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	<title>Südnorddeutsche. &#187; Essays</title>
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		<title>Erwartungen.</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 09:16:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Unternehmer. Die Ungleichheit. Und das Wahlergebnis. Die Entscheidungen der Menschen hängen von ihren Erwartungen an zukünftige Entwicklungen ab – die der Unternehmer erst recht. Diese Erwartungen kann die Politik aktiv beeinflussen. Der Unternehmer wählt dann zwischen seinen Handlungsoptionen. Doch schon ein Wahlergebnis kann einen Schock darstellen, der das Wirtschaftswachstum lähmt oder fördert. Die Erwartung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Unternehmer. Die Ungleichheit. Und das Wahlergebnis.</p>
<p><span id="more-756"></span>Die Entscheidungen der Menschen hängen von ihren Erwartungen an zukünftige Entwicklungen ab – die der Unternehmer erst recht. Diese Erwartungen kann die Politik aktiv beeinflussen. Der Unternehmer wählt dann zwischen seinen Handlungsoptionen. Doch schon ein Wahlergebnis kann einen Schock darstellen, der das Wirtschaftswachstum lähmt oder fördert. Die Erwartung einer bestimmten ideologischen Ausrichtung in der Politik – einfach gesagt: sozial oder liberal – beeinflusst die potentiellen Kosten und Nutzen einer jeden Entscheidung. Die Frage nach der guten Regierung könnte dadurch schon am Etikett scheitern. Ist dieser Einfluss in jedem Land gleichstark, oder kann in der „Marx’schen Utopiewelt“ auch eine linke Politik Wachstum hervorbringen?</p>
<p>Erich Streissler beschreibt in seinem Aufsatz Karl Marx‘ Unternehmerbegriff:</p>
<p style="text-align: right;"><em>„Die positive Rolle des Kapitalisten besteht nach Marx darin, daß er der Motor ist, der Investition, technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum schafft.“</em><em> </em><em>(S. 271)</em></p>
<p>Marx sah natürlich noch mehr im Unternehmer: vor allem einen Ausbeuter, einen Unterdrücker der Arbeiterklasse. Die von ihm bereits 1867 in „Das Kapital“ beschriebene Rolle des Motors der Wirtschaft haben später jedoch zahlreiche Theoretiker ihren Unternehmertypen zugeschrieben. Um diese Motorenfunktion auch ausfüllen zu können, braucht der Unternehmer jedoch mehr, als nur Produktivkräfte, die er ausbeuten kann: Er braucht Vertrauen.</p>
<p>Schon John Maynard Keynes beschrieb 1936 die Rolle der Hoffnung für die Wirtschaft:</p>
<p style="text-align: right;"><em>“It is safe to say that enterprise which depends on hopes<br />
stretching into the future benefits the community as a whole.”</em><em> </em><em>(p. 162)</em><em></em></p>
<p>Ist der Unternehmer jedoch nicht in der Lage, sich selbst von seiner guten Hoffnung zu überzeugen, so kann er auch kein Vertrauen aufbauen.</p>
<p>Dieses Vertrauen muss sich einerseits an seine Fähigkeiten, ein Projekt überhaupt durchführen zu können, richten. Es muss sich aber auch an die äußeren Umstände, die den Nutzen seines Projektes beeinflussen können, richten. Sind seine Erwartungen an diese negativ oder unsicher, warum sollte er dann Zeit, Geld und Herzblut in seine Unternehmung investieren? Seine Erwartungen an zukünftige Gewinne werden gedämpft, seine Hoffnung schwindet. Vielleicht wird er gar nicht mehr investieren, vielleicht wird er aber auch, wie von William Baumol befürchtet, einer unproduktiven oder destruktiven Tätigkeit nachgehen – auf dem Schwarzmarkt, vorbei an politisch motivierter Regulierung, Besteuerung oder Umverteilung. Politikwechsel können somit einen sehr starken Effekt auf Unternehmer haben, weil sie immer mit bestimmten Erwartungen an die gewählten Parteien und Personen verknüpft sind.</p>
<p>Nun sind es gerade die von Streissler angegriffenen Linken, die häufig selbsternannten marxistischen Politiker, die bei den Unternehmern wenig positive Hoffnungen aufkommen lassen. Ob in marxistischer Tradition oder nicht, soziale Politik verbinden die Wähler vor allem mit einem: Umverteilung. Liberale Politik ruft in der Regel eher nach „mehr Markt, weniger Staat“. Es soll weniger Besteuerung geben, schon gar keine Umverteilung. Jeder erntet die Früchte seiner Arbeit. Die Erhaltung der Leistungsanreize steht im Zentrum dieser Politik.</p>
<p>Was soll sich ein Unternehmer also am Morgen nach einer Wahl denken, wenn die eine oder die andere ideologische Ausrichtung die Politik der kommenden Jahre bestimmen wird? Von der sozialen Politik muss er Umverteilung erwarten. Von der liberalen Politik hingegen muss er erwarten, dass es entweder keine Änderung des Status Quo gibt, oder seine Gewinne sogar noch gesteigert werden, weil mit einer geringeren Besteuerung zu rechnen ist.</p>
<p>Dass die Erwartungen der Unternehmer nicht allein von der Politik abhängig sind, sondern auch von der bestehenden Ungleichheit im Land, legt Christian Bjørnskov dar. Sein Argument: In „links“ regierten Ländern steht mehr Ungleichheit mit weniger Wachstum in Verbindung, in „rechts“ regierten Ländern (im liberalen Sinne) hingegen mit mehr Wachstum. Begründet man Wachstum mit unternehmerischer Aktivität und unternehmerische Aktivität mit den Erwartungen an Politikmaßnahmen, wird offensichtlich, dass Wahlergebnisse das Wachstum schon beeinflussen können, bevor auch nur ein einziges Gesetz verabschiedet worden ist. Ob diese Reaktion positiv oder negativ ist, hängt vom bestehenden Niveau an Ungleichheit in der Gesellschaft ab.</p>
<p>Welchen Effekt auf das Unternehmertum soll ein Politikwechsel jedoch haben, wenn in einem Land bereits eine sehr geringe Ungleichheit vorherrscht? Ein Wechsel in Richtung einer sozialeren Politik als zuvor hätte kaum einen Effekt, da kaum eine höhere Besteuerung zu Umverteilungszwecken zu erwarten ist. Denkbar – und in der Forschung bislang kaum bedacht – wäre allerdings ein Effekt hinsichtlich der Absicherungsfunktion des Staates, wenn es zu einer liberaleren Politik käme. In einem sehr gleichen Staat wäre der soziale Abstieg im Fall eines unternehmerischen Misserfolges nur gering – wie es im Falle eines Erfolges auch der Aufstieg wäre. Die liberalere Politik macht nun größere soziale Unterschiede möglich – und erhöht damit das Risiko einer Unternehmung.</p>
<p>In einem Umfeld geringer Ungleichheit wird eine soziale Politik in der Regel kaum einen Einfluss auf das Unternehmertum haben, weil kaum Änderungen zu erwarten sind. Eine liberalere Politik hingegen könnte das Wachstum sogar bremsen. Nichtsdestotrotz: Der Effekt wird gering ausfallen.</p>
<p>Ganz anders sind da die zu erwartenden Reaktionen der Unternehmer in einer ungleichen Gesellschaft. Wird die Politik liberal – vermutlich war sie es vorher schon – ändert sich für sie nichts. Auch hier könnten Absicherungsfunktionen verloren gehen, auch hier wird der Effekt jedoch gering sein. Anders jedoch bei einem Wechsel zu einer sozialeren Politik. Deren Vertreter treten in der Regel mit dem Anspruch zur Wahl an, die Gesellschaft gleicher zu machen. Wer eine Unternehmung mit dem Ziel finanziellen Gewinns starten möchte, muss nun damit rechnen, dass die Früchte seiner Arbeit zu Umverteilungszwecken besteuert werden. Er erwartet also, dass zukünftige Politiken den erzielbaren Gewinn reduzieren. Sein Anreiz, die Unternehmung zu wagen, wird somit verringert, wie sich auch sein erwarteter Nutzen verringert.</p>
<p>In einer sehr ungleichen Gesellschaft fällt die Reaktion der Unternehmer auf einen Politikwechsel also umgekehrt aus: Sozialere Politik beeinflusst die Erwartungen stark negativ, und damit auch das Wachstum. Eine liberalere Politik hingegen sorgt für geringe Änderungen in den Leistungsanreizen, der Effekt tritt vor allem durch die Absicherungsfunktion eines umverteilenden Staates auf.</p>
<p>Sowohl bei starker, wie auch bei geringer Ungleichheit gibt es jene Unternehmer, die im Falle einer liberaleren Politik ein schwinden der Absicherungsfunktion befürchten. Diese Angst trifft jedoch nicht alle Unternehmer gleich. Wer relativ reich ist, kann sich selbst absichern. Wer relativ arm ist, hat in der Regel gar nicht die Mittel, ein unternehmerisches Wagnis einzugehen. Die Mittelschicht jedoch wird durch eine staatliche Absicherung darin befördert, als Unternehmer zum Wachstum beizutragen. Fehlt diese, wird ein Teil der Gesellschaft von der unternehmerischen Tätigkeit ferngehalten.</p>
<p>Ist der Grad an Ungleichheit jedoch gering, wird die Mittelschicht in der Regel sehr groß sein. Mit dem richtigen Maß an Absicherung kann die Politik die wirtschaftliche Entwicklung daher positiv beeinflussen, weil mehr Menschen, die nach Wohlstand streben, Wagnisse eingehen, um diesen zu erreichen.</p>
<p>Soziale Politik kann also durchaus funktionieren. Sie muss nicht die Produktions- und Investititonsanreize hemmen oder, drastischer gesagt: die Leistungsanreize zerstören, wie ihr so oft vorgeworfen wird. Ist die Gesellschaft aus materieller Perspektive bereits gleich, so dass keine Umverteilung mehr zu befürchten ist, so stellt sich auch der wachstumshemmende Effekt einer befürchteten Umverteilung nicht ein. Es gibt gar keinen Grund für eine weitere Umverteilung! Damit ist der hier untersuchte Kern der sozialen Politik jedoch auch erschöpft, eine Steigerung erscheint unnötig. Vielleicht ist in einer „gleichen“ Gesellschaft die Frage nach der politischen Ausrichtung der Regierung damit auch obsolet geworden? Nein, denn die Absicherungsfunktion, deren Fehlen die Gleichheit in der Gesellschaft ebenfalls zerstören kann, rechtfertigt die Aufrechterhaltung dieser Politik.</p>
<p>In den Fokus der Forschung könnte nun die Frage nach dem Wahlergebnis rücken: Wenn eine Gesellschaft mit geringer Ungleichheit eine liberale Politik wählt – tut sie es, weil sie keine weitere Notwendigkeit für soziale Politikmaßnahmen sieht, oder tut sie es, weil sie eigentlich gar nicht gleich sein will?</p>
<p>Politiker, die das Unternehmertum fördern wollen, sollten bei der Wahl ihrer ideologischen Ausrichtung – ihrer Partei also – die bestehende Ungleichheit im Land berücksichtigen. Weder in der liberalen noch in der sozialen Orientierung ist das Heilmittel zu finden. Auch ökonomische Gesetze der Erwartungsbildung gelten immer nur in ihrem ganz speziellen Umfeld.</p>
<p>Bei dieser Argumentation, die aus ökonomischer Sicht eher <em>gegen</em> eine linke Politik spricht, fällt allerdings auch ein starkes Argument <em>für</em> die soziale, umverteilende Politik ab: In ungleicheren Staaten ist der Effekt eines Politikwechsels stärker. Wer als Unternehmer Erwartungen bilden soll, sieht sich dadurch einer größeren Unsicherheit über kommende Umverteilungsmaßnahmen ausgesetzt. Staaten mit weniger Ungleichheit sind hingegen stabiler. Unternehmer müssen daher zwar damit rechnen, unter sozialen Politikern einer gewissen Umverteilung ausgesetzt zu sein, diese wird im Vergleich zu ungleicheren Gesellschaften nicht besonders stark ausfallen.</p>
