes Denken zu einer Bedrohung. Größere Gruppen von „Andersdenkenden“ konnten potentielle – manchmal auch tatsächliche – Rebellen sein und die bestehende Ordnung angreifen. Das Ende der stalinistischen Herrschaft wäre auch das Ende der persönlichen Machtpositionen seiner Funktionäre. Die Verbreitung der Ideologie diente somit der <em>Machtlegitimation</em> und dem Machterhalt, die kommunistische Lehre wurde ein „Verkaufsargument“ für die Parteielite und ihre oftmals gewalttätigen Methoden.</p>
<h2 class="MsoNormal" style="text-align: justify; line-height: 150%;">Keine Macht dem Volke</h2>
<p>An dieser Stelle lässt sich bequem argumentieren, dass die persönliche Macht Einzelner im totalitären Regime der Ideologieumsetzung diente und zur Verhinderung von Chaos notwendig war. Nur durch Repressionen gegen die Feinde des Systems konnte dieses geschützt und der innere Frieden aufrechterhalten werden. Da ein zentrales Merkmal der kommunistischen Lehre die <em>Volksherrschaft als Idealzustand </em>ist, bleibt der Aspekt der Machtlegitimation damit sogar nachvollziehbar – wenn die Kommunistische Partei Russlands im Namen des Volkes agiert. Und so lange man das Volk als eine einheitliche, im Sinne der Ideologie lebende Masse betrachtet, stimmt dies sogar. Die Frage nach der Lebenssituation der einzelnen Menschen wird in der Totalitarismus-Theorie kaum gestellt, die Frage nach der wirklichen Legitimation des totalitären Systems als Volkswille somit ausgeblendet.</p>
<h2 class="MsoNormal" style="text-align: justify; line-height: 150%;">Kontrolliertes Leid</h2>
<p>Als zweiter blinder Fleck in der Totalitarismus-Theorie wird der Aspekt der <em>Effizienz</em> des Systems betrachtet. Der bis in die untersten Bevölkerungsschichten vernetzte Parteiapparat mit der Galionsfigur Josef Stalin als zentrale Lenkungsinstanz gilt als perfekt durchorganisiert. Stalin, ab 1927 Anführer der Sowjetunion, zwang dem Volk die Planwirtschaft auf – deren effiziente Umsetzung durch die mehreren Millionen Opfer einer Hungersnot durchaus anzweifelbar ist. Viel schwerer wiegt an dieser Stelle jedoch die Frage nach der wirklichen Kontrolle. Während der Totalitarismus von einer kontrollierten – und folglich auch kontrollierbaren – Masse ausgeht, fragen sich Revisionisten eher, inwieweit diese Kontrolle überhaupt möglich ist. <em>Kann eine Ideologie, selbst wenn sie über Parteinetzwerke, Massenmedien und repressive Maßnahmen verbreitet wird, die persönlichen Ansichten annähernd jedes einzelnen Individuums eines so großen Volkes manipulieren? Und kann diese Kontrolle von einer einzelnen Person ausgeübt werden? </em></p>
<p>Die zweite Frage können Historiker inzwischen verneinen: Innerhalb der Partei gab es nicht nur Verwirrung und mangelnde Organisation, sogar die Verfolgung gegenläufiger Interessen durch verschiedene Gruppen lässt sich beweisen. Oftmals überwogen bürokratische Faktoren den Glauben an die Ideologie. Von einer Zentralgewalt oder „Allmacht“ in der Person Stalins lässt sich also nicht sprechen.</p>
<h2 class="MsoNormal" style="text-align: justify; line-height: 150%;">Anerzogene Treue</h2>
<p>Über die Frage nach dem Einfluss der stalinistisch-kommunistischen Ideologie lässt sich hingegen weiterhin streiten. Schon der „Leninismus“ als Vorgängerideologie wurde in der gesamten sowjetischen Bevölkerung verbreitet und gelehrt. An vielen Stellen kann diese Lehre daher als „in die Wiege gelegt“ betrachtet werden. Das die von Stalin stark vorangetriebene Planwirtschaft und seine oftmals verheerenden Folgen vom Volk nicht kritisch betrachtet wurden, scheint kaum denkbar. Hätte die „Gehirnwäsche“ des Regimes wirklich so funktioniert, wie die Totalitarismus-Theorie glauben lassen will, wäre es kaum den Bauernaufständen und Rebellionen gekommen.</p>
<p>Nicht zu vernachlässigen sind auch die Menschen aus der „Proletarischen Avantgarde“, denen die Ideologie durchaus gelegen kam. Diese <em>Bolschewiki</em> schließlich waren die neue „herrschende Klasse“ im stalinistischen System. Das sie in der totalitären Diktatur – wenn überhaupt – nur im Rahmen einer Parteikarriere partizipieren konnten, spielte dabei kaum eine Rolle. Ihr Status Quo war, so lange sie dem Regime nicht entgegen traten, gesichert. Ihnen passte auch die von Stalin stets betonte Bedrohung eines Klassenkampfes sehr gut ins eigene Bild, waren sie doch die „gute“ Klasse, bedroht von der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft.</p>
<h2 class="MsoNormal" style="text-align: justify; line-height: 150%;">Terror für den Frieden</h2>
