Wie Grönemeyers Frage nach dem “wann ist ein Mann ein Mann” stellten sich die Ökonomen der vergangenen zwei Jahrhunderte die Frage “wann ist ein Unternehmer ein Unternehmer”?
„Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt“.
„Ohne Unternehmertum, ohne Findigkeit bezüglich der neuen Gelegenheit bleiben Vorteile, die weit in der Zukunft liegen, unter Umständen ungenutzt.“
behauptet Israel Kirzner in seinem Buch „Wettbewerb und Unternehmertum“. Damit bezieht er eine Gegenposition zu Josef Schumpeters Unternehmer, dessen ökonomische Funktion vor allem darin besteht, Märkte aus einem Gleichgewicht herauszubringen und so die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Kirzners Unternehmer erfüllen eine ganz andere Funktion:
„Auch in der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Unternehmer als jemand anzusehen, der Gelegenheiten nicht schafft, sondern auf sie reagiert, der Gewinngelegenheiten nicht erzeugt, sondern sie wahrnimmt.“
So ist es der Kirzner’sche Unternehmer, der ein gestörtes Gleichgewicht am Markt erkennt, von diesem profitiert und die Balance dadurch wieder herstellt. Per Definition sind in einem solchen Fall das Wissen um Produktionsmethoden, die nötigen Rohstoffe und auch das Kapital verfügbar, um eine gewinnbringende Innovation erfolgen zu lassen. Kurz: Er schafft die Möglichkeiten nicht, er findet sie. Dann – und nur dann – könne der Unternehmer auch zum Bestandteil der neoklassischen Gleichgewichtsökonomik werden. Das ist intuitiv korrekt. Der Unternehmer würde zu einem Katalysator werden, der bestehende Ungleichgewichte auflöst. Ließe man die neoklassische Grundannahme der vollständigen Information fallen, wäre das Modell erst in Verbindung mit den Unternehmer-Akteuren vollständig.
Doch Kirzners Argumentation hat ihre Schwachstellen an entscheidenden Säulen seiner Theorie. Dass sich Gleichgewichtszustände am Markt einstellen, wenn bestehende Möglichkeiten wahrgenommen werden, ist zweifellos richtig. Ob man den, der dies tut, wirklich in den Unternehmerbegriff fassen will, ist eine Frage der Definition und sei an dieser Stelle zunächst offen gelassen. Dass die einzig denkbare Haupttätigkeit der Unternehmer jedoch die Herstellung dieser Gleichgewichte sei, erscheint zu weit hergeholt. „Vorteile, die weit in der Zukunft liegen“ können alle Veränderungen sein, die uns heute unbekannt sind. Die gesamte Unwissenheit der Menschheit als Marktungleichgewicht zu bezeichnen, birgt jedoch das Risiko der Unbeweisbarkeit. Akzeptiert man, dass alles, aus dem Gewinn gezogen werden kann, auch irgendwann verwirklicht wird, so lange es Unternehmer gibt, steht diese Säule der Theorie Kirzners fest. In diesem Fall wäre ein Gleichgewicht theoretisch erreicht. Dagegen steht ein Zitat Albert Einsteins: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.“
Gravierender ist also die Alternative: Unterstellt man, dass aus unterschiedlichen Gründen niemals alle Gewinnmöglichkeiten wahrgenommen werden, so ist auch das Erreichen eines ökonomischen Gleichgewichts vollkommen undenkbar. Und würde es tatsächlich erreicht, wie wollte man diesen Zustand beweisen?
Vielleicht liegen Vorteile in der Gegenwart, die niemals genutzt wurden. Ex post ließe sich dann ein Ungleichgewicht feststellen, wo in der Gegenwart niemand ein solches vermutet hätte. Dies führt jedoch zu einem Paradoxon: Eine Erfindung, die technisch und organisatorisch möglich wäre, und die auch einen Absatzmarkt finden würde, auf deren Idee jedoch niemals ein Unternehmer kommt oder deren Umsetzung ein solcher niemals wagt – kann sie ein Ungleichgewicht begründen? Und wenn dies niemals festgestellt wird, wie lässt sich dann ein Gegenbeweis für das Gleichgewicht in Kirzners Modellwelt finden?
Tatsächlich: Ausschließen, dass es einen solchen Gegenbeweis gibt, wird niemals möglich sein. Das Modell des Unternehmers als Katalysator einer Gleichgewichtsökonomie wird damit zum Postulat. Der Unternehmer stellt ein Gleichgewicht her, an das man glauben mag oder auch nicht. Kirzner, der mit seinem Unternehmerbegriff die Modelle der Gleichgewichtsökonomik stützen wollte, bringt sie damit endgültig zum Einsturz.