<p>Wer ein stabiles Wachstum einem stärkeren, aber dafür unsicheren Wachstum vorzieht, sollte erst zu einer gleicheren Gesellschaft streben und dann versuchen, diese in einem Mittelmaß aus Absicherung und geringer Besteuerung möglichst stabil zu halten. Der Weg zur gleicheren Gesellschaft muss jedoch teuer erkauft werden: Mit wachstumshemmender Umverteilung.</p>
<h2>Literatur:</h2>
<p>Baumol, William J. 1990. Entrepreneurship: Productive, unproductive, and destructive. <em>Journal of Political Economy</em> 98: 893–921.</p>
<p>Bjørnskov, Christian. 2008. The Growth-Inequality Association: Government Ideology Matters. <em>Journal of Development Economics</em> 87: 300-308.</p>
<p>Keynes, John M. 1936, The General Theory of Employment, Interest and Money. 12th ed, Macmillan &amp; Co Ltd. London.</p>
<p>Streissler, Erich. Die Rolle des Unternehmers bei Marx und der Neuen Linken. In: G. Schmölders. <em>Der Unternehmer im Ansehen der Welt</em>. Lübbe.</p>
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		<title>Fantasie &amp; Wissen.</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Aug 2010 09:10:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie Grönemeyers Frage nach dem &#8220;wann ist ein Mann ein Mann&#8221; stellten sich die Ökonomen der vergangenen zwei Jahrhunderte die Frage &#8220;wann ist ein Unternehmer ein Unternehmer&#8221;? „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt“. „Ohne Unternehmertum, ohne Findigkeit bezüglich der neuen Gelegenheit bleiben Vorteile, die weit in der Zukunft liegen, unter Umständen ungenutzt.“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Wie Grönemeyers Frage nach dem &#8220;wann ist ein Mann ein Mann&#8221; stellten sich die Ökonomen der vergangenen zwei Jahrhunderte die Frage &#8220;wann ist ein Unternehmer ein Unternehmer&#8221;?</p>
<p style="text-align: right;">„<em>Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt</em>“.</p>
<p style="text-align: right;">
<p style="text-align: right;"><em>„Ohne Unternehmertum, ohne Findigkeit bezüglich der neuen Gelegenheit bleiben Vorteile, die weit in der Zukunft liegen, unter Umständen ungenutzt.“</em></p>
<p>behauptet Israel Kirzner in seinem Buch „Wettbewerb und Unternehmertum“. Damit bezieht er eine Gegenposition zu Josef Schumpeters Unternehmer, dessen ökonomische Funktion vor allem darin besteht, Märkte aus einem Gleichgewicht herauszubringen und so die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Kirzners Unternehmer erfüllen eine ganz andere Funktion:</p>
<p style="text-align: right;"><em>„Auch in der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Unternehmer als jemand anzusehen, der Gelegenheiten nicht schafft, sondern auf sie reagiert, der Gewinngelegenheiten nicht erzeugt, sondern sie wahrnimmt.“</em></p>
<p>So ist es der Kirzner’sche Unternehmer, der ein gestörtes Gleichgewicht am Markt erkennt, von diesem profitiert und die Balance dadurch wieder herstellt. Per Definition sind in einem solchen Fall das Wissen um Produktionsmethoden, die nötigen Rohstoffe und auch das Kapital verfügbar, um eine gewinnbringende Innovation erfolgen zu lassen. Kurz: Er schafft die Möglichkeiten nicht, er findet sie. Dann – und nur dann – könne der Unternehmer auch zum Bestandteil der neoklassischen Gleichgewichtsökonomik werden. Das ist intuitiv korrekt. Der Unternehmer würde zu einem Katalysator werden, der bestehende Ungleichgewichte auflöst. Ließe man die neoklassische Grundannahme der vollständigen Information fallen, wäre das Modell erst in Verbindung mit den Unternehmer-Akteuren vollständig.</p>
<p>Doch Kirzners Argumentation hat ihre Schwachstellen an entscheidenden Säulen seiner Theorie. Dass sich Gleichgewichtszustände am Markt einstellen, wenn bestehende Möglichkeiten wahrgenommen werden, ist zweifellos richtig. Ob man den, der dies tut, wirklich in den Unternehmerbegriff fassen will, ist eine Frage der Definition und sei an dieser Stelle zunächst offen gelassen. Dass die einzig denkbare Haupttätigkeit der Unternehmer jedoch die Herstellung dieser Gleichgewichte sei, erscheint zu weit hergeholt. „<em>Vorteile, die weit in der Zukunft liegen</em>“ können alle Veränderungen sein, die uns heute unbekannt sind. Die gesamte Unwissenheit der Menschheit als Marktungleichgewicht zu bezeichnen, birgt jedoch das Risiko der Unbeweisbarkeit. Akzeptiert man, dass alles, aus dem Gewinn gezogen werden kann, auch irgendwann verwirklicht wird, so lange es Unternehmer gibt, steht diese Säule der Theorie Kirzners fest. In diesem Fall wäre ein Gleichgewicht theoretisch erreicht. Dagegen steht ein Zitat Albert Einsteins: „<em>Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.</em>“</p>
<p>Gravierender ist also die Alternative: Unterstellt man, dass aus unterschiedlichen Gründen <em>niemals</em> alle Gewinnmöglichkeiten wahrgenommen werden, so ist auch das Erreichen eines ökonomischen Gleichgewichts vollkommen undenkbar. Und würde es tatsächlich erreicht, wie wollte man diesen Zustand beweisen?</p>
<p>Vielleicht liegen Vorteile in der Gegenwart, die niemals genutzt wurden. Ex post ließe sich dann ein Ungleichgewicht feststellen, wo in der Gegenwart niemand ein solches vermutet hätte. Dies führt jedoch zu einem Paradoxon: Eine Erfindung, die technisch und organisatorisch möglich wäre, und die auch einen Absatzmarkt finden würde, auf deren Idee jedoch niemals ein Unternehmer kommt oder deren Umsetzung ein solcher niemals wagt – kann sie ein Ungleichgewicht begründen? Und wenn dies niemals festgestellt wird, wie lässt sich dann ein <em>Gegenbeweis</em> für das Gleichgewicht in Kirzners Modellwelt finden?</p>
<p>Tatsächlich: Ausschließen, dass es einen solchen Gegenbeweis gibt, wird niemals möglich sein. Das Modell des Unternehmers als Katalysator einer Gleichgewichtsökonomie wird damit zum Postulat. Der Unternehmer stellt ein Gleichgewicht her, an das man glauben mag oder auch nicht. Kirzner, der mit seinem Unternehmerbegriff die Modelle der Gleichgewichtsökonomik stützen wollte, bringt sie damit endgültig zum Einsturz.</p>
<p>Auch der Wagemut als wichtige Eigenschaft des Unternehmers wird in Kirzners Modell systematisch unterschätzt. Denn ein Unternehmer, der nur einen Markt zurück in sein Gleichgewicht befördert, geht ein „unternehmerisches“ Wagnis gar nicht erst ein. Wenn auch ein gewisses Risiko in jeder unternehmerischen Aktivität liegen mag, die tiefgehende Unsicherheit einer wahren Neuerung wird ihm nie begegnen. Gerade was die Einführung neue Produkte angeht, ist diese jedoch kaum zu vermeiden.</p>
<p>Zur Lösung dieses Problems könnte man jedoch den Unternehmern jene vollkommene Information unterstellen, die andere Akteure am neoklassischen Markt in der häufig vorgebrachten Kritik nicht haben. Diese Annahme ist jedoch auf der gleichen Basis zu kritisieren wie die ursprüngliche Grundannahme der Neoklassik. Ein Unternehmer mag Wissen haben, über das andere nicht verfügen. Vollständige Informationen sind jedoch nicht denkbar, auch nicht für eine kleine Gruppe von Individuen, nicht einmal für ein einzelnes. Auch Unternehmer sind mit der Unberechenbarkeit, zum Beispiel der Konsumenten, konfrontiert. Wie sollen sie „<em>Vorteile, die weit in der Zukunft liegen</em>“ für sich zu nutzen wissen, wenn schon kurzfristig erzielbare Vorteile zwangsläufig mit Unsicherheit verbunden sind? `</p>
<p>Und selbst wenn man sich auf das Wissen um bestehende Ungleichgewichte beschränken wollte – wer schreibt dem Wissenden vor, zum Handelnden zu werden? Zahlreiche Theoretiker, unter ihnen Schumpeter und Knight, verweisen auf den Mut des Unternehmers, Möglichkeiten wahrzunehmen, als entscheidende Charaktereigenschaft.</p>
<p>Zu unterstellen, Unternehmertum wäre nur eine Reaktion auf bestehende Möglichkeiten, negiert zudem die Fähigkeit des Unternehmers, Wünsche und Bedürfnisse zu schaffen, kurz: Präferenzen zu formen. Dass dies möglich ist, zeigt die Konsumgeschichte. Die Suche nach einem Unternehmer-Begriff, dessen Definition das Besondere des Unternehmertums hervorheben soll, sollte diese Begabung nicht vernachlässigen.</p>
<p>Der Unternehmerbegriff Kirzners greift also in vielerlei Hinsicht zu kurz, teilweise greift er auch daneben. Insbesondere die von zahlreichen Autoren hervorgehobene Schöpfungskraft des Unternehmers scheint bei ihm vollkommen unter zu gehen. Der Unternehmer wird zum Suchenden, zum Reagierenden. Die Ökonomie wird damit zu einer statischen, bestenfalls noch zu einer sanft-gleitend wachsenden. Der Fall sprunghafter Entwicklungen wird auf das Aufdecken immenser ungenutzter Möglichkeiten reduziert, die Fähigkeit des Menschen, tatsächlich <em>Neues</em> zu schaffen, vollständig negiert. Die Unterstellung, jede Innovation wäre dem bestehenden ökonomischen System bereits inhärent gewesen und vom Unternehmer lediglich entdeckt worden, öffnet eine Lücke zwischen tatsächlich verwirklichten Innovationen und all jenen, die niemals zur Durchführung kamen.</p>
<p>Auch hier führt ein Zitat Albert Einsteins vielleicht zu einer Bewertung der unterschiedlichen Unternehmerbegriffe, insbesondere im Streit Kirzner gegen Schumpeter:</p>
<p style="text-align: right;">„<em>Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt</em>“.</p>
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		<title>Jobs Job.</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 09:02:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Fast einhundert Jahre alt ist Joseph Schumpeters Idee des Entrepreneurs, des innovativen, gestaltenden Unternehmers, der die Wirtschaft seiner Zeit durch die Durchsetzung neuer Kombinationen entscheidend voranbringt. Schumpeter zeichnet 1911/1926 als „Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung“, das Charakterbild eines Unternehmers, dessen außergewöhnliche Eigenschaften und – viel wichtiger – außergewöhnliche Taten ihn erst zu einem solchen machen. Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast einhundert Jahre alt ist Joseph Schumpeters Idee des Entrepreneurs, des innovativen, gestaltenden Unternehmers, der die Wirtschaft seiner Zeit durch die Durchsetzung neuer Kombinationen entscheidend voranbringt. Schumpeter zeichnet 1911/1926 als „<em>Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung</em>“, das Charakterbild eines Unternehmers, dessen außergewöhnliche Eigenschaften und – viel wichtiger – außergewöhnliche Taten ihn erst zu einem solchen machen. Ein moderner Beleg für die alte Theorie ist Steven Paul Jobs, „Steve Jobs“, einstiger Mitgründer und heutiger CEO der Firma Apple Inc.</p>
<h2><span id="more-743"></span>Der frühe Jobs.</h2>
<p>Nachdem er Mitte der 1970er Jahre zunächst die sogenannte „Blue Box“ vertrieb, mit der umsonst telefoniert werden konnte, gründete er 1976 gemeinsam mit Ronald Wayne und Steve Wozniak die Apple Computer Company. Die ersten Produkte der Firma werden die ersten Computer für Heimanwender sein. 1984 erscheint schließlich der Macintosh, der mit seiner grafischen Benutzeroberfläche als erster wirklich benutzerfreundlicher Heimcomputer gilt. Die Idee hatten die Gründer nicht aus ihrem eigenen Reihen sondern von der Firma Rank Xerox – Apple hatte lediglich die Gelegenheit ergriffen, den privaten Markt als Zielgruppe zu wählen. Schon die Gründungszeit der Firma ist daher ein deutliches Indiz für Jobs unternehmerische Tätigkeit. Schumpeter spricht von der „<em>Herstellung eines neuen, d.h. dem Konsumentenkreise noch nicht vertrauten Gutes oder einer neuen Qualität eines Gutes.</em>“</p>