<p><em>War die Diktatur Stalins also nur ein instabiles Gebilde aus Chaos, Strebern und bequemen Mitläufern?</em> Mit Nichten. Schon die Vorgänge bei seiner Machtergreifung machten jedem deutlich, welches Risiko ein Widerstand gegen den Herrscher bedeuten würde. Langjährig treue Weggefährten, auch höchste Funktionäre, wurden verfolgt, deportiert oder ermordet und durch jüngere ersetzt. Hunderttausende Russen, auch Parteimitglieder, traf das selbe Schicksal. Die Propaganda vom sich verschärfenden Klassenkampf als Bedrohung für den Frieden legitimierte jedes Mittel.</p>
<p>Welche Macht im ganz <em>totalitaristischen</em> Sinne er über seine Kollegen und Funktionäre hatte, machte er nicht nur durch die Repression ihrer Vorgänger deutlich, auch deren Familien gerieten unter Druck. So wurde zum Beispiel die Frau von Staatschef Mikhail Kalinin deportiert. <em>Nicht alles, was passierte, stand unter Stalins persönlicher Kontrolle. </em>Auch nachdem er die alleinige Macht ergriffen hatte, behielten die Mitglieder des Politbüros die Kompetenzen ihrer jeweiligen Ressorts bei. Der Umkehrschluss galt jedoch nicht: <em>Was Stalin anordnete, hatte kompromisslos umgesetzt zu werden</em>. Stalins Taktik, junge Aufsteiger in das Politbüro wählen zu lassen, wurde zu einem entscheidenden Baustein seiner Machtergreifung.</p>
<p>Iakov Chadaev schrieb am 9. Mai 1941, kurz nachdem Josef Stalin alleiniger Partei- und Staatschef geworden war:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: right;">„Stalin’s Gefährten fürchteten ihn wie den Teufel.<br />
Im Grunde würden sie ihm bei praktisch allem zustimmen.“</p></blockquote>
<address> </address>
<address><strong><em>Als Essay bei Dr. David Feest im Aufbauseminar zur Osteuropäischen Geschichte eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></address>
<address><strong><em><br />
</em></strong></address>
<h2><em>Literatur</em></h2>
<p>Stalin, Josef: „Der Klassenkampf” (1906); in: „Stalin: Werke“, Band 1 (1952)<br />
Hildermeier, Manfred: „Interpretationen des Stalinismus“; In: HZ 264 (1997), S. 655-674.<br />
Gorlizki/Khlevniuk: „Stalin and his circle”; In: Suny (Hrsg.): “The Cambridge History of Russia”, Band 3. (2006), S. 243-254.</p>
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		<title>Quo vadis, populi potentia?</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2008/quo-vadis-populi-potentia-kommunismus-demokratie.html</link>
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		<pubDate>Sun, 16 Nov 2008 22:25:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Einer für alle &#8211; alle für einen? Aber nicht doch. Lieber alle für alles, statt einer für ein bisschen was. Wo möchte das deutsche Volk hin, mit seiner Demokratie? Klingt sinnfrei? Finde ich auch. Trotzdem wird in der modernen Gesellschaft der Ruf nach etwas, das die moderne Welt eigentlich längst hinter sich gelassen hatte, immer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einer für alle &#8211; alle für einen? Aber nicht doch. Lieber alle für alles, statt einer für ein bisschen was. Wo möchte das deutsche Volk hin, mit seiner Demokratie? Klingt sinnfrei? Finde ich auch. Trotzdem wird in der modernen Gesellschaft der Ruf nach etwas, das die moderne Welt eigentlich längst hinter sich gelassen hatte, immer lauter. Und so stieß der französische Staatspräsident mit seinem Vorstoß, bestimmte Unternehmen teilweise verstaatlichen zu wollen, nicht auf die tauben Ohren, die man hätte erwarten sollen.</p>
<p><span id="more-258"></span></p>
<p>Wer statt mit tauben Ohren mit einer Welle der Entrüstung gerechnet hatte, irrt ebenfalls. Eigentlich finden die Deutschen die Idee nämlich gar nicht mal so blöd. So wünschen sich schon über die Hälfte der in einer <a title="Stern.de" href="http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/unternehmen/:%0A%09%09stern-Umfrage%0A%09%09%09-Deutsche-Verstaatlichung/643741.html" target="_blank">Stern</a>-Umfrage befragten Bürger staatliche Beteiligungen in der Energiewirtschaft, bei Banken und Versicherungen, Fluggesellschaften, der Bahn und der Post. Dabei geht es gar nicht primär um finanziellen Beistand für unsere liebe Wirtschaft &#8211; was Deutschland sich wünscht, ist Kontrolle. Regulierung. Nicht über Gesetze, denn die werden gebrochen. An der Wurzel soll das Problem gepackt werden. Gestern waren die Politiker noch die bösen Korrupten, heute sollen sie dem Übel des Tages zu Leibe rücken: Wirtschaft, so böse, dass die Politik glatt wieder liebenswert erscheint.</p>
<p>Das der Neoliberalismus mit seiner sozialen Marktwirtschaft wahnsinnig uncool geworden ist, ist gar nichts Neues mehr. Das unsere liebe Gesellschaft deswegen aber direkt zur Sozialisierung schreiten will, mutet ein ganz klein wenig extrem an.</p>
<p>Denn wie nannte man die Sache mit der flächendeckenden Verstaatlichung doch gleich?</p>
<p>Achso ja. <em>Kommunismus</em>.</p>
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