Auch der Wagemut als wichtige Eigenschaft des Unternehmers wird in Kirzners Modell systematisch unterschätzt. Denn ein Unternehmer, der nur einen Markt zurück in sein Gleichgewicht befördert, geht ein „unternehmerisches“ Wagnis gar nicht erst ein. Wenn auch ein gewisses Risiko in jeder unternehmerischen Aktivität liegen mag, die tiefgehende Unsicherheit einer wahren Neuerung wird ihm nie begegnen. Gerade was die Einführung neue Produkte angeht, ist diese jedoch kaum zu vermeiden.
Zur Lösung dieses Problems könnte man jedoch den Unternehmern jene vollkommene Information unterstellen, die andere Akteure am neoklassischen Markt in der häufig vorgebrachten Kritik nicht haben. Diese Annahme ist jedoch auf der gleichen Basis zu kritisieren wie die ursprüngliche Grundannahme der Neoklassik. Ein Unternehmer mag Wissen haben, über das andere nicht verfügen. Vollständige Informationen sind jedoch nicht denkbar, auch nicht für eine kleine Gruppe von Individuen, nicht einmal für ein einzelnes. Auch Unternehmer sind mit der Unberechenbarkeit, zum Beispiel der Konsumenten, konfrontiert. Wie sollen sie „Vorteile, die weit in der Zukunft liegen“ für sich zu nutzen wissen, wenn schon kurzfristig erzielbare Vorteile zwangsläufig mit Unsicherheit verbunden sind? `
Und selbst wenn man sich auf das Wissen um bestehende Ungleichgewichte beschränken wollte – wer schreibt dem Wissenden vor, zum Handelnden zu werden? Zahlreiche Theoretiker, unter ihnen Schumpeter und Knight, verweisen auf den Mut des Unternehmers, Möglichkeiten wahrzunehmen, als entscheidende Charaktereigenschaft.
Zu unterstellen, Unternehmertum wäre nur eine Reaktion auf bestehende Möglichkeiten, negiert zudem die Fähigkeit des Unternehmers, Wünsche und Bedürfnisse zu schaffen, kurz: Präferenzen zu formen. Dass dies möglich ist, zeigt die Konsumgeschichte. Die Suche nach einem Unternehmer-Begriff, dessen Definition das Besondere des Unternehmertums hervorheben soll, sollte diese Begabung nicht vernachlässigen.
Der Unternehmerbegriff Kirzners greift also in vielerlei Hinsicht zu kurz, teilweise greift er auch daneben. Insbesondere die von zahlreichen Autoren hervorgehobene Schöpfungskraft des Unternehmers scheint bei ihm vollkommen unter zu gehen. Der Unternehmer wird zum Suchenden, zum Reagierenden. Die Ökonomie wird damit zu einer statischen, bestenfalls noch zu einer sanft-gleitend wachsenden. Der Fall sprunghafter Entwicklungen wird auf das Aufdecken immenser ungenutzter Möglichkeiten reduziert, die Fähigkeit des Menschen, tatsächlich Neues zu schaffen, vollständig negiert. Die Unterstellung, jede Innovation wäre dem bestehenden ökonomischen System bereits inhärent gewesen und vom Unternehmer lediglich entdeckt worden, öffnet eine Lücke zwischen tatsächlich verwirklichten Innovationen und all jenen, die niemals zur Durchführung kamen.
Auch hier führt ein Zitat Albert Einsteins vielleicht zu einer Bewertung der unterschiedlichen Unternehmerbegriffe, insbesondere im Streit Kirzner gegen Schumpeter:
„Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt“.
Was für ein Wortungetüm, fies. Finanzmarkttransaktionssteuer. Aber Europa nähert sich, seit heute sind Leerverkäufe untersagt, berichtet die Süddeutsche. Was für Dinger? Das ist jetzt erst einmal egal. Sie machen Spaß und bringen viel Geld, wenn man sich denn traut. Und wenn man halt Glück hat. Viel wichtiger ist jedoch das Signal dieses Schrittes: We are not afraid.
Diskutiert nie mit Ökonomen. Wir schneiden eure Realität an den Kanten unserer Annahmen ab und dann schlagen wir euch mit unserem Modell.