<h2>Jobs neue Welt.</h2>
<p>Dem wurde Jobs nicht nur in den frühen Jahren Apples gerecht. Er wiederholte seine schöpferische Tätigkeit zum Beispiel 2001 mit dem Musikspieler iPod – den er weder erfunden noch technisch möglich gemacht hatte. Steve Jobs Leistung bestand darin, den Entwicklern seine Unterstützung zuzusagen und das Produkt dem Markt vorzustellen. Tragbare Musikgeräte mit vergleichbarer Speicherkapazität hatte es zu dieser Zeit noch nicht gegeben – es handelte sich um eine völlig neue Qualität des Gutes. Gleiches gilt auch mit Blick auf die Apple-Produkte iMac und iPhone. Vor allem mit iPod, iPhone und der Synchronisations-Software prägte er den Wert der Marke Apple am Markt neu. Das aktuellste Beispiel ist das iPad. Zwar war auch die Idee eines Tablet-Computers nicht neu, das Produkt hatte sich jedoch am Markt nie durchsetzen können. Erst Jobs gelang es, das Gerät am Markt zu etablieren.</p>
<p>Zur Durchsetzung neuer Organisationsstrukturen am Markt kommt Jobs vor allem durch den „App Store“, die Softwareplattform Apples, von der Nutzer verschiedener Apple-Geräte Software herunterladen können. Apple hat sich damit ein Monopol geschaffen: Nur über den App Store kann Software vertrieben werden, diese wird von der Firma kontrolliert – und zensiert, wie häufig kritisiert wird.</p>
<h2>Jobs Weg.</h2>
<p>Jobs Karriere bei Apple verläuft nicht kontinuierlich. Bereits 1985 muss er das Unternehmen verlassen. Es war zu Streitigkeiten mit John Sculley, dem damaligen CEO von Apple Computer gekommen, dieser setzte sich durch. Schumpeters Modell des Unternehmers hätte Jobs dieses Ereignis vielleicht prognostizieren können: <em>„Weiter kann es zu gesellschaftlicher Ablehnung des Betreffenden und schließlich zu physischer Verhinderung seiner Absicht kommen”. </em>Jobs ist von seinem selbstgegründeten Unternehmen getrennt worden. Auch nachdem er 1996 Apple Inc. zurückkehrt begegnen ihm nicht selten Anfeindungen, diesmal von Seiten der Öffentlichkeit. Von Jobs gehen also auch Effekte der<em> Führung</em> aus. Diese beziehen sich jedoch eher auf die Konsumenten als auf die Produzenten anderer Produkte der Computer-Branche. Es gilt als Teil der unternehmerischen Strategie Jobs‘, die Exklusivität der Marke und ihrer Produkte zu erhalten. Vor allem Apples technologische Struktur steht dabei in der Kritik. Die Geräte sind mit fremden Produkten in der Regel nicht oder nur nach komplexer Einstellung kompatibel, sodass zum Beispiel Hardwareproduzenten es schwer haben, für Apple zu produzieren. In Bezug auf Software hat Jobs seine Politik zwar gelockert, aber die jüngsten Streitigkeiten mit dem Adobe-Konzern haben gezeigt, dass Apple selbst einer so verbreiteten Technologie wie dem Flash-Player seine Betriebssysteme nicht öffnen muss, um am Markt konkurrenzfähig zu bleiben.</p>
<p>Effekte der <em>Führung</em> in Verbindung mit Apple-Produkten gibt es auf der Produzentenseite folglich nur sehr selektiv, wobei die Selektionskriterien nicht immer klar sind. Häufig scheint es sich um persönliche Animositäten Jobs‘ zu handeln, an anderer Stelle wieder um ein Kleinhalten potentieller zukünftiger Konkurrenten. In größerem Ausmaß lassen sich Führungseffekte daher in Bezug auf Nachahmer feststellen. Insbesondere das iPhone hat einen Konkurrenz-Markt für vielseitige und benutzerfreundliche Smartphones nach sich gezogen. Auch für das iPad deutet sich derzeit eine ähnliche Entwicklung an. Bemerkenswert ist dies insbesondere deshalb, weil es vorab keinerlei Nachfrage nach einem neuen Tablet-Computer gab. Einige Modelle waren während der 1990er Jahre am Markt sogar gescheitert. Jobs führt also ein Produkt ein, das eigentlich niemand nachfragen sollte – und findet trotzdem Absatz.</p>
<p>Mit dem iPhone, bei welchem auch die Bewegung hin zu immer kleiner werdenden Mobiltelefonen ignoriert und auf ein großes Display gesetzt wird, zeichnet sich auch ein Trend ab, der zu einer größeren Produktivität des gesamten sozioökonomischen Lebens beiträgt: Die Expansion des mobilen Internets. Als in großer Zahl Empfangsgeräte in das Netzwerk einströmten, mussten die Anbieter von Internetplattformen und Netzzugängen reagieren. Die Seiten-Betreiber hatten neue Arbeit in der Umprogrammierung ihrer Seiten und dem zur Verfügung stellen von „Apps“. Die Netzbetreiber hatten einen Anreiz, ihre Infrastruktur möglichst schnell zu mehr Leistungsfähigkeit auszubauen. So regte Steve Jobs mit einem neuen Mobiltelefon eine ganze Industrie zu neuem Wachstum an. Walt Rostow würde hier von einem Führungssektorkomplex sprechen und tatsächlich geht dieses Konzept auf die Ideen Schumpeters zurück.</p>
<h2>Jobs Einfachheit.</h2>
<p>Ein weiterer Aspekt ist die Einfachheit in der Bedienung. Jobs legt alle Apple-Produkte auf Unkompliziertheit aus – und dies, obwohl Apple-Computer bis vor wenigen Jahren meist geschäftlich genutzt wurden. Als Apple seinen Marktanteil vergrößern konnte und sich durch die Verfügbarkeit neuer, mit anderen Produkten kompatibler Software Netzwerkeffekte einstellen, müssen auch andere Anbieter reagieren und die Bedienbarkeit ihrer Programme vereinfachen. Diese hatten zuvor eher komplexere Systeme geschaffen. Hier folgte Apple als einziger Anbieter einer Nachfrage der Konsumenten.</p>
<p>Jobs verliert in der Zeit zwischen seiner Apple-Tätigkeit jedoch nicht seine Eigenschaft als Schumpeter’scher Entrepreneur. Er gründet die Computerfirma NeXT, die später die Basis für das Apple Betriebssystem OS X liefern wird. Außerdem kauft Jobs eine GrafikAbteilung von George Lucas‘ Lucasfilm Graphics Groups und gründet die Pixar Animation Studios. Zunächst werden nur Kurzfilme, zum Beispiel zu Werbezwecken, produziert. 1995 erscheint in Zusammenarbeit mit Disney die „Toy Story“, der erste vollständige Animationsfilm. Und Steve Jobs, der wohl schon vier Jahre nach der Gründung von Apple Computer Millionär geworden war, wird zum Milliardär. So scheint auch dieser Satz Schumpeters charakteristisch für einen Mann zu sein, den er niemals kennengelernt hatte: <em>„Er schafft rastlos, weil er nicht anders kann, er lebt nicht dazu, um sich des Erworbenen genießend zu erfreuen.“ </em></p>
<h2><em>Jobs Wille.<br />
</em></h2>
<p>Es mag zu weit gehen, Steve Jobs zu unterstellen, er wolle weder reich werden noch sich an seinem Reichtum erfreuen. Doch tatsächlich hat er sich seit seiner Rückkehr zu Apple jeweils nur einen US-Dollar Lohn pro Jahr zahlen lassen. Dafür bekam er, der wie erwähnt längst Milliardär ist, allerdings Aktienoptionen und ein Flugzeug von seinem Unternehmen – und natürlich Spesenerstattungen.</p>
<p>Steve Jobs Charakterzüge ohne gezielte Befragung feststellen zu wollen gestaltet sich schwierig. Dennoch können auf der Basis von Schumpeters Modell des Entrepreneurs einige Annahmen über die tieferen Beweggründe seines Handelns getroffen werden:</p>
<p><em>„Da ist zunächst der Traum und der Wille, ein privates Reich zu gründen”. </em>Eben dieses ist Steve Jobs gelungen. Als CEO von Apple ist er in der Lage, strategische Entscheidungen für das Unternehmen annähernd allein zu treffen. Nachdem ihm „sein Reich“ 1985 zwischenzeitlich abhanden gekommen war, gründete er mit NeXT und Pixar direkt zwei neue und führte sie zu ähnlichem Erfolg. Nachdem er Apple wieder übernommen hatte, gilt der Konzern als fixiert auf seine Person – so sehr, dass der Markenname Apple mit 11 Milliarden U.S.-Dollar im Vergleich zu anderen Marken wenig wert ist.</p>
<p><em>„Da ist sodann der Siegerwille. Kämpfenwollen einerseits, Erfolghabenwollen des Erfolges als solchen wegen andrerseits.“ </em>Steve Jobs hat gesiegt. Spätestens 1996, als Apple Inc. ihn in das von der gewaltigen Konkurrenz am Markt stark geschwächte Unternehmen zurückholte und ihm zunächst beratende, dann die leitende Tätigkeit gab. Und dann war es gerade die letzte von Schumpeters zentralen Eigenschaften des Unternehmers, der Apple wieder attraktiv machte: <em>„Freude am Gestalten endlich ist eine dritte solche Motivfamilie“. </em>Das Design machte die Produkte des Konzerns zu Trendobjekten. So steht beim Kauf nicht nur die Funktionalität im Vordergrund, sondern auch die Gestaltung des Artikels und die Attraktivität der Marke.</p>
<p>Schumpeter fordert von seinem Unternehmertypus jedoch viel. Nur die tatsächliche unternehmerische Aktivität zählt, um ein solcher zu sein, <em>„weshalb der den Charakter verliert, wenn er die geschaffene Unternehmung dann kreislaufmäßig weiterbetreibt“. </em>Diesen Charakter hat Jobs bis heute wohl niemals verloren. Eine dauerhafte Untätigkeit, ein Verharren in der funktionierenden Produktlinie lässt sich nicht feststellen.</p>
<p>So scheint es gerade einer wie Steve Jobs zu sein, von dem Joseph Schumpeter zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gesprochen hatte. Die Bewertung dieser Tätigkeit gestaltet sich jedoch schwierig. Gerade die quasi-monopolistischen Bestrebungen des Unternehmens sind mit Blick auf die Gesamtwirtschaft durchaus kritisch zu sehen, ebenso wie es die totale Fokussierung des Unternehmens auf die Figur Steve Jobs ist. So leicht wird es keinem anderen Entrepreneur gelingen, später einmal an Jobs Stelle zu treten.</p>
<h2>Literatur:</h2>
<p>Schumpeter, Joseph A., <em>Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus</em>, Zweite Aufl. Berlin 1926, S. 99-139.</p>
<p>Observer.guardian.co.uk: „<a title="Observer" href="http://www.guardian.co.uk/media/2006/jan/29/citynews.apple" target="_blank"><em>The non-stop revolutionary</em></a>“ vom 29. Januar 2006.</p>
<p>Welt.de: „<a title="WELT.de" href="http://www.welt.de/print-wams/article140717/Der_Mann_der_die_Welt_neu_erfand.html" target="_blank"><em>Der Mann, der die Welt neu erfand</em></a>“ vom 9. April 2006.</p>
<p>Capital.de: „<a title="Capital.de" href="http://www.capital.de/unternehmen/100008049.html" target="_blank"><em>His Steveness</em></a>“ vom 26. Oktober 2007.</p>
<p>Welt.de: „<a title="WELT.de" href="http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article2419788/Steve-Jobs-Superheld-der-Generation-iPod.html" target="_blank"><em>Steve Jobs – Superheld der Generation iPod</em></a>“ vom 9. September 2008.</p>
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		<title>Perfectonomics.</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 09:04:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Führungsqualität]]></category>
		<category><![CDATA[Markt]]></category>
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		<category><![CDATA[Unternehmer]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Unternehmer hat es schwer in einer neoklassischen Modellwelt. Bei Joseph Alois Schumpeter verstanden als einer, der den inneren Drang verspürt, sich zu entwickeln, sein Umfeld zu gestalten, wird ihm in der neoklassischen Ökonomie blanker Eigennutz unterstellt. Und er, der die Wirtschaft seiner Zeit vorantreiben und sogar neues Wachstum anregen kann, verliert unter den Annahmen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Unternehmer hat es schwer in einer neoklassischen Modellwelt. Bei Joseph Alois Schumpeter verstanden als einer, der den inneren Drang verspürt, sich zu entwickeln, sein Umfeld zu gestalten, wird ihm in der neoklassischen Ökonomie blanker Eigennutz unterstellt. Und er, der die Wirtschaft seiner Zeit vorantreiben und sogar neues Wachstum anregen kann, verliert unter den Annahmen der Theoretiker jede Funktion. Mark Blaug stellt, mit Bezug zu Humberto Barreto, fest:</p>
<p style="text-align: right;"><em>„We can have either entrepreneurship or the<br />
neoclassical theory of the firm but we cannot have both.</em><em>“</em></p>
<p><em><span id="more-749"></span><br />
</em></p>
<p>Aber wie sollte diese Entscheidung zu treffen sein? Die Existenz von Unternehmern lässt sich empirisch belegen – ist also auch ökonomisch kaum zu verleugnen. Die neoklassische Theorie kann mittlerweile aber auch auf fast anderthalb Jahrhunderte – nicht ganz durchgängiger – Anerkennung zurückblicken.</p>
<p>Der Unternehmer bei Schumpeter wird auf ganz besondere Weise tätig – er setzt neue Kombinationen durch. Ob es sich um ein am Markt vollkommen neues Gut handelt, um einen neuen Markt für ein altes Gut, eine neue Herstellungsmethode, andere Rohstoffe oder einfach eine Umorganisation der eigenen Marktstellung – den Unternehmer zeichnet aus, diese Wege nicht (nur) zu ersinnen oder zu ermöglichen: Er beschreitet sie. So trennt Schumpeter den Unternehmer auch klar vom Kapitalisten, vom Verwalter und, weniger neu, vom Erfinder. Über diese betriebswirtschaftlichen Funktionen des Unternehmers geht Schumpeter jedoch hinaus, er spricht von „<em>Initiative, Autorität, Voraussicht</em>“. Eigenschaften, für die es „<em>wenig Betätigung im Automatismus eines ausbalancierten Kreislaufs</em>“ gebe. Hier macht Schumpeter selbst das Problem der neoklassischen Theorie und seines Unternehmer-Konzeptes klar: Für diesen Typus von Menschen gibt es in einer Gleichgewichtsökonomie keine Betätigung, sie funktioniert auch ohne Unternehmer.</p>
<p>Ohne Unternehmer funktioniert die Gleichgewichtsökonomie sogar wesentlich besser, als sie es mit solchen täte. Die Aufgabe des Unternehmers, wie Schumpeter ihn definiert, ist es schließlich mit Nichten, Ungleichgewichte aufzuspüren und für sich zu nutzen. Dies würde neben Israel Kirzners Unternehmertypus auch der rational handelnde <em>homo oeconomicus</em>, wie ihn die Neoklassik heranzieht, tun. Er, beziehungsweise im neoklassischen Modell sogar eine ganze Masse von seiner Art, würden dies sogar in unendlich kurzer Zeit tun. So betrachtet die Neoklassik Zeiträume, die so kurz sind, dass es sich nur noch um Zeitpunkte handelt. In der <em>ceteris paribus</em> Bedingung wird ein statisches Modell betrachtet, nichts verändert sich. Schon gar nicht kann es zu kognitiven Grenzen der Marktteilnehmer kommen – und wo doch, würden sich diese gegenseitig aufheben, die Macht der großen Zahl gilt uneingeschränkt. Jedes potentielle Ungleichgewicht würde unverzüglich aufgedeckt, genutzt und beseitigt werden. Tatsächlich kann es so gar nicht mehr zu der Entstehung von nennenswerten Ungleichgewichten kommen. Dabei handelt jedes Individuum aus purem Egoismus: Es will seinen Nutzen, im Zweifelsfall seinen Reichtum, vermehren. Der rationale <em>homo oeconomicus </em>steht dabei im totalen Gegensatz zu Schumpeters Unternehmer, der einem Leistungssportler oder Künstler gleich, aus seiner Persönlichkeit heraus jede Motivation zu wirtschaftlichem Handeln zieht und materielle Vorteile manchmal sogar nur noch als Nebenprodukt erringt.</p>
<p>Allerdings ist es die bereits beschriebene Eigenschaft des Unternehmers, neue Kombinationen durchzusetzen, mit der dieser die Volkswirtschaft nicht in ein Gleichgewicht, sondern vielmehr aus einem solchen heraus bringen kann. Dieses Ungleichgewicht lässt die Neoklassik jedoch gar nicht erst zu. Etwas Neues zu schaffen, zum Beispiel ein Gut, Rohstoffverwertung oder eine Produktionsmethode, hieße schließlich, dass dieses Neue zuvor nicht bekannt gewesen sei. Grundannahme ist jedoch, dass alle Marktteilnehmer vollständig informiert sind. Zu einer Notwendigkeit der Bewältigung einer „<em>ungewohnten Aufgabe</em>“, die Unternehmercharakter verlangt, könnte es also niemals kommen, weil es keine unkalkulierbare Unsicherheit gibt. Die Existenz derartiger Aufgaben ist also von vornherein ebenso ausgeschlossen, wie die Möglichkeit, dass ein Unternehmer ein am Markt vollkommen unbekanntes Gut einführt und den Konsumenten anträgt. In der Neoklassik hätte es entweder vorher schon einen Bedarf für dieses Gut gegeben, dann wäre er allerdings auch schon früher gedeckt worden und in der betrachteten Zeitpunkt-Welt vorhanden. Oder es gibt eben keinen Bedarf für dieses Gut, dann wird es auch niemand kaufen. Präferenzen sind exogen gegeben, eine systemimmanente, endogene Veränderung erscheint unvorstellbar, daher auch die Schaffung vollkommen neuer Bedürfnisse, wie sie zum Beispiel das Say’sche Theorem vorschlägt: <em>Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage</em>.</p>
<p>Eine scheinbare Lücke findet sich jedoch in dem Theoriegebäude aus vollständiger Information und gleichstarken Marktteilnehmern: Schumpeter unterstellt seinem Unternehmertypus vor allem, aus vorhandener Information – wie sie in der Neoklassik alle Marktteilnehmer gleichermaßen hätten – mehr machen zu können als andere. Es ist die Fähigkeit, Bekanntes auf neue Art zu durchdenken und zu bewerten, die den Unternehmer zum Führer seiner Zeit macht. Dies kann er auch, wenn er das gleiche Wissen wie alle anderen Marktteilnehmer hat, ihm reichen seine kognitiven Fähigkeiten. Die Existenz eines Einzigen, der mehr als <em>homo oeconomicus</em> ist, könnte also zu einer Innovation führen, die den vollkommenen Markt aus dem Gleichgewicht bringt – und Wachstum ermöglicht. Doch auch an dieser Stelle ist das neoklassische Modell abgesichert, denn ebenso wird die Existenz räumlicher Schranken dementiert – eine für die Entstehungszeit der Neoklassik sehr starke Annahme, gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert schließlich weder die elektronische Datenübermittlung noch regelmäßigen Flugverkehr. Trotzdem sollen die Märkte zu jeder Zeit in kürzester Zeit in der Lage sein, sich Veränderungen in Gütermengen, -qualitäten oder Zahlungsströmen anzupassen und damit Arbitrage-Gewinne unmöglich machen. Für den Schumpeter’schen Unternehmer heißt dies, dass auch die Erschließung neuer Märkte ihm keinen Vorteil verschafft, ebenso wie Vorteile der Produktdifferenzierung, wenn sie denn jemals aufträten, unverzüglich ausgeglichen werden würden.</p>
<p>Die Änderung seiner Marktstellung – zum Beispiel der Aufstieg zum Monopolisten, ist wiederrum per Annahme vollständiger Konkurrenz ausgeschlossen. Durch diese bleibt dem Unternehmer, der eigentlich nur noch ein Produzent ist, nicht einmal der Dreh an der Preisschraube gestattet, da er in der Masse der Anbieter am Markt als Preisnehmer fungiert.</p>
<p>Barreto und Blaugs These, dass sich Entrepreneurship und Neoklassik ausschließen, kann zugestimmt werden. Doch Schumpeter selbst macht schon in seinem „<em>Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung</em>“ klar: Sein Unternehmer ist gar nicht für die neoklassische Modellwelt erdacht worden. Schumpeter lehnte diese ab, da sie die Dynamik des Wirtschaftslebens nicht erklären konnte. Gleichzeitig erscheint es, als habe die Neoklassik hohe Schranken errichtet, um den Unternehmer als speziellen Akteur auszugrenzen. Entstanden ist ein in sich geschlossenes, vollständiges System, welches sich mit der Allgemeingültigkeit einer exakten Wissenschaft verteidigen will. Blaug nennt dies mit Rückgriff auf Debreu, Arrow und Hahn eine formalisierte Darstellung, die weder beschreibenden noch praktischen Wert hat und trifft, angesichts der vorangehenden Darstellungen, mit diesen Worten wohl den Kern. Auch bei tieferer Betrachtung wirkt Schumpeters Konzept offen und realitätsnah, empirische Belege lassen sich in der Wirtschaftsgeschichte, wie auch in der Gegenwart finden.</p>
<p>Die neoklassische Theorie bleibt dennoch vor allem in der Lehre bis auf weiteres dominierend. Und das auf der Basis eines Gleichgewichts, für dessen Existenz oder bloße Erreichbarkeit es laut Franklin Fischer keinen Beweis gibt. Kein Wunder, zu lehren und zu verteidigen ist eine in sich geschlossene Modellwelt schließlich uneingeschränkt. Sie muss sich nicht den Vorwurf der Fehlerhaftigkeit gefallen lassen, erhebt sie schließlich niemals den Anspruch, außerhalb der Grenzen ihrer Annahmen Gültigkeit zu besitzen. So haben die Ökonomen der Neoklassik <em>perfect Economics</em> geschaffen.</p>
<p>Die aktuelle Forschung folgt jedoch wieder eher Schumpeter: Ein Beispiel ist die Neue Institutionenökonomik, die unter anderem beschränkte Märkte und Rationalität zulässt und sich der Existenz endogener Präferenzen öffnet. Wie Schumpeter nähert sie sich wieder den Bedingungen an tatsächlich existierenden Märkten zu, an statt hypothetische Situationen an hypothetischen, jedoch niemals beobachtbaren Märkten zu Untersuchen und zu Beschreiben.</p>
<p>Wenn Schumpeter den Unternehmer als Außenseiter und Pionier bezeichnet, so war er für die Ökonomik als Wissenschaft vielleicht selbst ein solcher. Während alle anderen sich der bekannten und formal gleichförmigen Modellwelt zuwendeten, suchte er eine neue Richtung und wandte sich – in Anbetracht der zahlreichen streitbaren Punkte – wahrscheinlich ganz bewusst gegen die neoklassische Theorie. Mit seinem Unternehmer-Konzept bediente er zwar keine existierende Nachfrage, schuf aber vielleicht eine neue: Die Nach-Frage nach dem Funktionieren von echten – tatsächlich existierenden – Volkswirtschaften.</p>
<h2>Literatur:</h2>
<p>Blaug, Marc, <em>Entrepreneurship in the History of Economic Thought</em>. In: Boettke, Peter J. / Ikeda, Sanford (Hg.) Advances in Austrian Economics, Vol. 5. London 1998, S. 217-239.</p>
<p>Schumpeter, Joseph A., <em>Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus</em>, Zweite Aufl. Berlin 1926, S. 99-139.</p>
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		<title>Recht. Ökonomisch. 2: Bürgschaft.</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Dec 2009 18:04:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Aus ökonomischer Perspektive dienen Rechtsnormen dazu, die wirtschaftlichen Interaktionen verschiedener Individuen (resp. Unternehmen) möglichst komplikationslos zu gestalten. Ziel ist es aus wohlfahrtstheoretischem Blickwinkel, durch effiziente Transaktionen all jene Verträge zu Stande kommen zu lassen, die für alle Beteiligten einen Pareto-optimalen Zustand zur Folge haben. Eines der wichtigsten deutschen Instrumente für die optimale Allokation von Geldmitteln [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus ökonomischer Perspektive dienen Rechtsnormen dazu, die wirtschaftlichen Interaktionen verschiedener Individuen (resp. Unternehmen) möglichst komplikationslos zu gestalten. Ziel ist es aus wohlfahrtstheoretischem Blickwinkel, durch effiziente Transaktionen all jene Verträge zu Stande kommen zu lassen, die für alle Beteiligten einen Pareto-optimalen Zustand zur Folge haben. Eines der wichtigsten deutschen Instrumente für die optimale Allokation von Geldmitteln ist die Bürgschaftserklärung nach § 765 BGB.</p>