Aus ökonomischer Perspektive dienen Rechtsnormen dazu, die wirtschaftlichen Interaktionen verschiedener Individuen (resp. Unternehmen) möglichst komplikationslos zu gestalten. Ziel ist es aus wohlfahrtstheoretischem Blickwinkel, durch effiziente Transaktionen all jene Verträge zu Stande kommen zu lassen, die für alle Beteiligten einen Pareto-optimalen Zustand zur Folge haben. Eines der wichtigsten deutschen Instrumente für die optimale Allokation von Geldmitteln ist die Bürgschaftserklärung nach § 765 BGB.
Gesellschaften müssen sich an der Qualität ihres Rechtssystems messen lassen. Aber worin liegt eigentlich diese Qualität? Gewünscht ist oft eine Verhaltenssteuerung, die den Individuen ihre Freiheit nicht raubt. Gar nicht so einfach.
Kyoto, heiss gefeiert. Der 11. Dezember 1997 sollte zum Gezeitenwandel im globalen Kampf um den effektivsten Angriff auf das Weltklima werden. Kernpunkt: Alle reduzieren ihren Emissionsausstoß, wer besser ist als vom Protokoll verlangt, darf die überschüssigen Gasausstoßrechte meistbietend verticken. Die ganze Welt hat das bislang noch nicht gemacht. Die ganze Welt? Nicht ganz.
Wachstum muss sein. Das wissen wir. Wachstum muss allein schon deshalb sein, weil wir sonst unser eigenes Rentensystem vergessen können. Jetzt muss Wachstum aber auch sein, weil die Bundesregierung sonst unsere Staatsausgaben nicht mehr mit Steuereinnahmen gegenfinanzieren kann. Schon gar nicht, weil Staatsausgaben steigen und Steuereinahmen gesenkt werden sollen. Klingt nach Schulden? Ja. Es sei denn, wir haben ordentlich Wirtschaftswachstum und geben alle so viel Geld aus, dass so praktische Institutionen wie die Umsatzsteuer und so dem Staat ganz viel Geld bringen.
Das mach ich dann ab jetzt auch so. Read the rest of this entry »
Heute vor einem Jahr war vieles genau wie heute auch.
Heute vor einem Jahr hatte ich aber auch noch einen Zahn mehr.
Heute vor einem Jahr habe ich an einem Teil der Serie zur Celler Architekturmeile gearbeitet.
Heute vor einem Jahr kamen plötzlich DPA-Meldungen über angebliche Bankenprobleme
Heute vor einem Jahr habe ich einen Text über Sozialphobie und Schüchternheit geschrieben.
Heute vor einem Jahr wars glaub ich ziemlich warm draussen.
Heute vor einem Jahr hat mich DPA irgendwie genervt.
Heute vor einem Jahr war übrigens Montag und nicht Dienstag.
Heute vor einem Jahr habe ich mir Gedanken über die Börse in Wien gemacht.
Heute vor einem Jahr hab ich mir anhören müssen, die sei uninteressant.
Heute vor einem Jahr hatte ich nen ziemlichen Kater vom Vorabend.
Heute vor einem Jahr stand plötzlich “US-Bank pleite” auf meinem Display.
Heute vor einem Jahr begann etwas, das ich in fast jede Kategorie dieses Blogs eintüten kann.
Heute vor einem Jahr begann das, was meine Kinder später als “zweite große Wirtschaftskrise” in der Schule lernen werden.
Heute vor einem Jahr begann das, was ich zuerst für ziemlich überbewertet gehalten habe.
Heute vor einem Jahr ist Lehmann-Brothers zusammengebrochen.
Paul A. Samuelson: Economics. An Introductory Analysis
Mindestlöhne und Sozialhilfe sollen ein Instrument zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit sein. Die Umverteilung von Umsätzen von den Kapitalerträgen hin zu den Arbeitnehmereinkommen führt bei fallender Konsumquote zu höheren Konsumausgaben, argumentieren Ökonomen. Mindestlöhne sorgen aber auch für Ausweichreaktionen auf andere Produktionsfaktoren als menschliche Arbeit und erhöhen den Markteintrittspreis der Produzenten, argumentieren andere Ökonomen. Im Extremfall können so Arbeitsplätze vernichtet und das Volkseinkommen verringert werden, beweisen Studien. Auf der anderen Seite kann bei höheren Stundenlöhnen auch die Wahl zwischen Freizeit und Arbeit beeinflusst werden – ebenfalls in beide Richtungen. Doch staatliche Markteingriffe unterliegen nicht nur den Gesetzen der ökonomischen Theorie, auch die praktische Umsetzung birgt ihre Probleme.