<p><span id="more-659"></span></p>
<h2>Wohlfahrtssteigerung.</h2>
<p>Eine Möglichkeit der Pareto-Verbesserung für alle Parteien ist die Gewährung eines Kredits. Ein Kreditgeber gewährt einem Kreditnehmer eine beliebige Summe Geld. Dieser kann sie nutzen und zu einem späteren Zeitpunkt zurückzahlen. Für die Kreditvergabe als Dienstleistung verlangt der Kreditgeber Zinsen und kommt so zu einer Nutzensteigerung. Dem Kreditnehmer wird sein sofortiger Nutzen wertvoller sein als das Warten auf eigene Ersparnisse oder Verdienste, sonst würde er den Kredit nicht aufnehmen. Auch ihm entsteht also ein Nutzengewinn. Verwendet er das Geld aber zum Beispiel für eine Geschäftstätigkeit, aus der er später einen Erlös ziehen kann, der Investitionen und Kreditkosten übersteigt, entsteht ihm ein finanzieller Gewinn. Gesamtgesellschaftlich ergibt sich eine Wohlfahrtssteigerung.</p>
<h2>Wohlfahrtsrisiko.</h2>
<p>Doch hängt nicht nur die allgemeine Wohlfahrtssteigerung vom Erfolg des Unternehmers ab: Auch die Kreditrückzahlung sowie der persönliche Gewinn des Kreditgebers aus den Zinsen würden bei einer ungeschickten Investition ausfallen. Der Erfüllungsanspruch aus § 362 BGB bliebe zwar bestehen, wäre jedoch durch die fehlende Zahlungsfähigkeit des Schuldners nicht mehr durchsetzbar. Die Kosten des Kredits, also die Zinsen, hängen vom Ausfallrisiko für den Kreditgeber ab. Daher sind in Deutschland Kreditsicherheiten nach § 232 Abs. 1 BGB üblich geworden. Der Kreditgeber hat die Möglichkeit, im Falle eines Ausfalls auf die Kreditsicherheit zurückzugreifen, sein Risiko ist also gesunken. Gleichzeitig sinken für den Kreditnehmer die Kosten. Doch nicht jeder Kreditnehmer kann eine solche Sicherheit auch geben. Gute Geschäftsideen würden so aufgrund fehlender Sicherheiten unter Umständen nicht zu Stande kommen. Hier kann nach Absatz 2 ein Bürge einspringen und mit seinem persönlichen Vermögen Gewährleistung für die Schuld anbieten.</p>
<h2>Asymmetrische Information.</h2>
<p>Zur Bewertung des Risikos muss der Kreditgeber zunächst einmal Informationen über die Zuverlässigkeit des Kreditnehmers haben. Die Informationslage ist jedoch asymmetrisch, für den Kreditgeber sind wesentliche Informationen in der Regel schwer zu beschaffen. Vorherige Betrugstaten mögen sich vielleicht aufdecken lassen, spätestens bei Plänen zu einem zukünftigen Betrug – eben am Gläubiger selbst – kann keine Aussage mehr über die Aufrichtigkeit des Schuldners getroffen werden. Die Unsicherheit über verborgene Handlungen resp. opportunistisches Verhalten kann die Risikobewertung eines Risiko-aversen Kreditgebers ineffizient in die Höhe treiben. Der Bürge wird in der Regel jedoch aus dem direkten privaten Umfeld des Kreditnehmers stammen. Er kann daher die Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit des Schuldners besser beurteilen.</p>
<h2>Gute Schuldner.</h2>
<p>Umgekehrt hat der Bürgschaftsvertrag zwischen dem Gläubiger und einer Person aus dem privaten Umfeld auch Effekte auf den Schuldner selbst. Im Geschäft mit der Bank spielt für ihn nur die Frage seines individuellen Nutzens eine Rolle: Lohnt es sich, die Schuld zu begleichen? Unter Abwägung aller ihm bekannten Folgen, zum Beispiel Gerichtsprozess, Strafe oder Offenbarungseid, könnte er trotzdem einen höheren Nutzen erwarten, wenn er das Geld ausgibt und dann versucht, sich der Schuldrückzahlung zu entziehen. Besteht hingegen ein Bürgschaftsvertrag, können emotionale Bindungen zwischen Bürgen und Schuldner Letzterem einen zusätzlichen Anreiz zu ehrlichem &#8211; also vertragstreuem – Verhalten bieten. Dies steht im Gegensatz zum moralischen Risiko bei Versicherungen. Die Wahrscheinlichkeit eines Schadens steigt dabei in der Regel an, weil der Versicherungsnehmer sich risikofreudiger verhält, wenn ein Dritter für einen eventuell entstehenden Schaden aufkommt. Liegt eine emotionale Bindung vor, könnte eher zu risikoaversem Verhalten tendieren.</p>
<p><em>Für den Kreditgeber entfällt somit die Unsicherheit in Bezug auf opportunistisches Verhalten, sie wird vom Bürgen getragen und abgemildert.</em></p>
<h2><em>Sach. Verstand.<br />
</em></h2>
<p>Zur Bewertung des Risikos bei der Kreditvergabe braucht der Geber außerdem Sachverstand. Die Erfolgsaussichten unternehmerischer Projekte können jedoch unter Umständen schwer zu bemessen sein. Fehlen dem (risikoaversen) Kreditgeber besondere Kenntnisse über Märkte, Konsumentenwünsche oder zum Beispiel technische Fragen, kann er unabhängig von der Persönlichkeit des potentiellen Kreditnehmers auch dessen Erfolgsaussichten unterbewerten, die Zinsen also wegen des höheren Ausfallrisikos zu hoch ansetzen. Ökonomisch handelt es sich hier um adverse Selektion, da die Qualität der Investition für den Kreditgeber nicht direkt beobachtbar bzw. beurteilbar ist. Dies mindert die Rentabilität des unternehmerischen Vorhabens oder wirkt sogar abschreckend. Obwohl beide Vertragsparteien durch ein Zustandekommen des Kreditvertrages besser gestellt sein könnten, kommt er im Extremfall also Aufgrund kognitiver Grenzen nicht zu Stande. Auch an dieser Stelle kann ein sachverständiger Bürge einspringen. Der Kreditgeber braucht dann das Ausfallrisiko aus dem geplanten Projekt seines Schuldners nicht mehr korrekt bewerten zu können. Ihm reicht es, wenn der Bürge potentiell zahlungsfähig ist. Die kognitiven Grenzen werden somit umgangen.</p>
<h2>Nicht perfekt aber nützlich.</h2>
<p>Der Bürgschaftsvertrag an sich ist aus ökonomischer Perspektive nur schwach Pareto-Effizient: Das Risiko des Kreditgebers geht auf den Bürgen über. Dieser hat entweder keine Nutzenerhöhung (höchstens durch Altruismus) oder einen geringeren Nutzen, weil er die Forderung gegen den Schuldner selbst eintreiben muss. Der Kreditgeber hat einen höheren Erwartungsnutzen, weil das Risiko des Forderungsausfalls für ihn gemindert ist. Der Kreditnehmer hat einen höheren Nutzen als ohne die Bürgschaft, weil er Kreditkosten spart.</p>
<h2>Risikoverteilung?</h2>
<p>Ökonomisch stellt sich nun jedoch auch die Frage, ob der Bürge überhaupt der geeignete Risikoträger ist. Um diesem die Tragweite seiner Bürgschaftserklärung klar zu machen, verlangt § 766 S. 1 BGB die Schriftform des Bürgschaftsvertrages. Trotzdem könnte man feststellen, dass der Kreditgeber, der Kredite vielleicht regelmäßig geschäftlich vergibt, das Risiko besser und günstiger versichern könnte. Dem stehen jedoch die geringeren Informationskosten des Bürgen gegenüber. Die Gefahr der Wohlfahrtsminderung liegt daher vor allem in einem möglichen begrenzt-rationalen Verhalten des Bürgen. So könnten Kredite für ineffiziente Investitionen vergeben werden, wenn sich der Kreditgebe auf das Urteilsvermögen des Bürgens verlässt.</p>
<p><em>Dennoch ist die Möglichkeit einer Bürgschaft als Kreditsicherungsinstrument wertvoll für das reibungslose Funktionieren von Kapitalinvestitionen. Die optimale Allokation von Geldmitteln ist durch die eventuelle begrenzte Rationalität des Bürgen zwar gefährdet, aber nicht zwingend eingeschränkt.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Recht ökonomisch?</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2009/recht-oekonomisch-analyse-bizer-gubaydullina-goettingen.html</link>
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		<pubDate>Sat, 21 Nov 2009 17:16:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Göttingen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Studium]]></category>
		<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>

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		<description><![CDATA[Gesellschaften müssen sich an der Qualität ihres Rechtssystems messen lassen. Aber worin liegt eigentlich diese Qualität? Gewünscht ist oft eine Verhaltenssteuerung, die den Individuen ihre Freiheit nicht raubt. Gar nicht so einfach. Erst denken, dann lenken. Gesetze als Institutionen setzen dem Zusammenleben in einem Staat Grenzen und bilden gleichzeitig ökonomische Anreize für oder gegen bestimmte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gesellschaften müssen sich an der Qualität ihres Rechtssystems messen lassen. Aber worin liegt eigentlich diese Qualität? Gewünscht ist oft eine Verhaltenssteuerung, die den Individuen ihre Freiheit nicht raubt. Gar nicht so einfach.</p>
<p><span id="more-621"></span></p>
<h1>Erst denken, dann lenken.</h1>
<p>Gesetze als Institutionen setzen dem Zusammenleben in einem Staat Grenzen und bilden gleichzeitig ökonomische Anreize für oder gegen bestimmte Handlungsentscheidungen. Bei diesen Anreizen handelt es sich aus der Perspektive der Akteure um Restriktionen bei der Wahl der Verhaltensalternative. Die legislative Gewalt, die gesetzgebende, ist in der Gewaltenteilung der Demokratie für die Erarbeitung neuer Gesetze zuständig. Dabei muss sie einerseits normative Wertvorstellungen der Gesellschaft, also der Wähler, berücksichtigen, andererseits aber auch Effizienz- und Freiheitskriterien. So fragt auch die Rechtsprechung des deutschen Verfassungsgerichtes danach, ob ein zu prüfendes Gesetz in seiner Wirkung verhältnismäßig ist. Mögliche Einschränkungen der freien Handlungswahl der Individuen sollen dem angestrebten Ziel angemessen sein. Der Eingriff in die persönliche Freiheit des Individuums soll dabei jedoch auch nicht tiefer als unbedingt erforderlich sein.</p>
<p>Mit steigender Komplexität des deutschen Rechte-Kanons wird jedoch auch die Abschätzung der Folgen eines Gesetzes schwieriger. Rationale Schlussfolgerungen und Handlungsanpassungen verschiedener Individuen müssen und werden nicht immer deckungsgleich sein. Außerdem können unerwartete Verhaltensänderungen auftreten, wenn die Gesetzesfolgen nicht korrekt abgeschätzt werden. Neben der Frage nach der Verhältnismäßigkeit steht daher auch die Frage nach der Eignung im Vordergrund: Wird das angestrebte Ziel durch das neue Gesetz überhaupt erreicht?</p>
<h1>Wo will man hin?</h1>
<p>Im Mittelpunkt dieser Untersuchung steht das handelnde Individuum, der Akteur. Es wählt aus verschiedenen Handlungsalternativen aus. Der Gesetzgeber will diese nun regulieren. Dem Gesetzgeber stellen sich bei der Lösung eines solchen <em>regulatory choice</em> Problems drei Aufgaben: Zunächst muss ein Ziel als erstrebenswert erkannt oder gesetzt werden. Dann müssen Instrumente zur Erreichung dieses Ziels gewählt werden. Diese müssen drittens auf ihre gewünschten und nicht-gewünschten Wirkungen untersucht werden. Erst wenn alle möglichen Regulationsalternativen auf diese Art analysiert wurden, sollte die Entscheidung für ein Instrument getroffen werden.</p>
<p>Die zentrale Kritik an einer ökonomischen Analyse des Rechts basiert auf der These, dass viele Rechtsbereiche auf den ersten Blick keine Effizienzanalyse erlauben. Das ist nicht abzustreiten, doch vielfach geht es dem Ökonom auch nicht um eine Bewertung des zu erreichenden Ziels. Ziele können der ökonomischen Effizienz dienen, so zum Beispiel bei Umwelt- oder Wirtschaftsfragen. Ziele können aber in gleichem Maße soziale Normen reflektieren, also wertend als gesellschaftlich wünschenswert betrachtet werden. Aufgabe der Ökonomik ist es im zweitgenannten Fall lediglich, verschiedene Instrumente zur Erreichung des gesetzten Ziels zu untersuchen und das effizienteste unter ihnen zu identifizieren.</p>
<h1>Wie handelt der Mensch?</h1>
<p>Zu diesem Zweck ist es notwendig, das Verhalten der beteiligten Akteure vorauszusagen. Hier liegt der zweite Kritikpunkt anderer Wissenschaften: Das Standardindividuum der Ökonomik, der <em>homo oeconomicus</em>, ist nur durch Anreize gesteuert. Dies macht die Gesetzesfolgenschätzung durchaus sehr einfach: Gesetzlich festgelegte Strafen in Verbindung mit dem Risiko, bei einer Gesetzesübertretung erwischt zu werden, bilden die Restriktionen. Diese werden ins Verhältnis zum Nutzen aus der Nichtbefolgung gesetzt, welcher sich aus den individuellen, unveränderlichen Präferenzen ergibt. Das perfekt informierte Individuum trifft seine eigennützige Entscheidung nur in der gegebenen Situation und hält sich an das Gesetz oder auch nicht. Durch eine Veränderung der Restriktionen kann der Gesetzgeber also die Handlungsentscheidung des Akteurs beeinflussen. Zu analysieren wäre in diesem Fall, welche Anreize zur Verhaltenssteuerung notwendig bzw. ausreichend sind.</p>
<h1>Wie handelt der Mensch wirklich?</h1>
<p>Doch in der Realität verhalten sich die Individuen nicht immer rational. Um in der ökonomischen Analyse das Verhalten der Akteure realitätsnah abbilden zu können, lässt sich das Modell des <em>homo</em> <em>oeconomicus institutionalis</em> verwenden. Hierbei wird nicht nur von einer Anreiz-orientierten Verhaltensanpassung ausgegangen. In der nächsten Stufe wird untersucht, ob sogenanntes rational-regelgebundenes Verhalten vorliegt. Dann würden die Akteure für ihr Verhalten in komplexen Situationen Regeln anlegen, nach denen sie sich – insbesondere im Wiederholungsfall – richten. Hier kann zwar eine nutzenmaximierende Entscheidung stattgefunden haben, diese wäre jedoch nicht situativ. Ändern sich die Restriktionen – würde also zum Beispiel ein Versuch der Verhaltenssteuerung durch Gesetzesänderung versucht werden – ist nicht zwingend eine Verhaltensänderung zu erwarten.</p>
<p>Ähnliches gilt bei der nächsten Stufe im Modell des <em>homo</em> <em>oeconomicus institutionalis</em>. Nun wird von kognitiven Grenzen ausgegangen: Das Individuum kann nicht alle Folgen und Restriktionen seines Handelns überblicken oder bewerten. Diese Verhaltensgrundlage kann zum Beispiel Ansätze für ein „milderes Mittel“ bieten. Dann könnte gezielte Information die gesetzliche Steuerung des Verhaltens ersetzen.</p>
<h1>Grenzen gibt es wirklich.</h1>
<p>Die Problematik dieser Verhaltensansätze liegt darin, dass auch wenn das Verhalten aus der Perspektive des Akteurs selbst immer noch individuell-rational erscheinen würde, es für Außenstehende jedoch nicht ohne weiteres Vorauszusehen ist. Noch schwieriger ist eine Erwartungsbildung, wenn das Handeln der Akteure auf Basis ihrer Sozialisation erfolgt. In diesem Fällen findet in der Regel keine rationale oder begrenzt rationale Entscheidung mehr statt. Das sogenannte habituelle Verhalten wäre dann zum Beispiel von Eltern anerzogen oder im sozialen Umfeld als „normal“ empfunden worden. Dies gilt nicht unbedingt für das emotionale oder instinktive Verhalten. Hier finden Handlungen als Reaktionen auf bestimmte Reize statt.</p>
<p>Denkbar sind in den letzten Instanzen auch soziale, nicht-eigennützige oder endogene Präferenzen. Diese mögen zwar beobachtbar sein, sind jedoch in der Regel sehr schwer festzustellen. Dies gilt insbesondere für einen denkbaren Beweis für die Veränderlichkeit von Präferenzen.</p>
<h1>Was wirkt?</h1>
<p>Nachträgliche kritische Reflexion des Verhaltens muss in diesen Fällen nicht zu einer Verhaltensänderung (im Sinne eines Lerneffektes) führen, ebenso gering wäre der Einfluss neuer Restriktionen, wenn sie nicht stark genug in ihrer Wirkung sind. Gegebenenfalls muss in diesem Fall auch von kurzfristigen gesetzlichen Rahmenbedingungen abgesehen werden und stattdessen ein langfristiger „Kulturwandel“ angestrebt werden.</p>
<p>Eine Analyse, die diese sieben Verhaltenstypen in Betracht zieht, lässt eine ökonomische Prognose der Verhaltensänderungen zu. Eine solche Prognose ist auch juristisch mit der Frage nach der Verhältnismäßigkeit gefordert: Ein Gesetz muss geeignet, erforderlich und angemessen sein, ein zuvor bestimmtes Ziel zu erreichen. In dieser Forderung steckt ökonomisch betrachtet der Anspruch der Effizienz.</p>
<p>Für die Forschung wie auch für die praktische Politik stellt sich damit nicht mehr die Frage nach der Zulässigkeit einer ökonomischen Analyse des Rechts. Wichtiger ist als Folge der vorangestellten Betrachtung, ob man auf eine solche überhaupt verzichten darf.</p>
<p><strong><br />
</strong></p>
<h2>Literatur und Quellen:</h2>
<address>Bizer, K. and Z. Gubaydullina (2007). Das Verhaltensmodell der interdisziplinären Institutionenanalsyse in der Gesetzesfolgenabschätzung.</address>
<address>Posner R.A. (1992). An Economic Analysis of Law. Chapter 2.</address>
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		</item>
		<item>
		<title>Which is the right answer in theory? Which in practice?</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2009/samuelson-mindestloehne-sozialhilfe-lohnaufstockung.html</link>
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		<pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:36:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Paul A. Samuelson: Economics. An Introductory Analysis Mindestlöhne und Sozialhilfe sollen ein Instrument zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit sein. Die Umverteilung von Umsätzen von den Kapitalerträgen hin zu den Arbeitnehmereinkommen führt bei fallender Konsumquote zu höheren Konsumausgaben, argumentieren Ökonomen. Mindestlöhne sorgen aber auch für Ausweichreaktionen auf andere Produktionsfaktoren als menschliche Arbeit und erhöhen den Markteintrittspreis der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Paul A. Samuelson: Economics. An Introductory Analysis</em></p>
<p>Mindestlöhne und Sozialhilfe sollen ein Instrument zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit sein. Die Umverteilung von Umsätzen von den Kapitalerträgen hin zu den Arbeitnehmereinkommen führt bei fallender Konsumquote zu höheren Konsumausgaben, argumentieren Ökonomen. Mindestlöhne sorgen aber auch für Ausweichreaktionen auf andere Produktionsfaktoren als menschliche Arbeit und erhöhen den Markteintrittspreis der Produzenten, argumentieren andere Ökonomen. Im Extremfall können so Arbeitsplätze vernichtet und das Volkseinkommen verringert werden, beweisen Studien. Auf der anderen Seite kann bei höheren Stundenlöhnen auch die Wahl zwischen Freizeit und Arbeit beeinflusst werden – ebenfalls in beide Richtungen. Doch staatliche Markteingriffe unterliegen nicht nur den Gesetzen der ökonomischen Theorie, auch die praktische Umsetzung birgt ihre Probleme.</p>
<h2><span id="more-509"></span>Die Diktatur der Ökonomie</h2>
<p>Politische Programme unter den kritischen Augen der Öffentlichkeit festzusetzen, ist schwierig genug. Gegenläufige Interessen und unterschiedliche Meinungen über die Wirkungen dieser Programme erschweren die Suche nach einer optimalen und gleichzeitig durchsetzbaren Handlungsstrategie zusätzlich. Da eine „Diktatur der Ökonomie“ nicht denkbar ist, könnte die Allgemeinbildung der Wähler einen Ansatzpunkt bieten, den Staat zu ökonomischem Handeln zu zwingen.<br />
Intelligente Staatsbürger sollten ihre Volkswirtschaft verstehen. Sie sollten die Entscheidungen der gewählten Volksvertreter verstehen und kritisch beurteilen können. Im Idealfall wären sie sogar in der Lage, Auswirkungen selbst einschätzen zu können. Diese Anforderungen stellt Paul A. Samuelson im Vorwort seiner „Economics. An Introductory Analysis“ an die Allgemeinbildung und an die Lehrmaterialien, also die Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre. Doch die immer komplexer werdenden ökonomischen Methoden wirken sich nicht nur auf das Verständnis der Bürger aus. Schon kleine Abweichungen können zu gegenläufigen Ergebnissen führen. Und während die moderne ökonomische Forschung über die Grenzen ihrer Modellwelten hinaus blickt, kann sie in der realen Welt eine der wichtigsten Eigenschaften der Modelle nicht mehr wiederfinden: Die Eindeutigkeit der Ergebnisse. Das Beispiel der Mindestlöhne zeigt nicht nur, dass die Ökonomie selbst nicht immer den Weg zu wirtschaftlichem Erfolg kennt. Es macht auch deutlich, dass es manchmal den optimalen Weg überhaupt nicht gibt.</p>
<h2>Schöne theoretische Welt</h2>
<p>In theoretischen Modellen ist die Festsetzung von Arbeitslöhnen an einem vollkommenen Arbeitsmarkt einfach: Es gibt eine Zahl von Arbeitern, die ihre Arbeitskraft anbieten können. Außerdem gibt es die Arbeitgeber, die diese Arbeitskraft nachfragen. Beide Gruppen verfügen über die gleiche Verhandlungsmacht und über vollständige Informationen. Übersteigt das Arbeitsangebot die Nachfrage, können die Arbeitgeber den Lohn senken. In der Folge werden einige der Arbeiter ihre Arbeitskraft vom Markt nehmen, weil sie für den gebotenen Lohn nicht arbeiten wollen, der Nutzen von „Freizeit“ ist größer als der Nutzen des Arbeitslohnes. Das Arbeitsangebot fällt und es entsteht ein Gleichgewicht aus Arbeitsangebot und –nachfrage. Gibt es hingegen weniger Arbeitnehmer als Arbeitsplätze, müssen die Unternehmen als Nachfrager um die Arbeitnehmer konkurrieren, in dem sie höhere Löhne bieten. Da Arbeitskraft jedoch vor allem ein Produktionsfaktor ist, wird in der Folge die Güterherstellung für die Unternehmer teurer. Einige Unternehmer werden daher für die Güterproduktion mehr ausgeben müssen, als sie im Absatz erzielen können. Sie scheiden aus dem Markt aus oder ziehen sich freiwillig zurück – die Arbeitskraftnachfrage fällt und es entsteht erneut ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt.<br />
In Deutschland ist das Arbeitsangebot derzeit größer als die Nachfrage. Die Arbeitgeber haben somit keinen Anreiz, die Löhne zu erhöhen. Stattdessen sind die Einkommen so tief gesunken, dass sie als Lebensunterhalt nicht mehr ausreichen. Selbst wenn man annimmt, dass der Markt immer noch vollkommen ist, weil sich Verhandlungsmacht von Gewerkschaften und Unternehmern ausgleichen, ein Gleichgewicht entsteht am Arbeitsmarkt dennoch nicht, da außerhalb der Modellwelt das Arbeitseinkommen nicht durch den Genuss von Freizeit kompensiert werden kann. Selbst bei sehr niedrigem Lohnsatz wird das Arbeitsangebot daher nicht unter ein bestimmtes Niveau sinken.</p>
<h2>Markteingriff</h2>
<p>Hauptkritikpunkt ist die so entstehende Ungleichheit zwischen den verschiedenen Lohnempfängern. An dieser Stelle soll der Staat nun einspringen. Einerseits durch Umverteilung von Arbeitenden zu Erwerbslosen durch die Sozialhilfe. Andererseits durch Umverteilung von höheren Einkommen zu niedrigeren Einkommen durch staatliche Lohnaufstockung, sowie von Kapitaleinkommen zu niedrigen Einkommen durch die gesetzliche Festlegung von Mindestlöhnen.<br />
Nach Keynes‘ Theorie einer fallenden Konsumquote hätte die Umverteilung einen positiven Effekt auf die Güternachfrage, weil Menschen mit geringerem Einkommen einen größeren Teil dieser verkonsumieren und dem Wirtschaftskreislauf weniger Geld zu Spekulationszwecken entziehen. Da so die Gewinnmöglichkeiten der Unternehmer steigen, hätte die Umverteilung sogar einen positiven Effekt auf die Arbeitsnachfrage. Wenn die Güterpreise dabei konstant blieben, könnten mehr und andere Güter konsumiert werden, das Volkseinkommen würde also steigen. Die Theorie hat jedoch einen entscheidenden blinden Fleck gegenüber der realen Welt. Paul Samuelson brachte das Problem auf den Punkt:</p>
<h2>Other things will not remain equal.</h2>
<p>Ein Ansteigen der <em>Sozialhilfe</em>, finanziert durch die Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkommen, würde einerseits zu steigenden absoluten Konsumausgaben führen. Es würde aber auch Arbeit gegenüber der Freizeit unattraktiver machen. Das Arbeitsangebot ginge also zurück und die Arbeitgeber wären zur Zahlung höherer Löhne gezwungen, was wiederrum die Arbeitsnachfrage negativ beeinflussen würde und über die produzierte Gütermenge auch zu einer Verringerung des Volkseinkommens führen würde. Mehr Gleichheit bei den Einkünften ginge also zu Lasten der gesamtwirtschaftlichen Effizienz.<br />
Gesetzliche <em>Mindestlöhne</em>, die die Unternehmen dazu zwingen, höhere Gehälter zu zahlen, würden die Arbeitsnachfrage negativ beeinflussen und das Angebot positiv. Ein Marktgleichgewicht durch Preisanpassung wäre nicht mehr möglich. Jene Arbeitnehmer, die einen Arbeitsplatz ergattern konnten, haben in der Folge höhere Einkommen. Es werden jedoch weniger sein als vorher. Die Ungleichheit würde also nicht fallen, sondern tendenziell sogar steigen. Als zweifelhafte Lösung bietet sich hier die Schwarzarbeit an. Wie sich ohne Mindestlohn Arbeitskräfte finden, die für einen geringen Stundenlohn arbeiten, werden sich diese auch nach der Gesetzesänderung finden.<br />
Ein zweites Problem entsteht durch die Güterpreise. Unternehmen haben nicht nur die Möglichkeit, ihre Tätigkeit einzustellen oder ins Ausland zu verlagern, wenn ihre Faktorpreise steigen. Sie können die Erhöhung der Produktionskosten auch an die Konsumenten weitergeben. Dies gilt ins¬besondere, wenn konkurrierende Unternehmer sich bereits aus dem Markt zurückgezogen haben und das Güterangebot unter die Güternachfrage gesunken ist. An dieser Stelle kann im Extremfall eine Erhöhung des generellen Preisniveaus eintreten, also Inflation. Geringqualifizierten Arbeitnehmern droht also nicht nur ein verringertes Einkommen durch den Jobverlust, sondern auch noch höhere nominale Lebenshaltungskosten.<br />
Staatliche <em>Lohnaufstockung</em>, finanziert ebenfalls über die Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkünften, hätte auf die Freizeitpräferenz der Arbeitnehmer nur einen geringen Einfluss. Die höheren Löhne würden stattdessen das Arbeitsangebot positiv beeinflussen. Dadurch hätten die Arbeitgeber jedoch einen Anreiz, die Löhne zu senken. Da die Einkommen durch die staatliche Aufstockung faktisch nicht absinken können, könnte der Produktionsfaktor „Arbeit“ aus Unternehmerischer Perspektive auf diese Art sehr billig werden. Deutschland wäre damit für Unternehmer attraktiver und es würden mehr Güter im Inland produziert werden. Gleichzeitig würden die absoluten Konsumausgaben steigen. Beides hätte positive Effekte auf das Volkseinkommen. Die ständig sinkenden Löhne würden den Staat in der Praxis jedoch sehr schnell vor das Problem der Finanzierbarkeit stellen. Staat und Arbeitgeber müssten also ihren jeweiligen Anteil am Gesamtlohn regelmäßig neu aushandeln, wobei der Staat einen Machtvorteil und die Unternehmer einen Informationsvorsprung hätten.</p>
<h2>Machtkämpfe</h2>
<p>Auch die den Lohn selbst aushandelnden Parteien würden sich verändern. Wo aktuell Gewerkschaften und Arbeitgeber den Lohn festsetzen, stünden sich von nun an Gewerkschaften und Staat gegenüber. Korruptionsvorwürfe und –vorgänge würden die Verhandlungen erschweren. Dennoch erscheint diese Lösung aus der Perspektive der ökonomischen Theorie als die geeignetste. In der Praxis gilt dies nur unter Abwesenheit besserer Alternativen.</p>
<h2>Zaungast</h2>
<p>Auch die ökonomische Theorie hat also ihre Tücken. Was in der Modellwelt funktioniert, wird in der Realität von unzähligen Faktoren beeinflusst. Eine Studie über bereits eingeführte Mindestlöhne hat übrigens gezeigt, dass die Beschäftigung sogar angestiegen ist . Ob die Ursache hierfür überhaupt etwas mit den Mindestlöhnen zu tun hat, lässt sich nur schwer feststellen. Das zweite Problem ist, dass am Vorabend einer Wahl der eigene Nutzen immer wichtiger ist, als der wirtschaftliche Erfolg des Staates. Dies gilt für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und auch für Politiker. So lange die Ökonomie also keine Lösung findet, bei der jede Interessensgruppe glaubt, hinterher besser da zu stehen als vorher, kann sie beim Entscheidungsprozess nur zuschauen.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Als Essay bei Dr. Jan-Otmar Hesse  im Hauptseminar zu den Klassikern der Wirtschaftstheorie eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></p>
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		<title>Logik gegen Erfahrung</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2009/methodenstreit-schmoller.html</link>
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		<pubDate>Mon, 20 Jul 2009 11:41:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gustav von Schmoller: Grundriss der allgemeinen Volkswirtschaftslehre Der Methodenstreit Der Weg von Gefühlen und Bedürfnissen hin zu allgemein gültigen Gesetzen der Volkswirtschaftslehre ist ein weiter. Die deutsche Historische Schule um Gustav von Schmoller versuchte dennoch, diesen Weg zu gehen. Doch der Ansatz, an Hand historischer Entwicklungen und ethischer Moralvorstellungen staatliche Institutionen zu fordern, führte zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Gustav von Schmoller: Grundriss der allgemeinen Volkswirtschaftslehre</em></p>
<p style="text-align: right;"><em>Der Methodenstreit</em></p>
<p style="text-align: left;">Der Weg von Gefühlen und Bedürfnissen hin zu allgemein gültigen Gesetzen der Volkswirtschaftslehre ist ein weiter. Die deutsche Historische Schule um Gustav von Schmoller versuchte dennoch, diesen Weg zu gehen. Doch der Ansatz, an Hand historischer Entwicklungen und ethischer Moralvorstellungen staatliche Institutionen zu fordern, führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum so genannten „Werturteilsstreit“, den die Historische Schule gewisser Maßen „verloren“ hat. Doch ist es in der heutigen Gesellschaft noch angemessen, die Wissenschaft von Werturteilen zu trennen? Wie logisch ist eine Logik, die geschichtliche Erfahrungen außer Acht lassen will?</p>
<p style="text-align: left;"><span id="more-454"></span>Gefühle prägen Bedürfnisse, Bedürfnisse prägen das menschliche Handeln. Sie treiben den Fort-schritt an, den wirtschaftlichen, vor allem aber auch den sozialen Fortschritt. Und so wie sich in Darwins Evolutionsszenario vorteilhafte biologische Eigenschaften in der Entwicklung des Men-schen durchsetzen, so setzen sich auch vorteilhafte Verhaltensweisen im gemeinschaftlichen Zu-sammenleben durch. Was dabei wirklich als Vorteilhaft anzusehen ist, kann sich über Jahrhunderte hinweg in der Gesellschaft entwickelt haben. So entstehen, nach Gustav von Schmoller, aus einer „Summe von Gewohnheiten und Regeln der Moral, der Sitte und des Rechtes, die einen gemeinsamen Mittelpunkt oder Zweck haben“ , bestimmte Institutionen und Organe, die dem gesellschaftlichen Zusammenleben einen Rahmen setzen. So sah Schmoller die Hauptaufgabe der Nationalökonomie darin, die moralischen und sittlichen Entstehungspfade gesellschaftlicher Insti-tutionen und Organe zu erforschen, da diese formend für die unterschiedlichen Epochen seien. Im Mittelpunkt der Untersuchungen sollte die Nation als Gemeinschaft stehen, nicht einzelne Akteure.</p>
<h2 style="text-align: left;">Diese Österreicher&#8230;</h2>
<p style="text-align: left;">Die Mitglieder der österreichischen „Grenznutzenschule“ der Nationalökonomie hatten im Gegensatz dazu vor allem das wirtschaftliche Handeln einzelner „rationaler Individuen“ untersucht. Im Rahmen der „exakten Richtung“ der Nationalökonomie stellten sie konkrete Regeln auf. Wesentli-che beobachtbare Verhaltensweisen wurden in Modellen isoliert um allgemein gültige Gesetze über das Verhalten von Individuen zu ermitteln. Normative, auf Werturteilen begründete Regeln zur Steigerung des Gemeinwohls lehnten sie ab.<br />
Im Methoden- oder auch Werturteilsstreit der beiden Gruppen ging es insbesondere auch um die Realitätsnähe der Nationalökonomie. Die eigene Methode galt jeweils als die einzig richtige. Doch in der Rückschau auf beide Vorgehensweisen ergeben sich eben in Bezug auf die Selbstdarstellung als Wirklichkeitswissenschaft gravierende Probleme:<br />
Die experimentelle Wirtschaftsforschung des neuen Jahrtausends widerlegt logisch-rationale Vor-stellungen vom wirtschaftlichen Handeln eines „homo oeconomicus“ immer wieder. Individuen handeln nicht egoistisch-rational, sondern werden von ihren Moralvorstellungen, ihrem Umfeld und ihren Erfahrungen beeinflusst. Auch nutzen sie nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen. Es sind eben unter anderem genau jene von Schmoller beschriebenen Gefühle, die eine ökonomische Gesetzgebung so schwierig machen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hilft alles nichts.</h2>
<p style="text-align: left;">Doch auch der normative Ansatz birgt Gefahren. So sind die auf Erfahrungen basierten Institutionen stark pfadabhängig. Schmollers Behauptung, es handele sich bei seinen Schlussfolgerungen nicht um „subjektive Anläufe“, sondern vielmehr um objektive Ergebnisse „dessen, was die Erfahrung, die Weisheit der Jahrhunderte in Bezug auf die vernünftige und richtige Behandlung prakti-scher Verhältnisse gefunden“ habe, ist selbst stark subjektiv geprägt. Auch was sich über Jahrhun-derte als akzeptabel oder vorteilhaft herausgestellt hat, ist schlussendlich nichts anderes, als ein Konsens innerhalb einer Gemeinschaft. Hierin liegt auch die Schwäche der Methode, wie sie unter anderem Carl Menger immer wieder kritisiert hat: Es ergeben sich keine allgemein gültigen Aussagen, Ergebnisse sind immer nur für die betrachtete Gesellschaft gültig. So nimmt die Frage nach den richtigen Erkenntnissen fast die Züge eines Konfessionsstreits an.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hätte wäre wenn.</h2>
<p style="text-align: left;"><em>Vielleicht hätten sich die Parteien des Werturteilsstreits nicht so sehr auf die Methoden der je-weils anderen konzentrieren sollen, sondern stärker auf ihre eigenen Forschungsergebnisse. Kommen zwei Wissenschaften zu unterschiedlichen Befunden, so muss nicht zwangsläufig eine der Vorgehensweisen falsch sein. Wahrscheinlicher ist, dass auf Grund unvollständiger Informationen falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden. So waren die Erkenntnisse der „exakten Richtung“ nur in einer auf konkreten Annahmen basierenden Wirklichkeit gültig, die der Historischen Schule nur in der eigenen.</em></p>
<h2 style="text-align: left;">Tugenden?</h2>
<p>Dennoch – oder gerade aus diesem Grund – erscheinen die von Schmoller aufgestellten Anforderungen an gesellschaftliche Institutionen für unsere eigene Gesellschaft tatsächlich angebracht zu sein. Insbesondere die nur kaum zu vereinbarenden gesellschaftlichen „Tugenden“ von Freiheit und Gleichheit stellt er dabei heraus.</p>
<h2>Freiheit</h2>
<p>„Schrankenlose Freiheit“, wie sie auch die liberale Ökonomie fordern würde, führe zwangsläufig zu Ausbeutung und Unterdrückung der „unteren Klassen“ und sei daher abzulehnen. Diese normative These, hinter der sich durchaus ein Sozialist vermuten lässt, hat sich nicht nur empirisch bewahrheitet. Sie behält auch in der Ökonomie der Gegenwart ihre Gültigkeit. Würde beispielsweise am Arbeitsmarkt ein Gleichgewicht über die Anpassung der Löhne hergestellt, hätte das große Arbeitsangebot diese unterhalb des Existenzminimums bewegt. So entwickelten sich die Institutionen des Arbeitsrechts und der sozialen Sicherung und als Organ die Möglichkeit der Ar-beitnehmer, sich zu Gewerkschaften zusammen zu schließen. Das Absinken der Löhne unter das Existenzminimum ohne soziale Absicherung hätte das Verhungern der Erwerbstätigen zur Folge. Da dies die Kaufkraft der „unteren Klassen“ mindert, birgt die „Anarchie des Marktes“, wie Karl Marx es formulierte, auch wertneutrale, ökonomisch erfassbare Risiken. Dem Politiker und Ökonom John Maynard Keynes gelang später in seinem makroökonomischen Modell der Konsumfunktion die formale Herleitung einer mit dem Einkommen fallenden Konsumquote.</p>
<h2>Gleichheit</h2>
<p>Auch die vielfach geforderte Gleichheit griff Schmoller an: Die „Unterschiede der Menschen“ ließen sich nicht leugnen und seien nur mit Gewalt zu beseitigen. Zudem sieht er Einkommen und Besitz, vor allem aber „Differenzierung“, als Motor für „höhere Entwicklung“. Auch an dieser Stelle gibt ihm die Geschichte Recht: Der erst Jahre später aufkommende Sozialismus der Sowjetunion führte nicht nur zu Gewalt und Unterdrückung, sondern auch zu mangelnder Produktivität. Gleichheit im Sinne einer „Ergebnisgerechtigkeit“ führt unter ökonomischer Betrachtung zu fehlenden Leistungsanreizen. Das rationale Individuum, welches die Ergebnisse seiner Arbeit mit weniger produktiven Individuen teilen muss, wird ebenfalls weniger Produzieren, da sein Lohn unter das Grenzprodukt seiner Arbeit sinkt und sich somit seine Leistungsanreize verringern. Auch wenn sich historische und Grenznutzenschule gegenseitig mehr als kritisch betrachteten, kamen dennoch beide Methoden zum gleichen Ergebnis.</p>
<h2>Gerechtigkeit</h2>
<p>Dennoch lässt sich aus diesen Beispielen nicht schlussfolgern, dass die formale Ökonomie alles leisten kann, was die historische Forschung als normativ angemessen ermittelt. Anstelle von Freiheit und Gleichheit sprach sich Schmoller schließlich für das Modell der Gerechtigkeit aus, welches den modernen Ideen von „Chancengleichheit“ vorgreift. Dieses Konzept verlangt die rechtliche Gleichbehandlung aller Menschen, sowohl vor dem Staat wie auch untereinander. Eine allgemein gültige Definition dieser Gerechtigkeit fehlt bei Schmoller jedoch, da die „feineren Gefühle“ und „geläuterten Urteile in Bezug auf das Gerechte“ immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würden.</p>
<h2>Geht nicht gibts nicht.</h2>
<p>Aus ökonomischer Perspektive hat sich auch bis heute kein Mechanismus zur Herstellung objektiver Gerechtigkeit gefunden und auch normativ konnte man zu keinem Konsens gelangen. Politisch wird sie dennoch angestrebt und im Werturteil eines Großteils unserer heutigen Gesellschaft als erstrebenswert angesehen. Doch auch eine allgemein gültige gesellschaftliche Definition von Gerechtigkeit fehlt bislang. Die Ausrichtung staatlicher Organe und Institutionen auf Chancengleich-heit mag daher normativ geprägt sein, sie ist jedoch von der neutraleren Ökonomie abhängig, um nicht am Effizienzkriterium zu scheitern. Auf der anderen Seite ist auch die Ökonomie von den Werturteilen einer Historischen Schule abhängig, um nicht an den „irrationalen“ Handlungen der Individuen zu scheitern. Die in der Historischen Schule benutzten Werturteile entspringen schließlich den innerhalb einer Gesellschaft entstandenen Werturteilen der Individuen.</p>
<h2>Was ist Wissenschaft?</h2>
<p>Die Vorgehensweise der Historischen Schule mag dem heutigen Verständnis von „Nationalökonomie“ nicht mehr entsprechen, die Frage nach der Wissenschaftlichkeit scheitert daran jedoch nicht. Während zu Zeiten Schmollers die Nationalökonomie noch eine Disziplin an der Schnittstelle von Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften war, ist die aktuelle „Volkswirtschaftslehre“ oder „Ökonomie“ den Wirtschaftswissenschaften zugehörig. Schmollers Ansatz hingegen ist eher der Sozial- und Verhaltenspsychologie, und damit den Gesellschaftswissenschaften zuzuordnen. Allerdings sollte man, gerade in Hinblick auf Politikempfehlungen, den Gesellschaftswissenschaf-ten ihre Wissenschaftlichkeit keinesfalls absprechen. Politik wird nicht nur für die Wirtschaft gemacht, sondern auch und vor allem für die Gesellschaft.<br />
Der Streit um die richtige Methode ist daher obsolet, beide können und sollten nebeneinander praktiziert werden. Der Streit um Werturteile in der Wissenschaft hingegen ist auch heute noch wichtig, denn was eine formale Wissenschaft nicht leisten kann, muss von einer ethischen übernommen werden. Was eine ethische Wissenschaft leisten kann, muss eine formale evaluieren. Beide Wissenschaften stehen nicht entgegengesetzt zu einander, dafür sind sie einfach zu unterschiedlich.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Als Essay bei Dr. Jan-Otmar Hesse  im Hauptseminar zu den Klassikern der Wirtschaftstheorie eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></p>
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		<title>Ceteris Paribus</title>
		<link>http://blog.isabellprophet.net/2009/ceteris-paribus-alfred-marshall-principles-of-economics.html</link>
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		<pubDate>Thu, 16 Jul 2009 11:22:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Alfred Marshall:Principles of Economics Wie praktisch ist die Theorie heute? Alfred Marshall legte in seinem Hauptwerk, den „Principles of Economics“ den Grundstein für viele Instrumente der formalisierten Volkswirtschaftslehre, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird. Was er eigentlich wollte, stellte er selbst klar: Die beobachtete Wirklichkeit erklären. Heute grassiert der Vorwurf, die fortschreitende Formalisierung würde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Alfred Marshall:Principles of Economics<br />
Wie praktisch ist die Theorie heute?</em></p>
<p>Alfred Marshall legte in seinem Hauptwerk, den „Principles of Economics“ den Grundstein für viele Instrumente der formalisierten Volkswirtschaftslehre, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird. Was er eigentlich wollte, stellte er selbst klar: Die beobachtete Wirklichkeit erklären. Heute grassiert der Vorwurf, die fortschreitende Formalisierung würde sich immer tiefer in Modellwelten hinein bewegen und die Realität aus dem Blickfeld verlieren. Die praktische Verwertbarkeit formal ermittelter Ergebnisse wird in der Forschungsdebatte vielfach angezweifelt. Ist das, was für Marshall nicht mehr als ein Werkzeug war, außer Kontrolle geraten?<br />
<span id="more-449"></span></p>
<blockquote><p>Political Economy or Economics is a study of mankind in the ordinary business of life; it examines that part of individual and social action which is most closely connected with the attainment and with the use of material requisites of wellbeing. Thus it is on the one side a Study of wealth; and on the other, and more important side, a part of the study of man.</p></blockquote>
<p>Schon in den ersten Sätzen seiner „Principles of Economics“ (1890) weist Alfred Marshall auf etwas hin, was heute angeblich so viele Ökonomen vergessen: Dass die Volkwirtschaft die Handlungen der Menschen betrachtet und dabei untersucht, ob und wie diese zu Wohlbefinden führen. Zur Analyse bediente sich der studierte Mathematiker grafischer und formaler Forschungsmethoden, verteilte die mathematischen Details jedoch auf Fußnoten und den Anhang seines Buches. Stattdessen verwendete er im Haupttext logische Argumentationsketten und praktische Beispiele, um seine Theorien zu untermauern. Er legte Wert darauf, dass der Mensch und seine Fähigkeit, Handlungen mit Bedacht auszuführen, bei der ökonomischen Analyse im Vordergrund stehen.</p>
<p>So wird Marshalls bedeutendster Einfluss auf die Ökonomie als Forschungsgebiet einerseits in der Entwicklung abstrakter Analysemethoden gesehen, andererseits aber auch darin, die fortschreitende Formalisierung und Mathematisierung in der Erforschung wirtschaftlicher Zusammenhänge um Jahre verzögert zu haben . Seine Geringschätzung der mathematisch-formalen Analyse war nicht unumstritten, wurde jedoch von seinen Schülern, immerhin bedeutende Ökonomen wie J. M. Keynes, ebenfalls vertreten.</p>
<h2>Moderne Ökonomie</h2>
<p>Heute funktioniert Volkswirtschaftslehre trotzdem anders. Probleme werden innerhalb abstrakter Modellwelten betrachtet, für die strenge Regeln gelten. Innerhalb dieser Welten lassen sich Aspekte, beispielsweise die Wirkung von Mindestlöhnen, formal logisch-konsistent untersuchen. Lockert man die Annahmen jedoch, können die Ergebnisse ihre Gültigkeit verlieren. Diese Vorgehensweise steht in der Kritik, die wahre Komplexität der Wirklichkeit nicht erfassen zu können und diese deshalb aus dem Blickfeld verloren zu haben. Kann eine Formel die Realität widerspiegeln?</p>
<p>Auch Alfred Marshall konnte nicht anders, als es sich einfach zu machen. Seine Annahme: ceteris paribus. Alles bleibt gleich, nur der betrachtete Aspekt verändert sich. So betrachtet er, genau wie heutige Ökonomen, zum Beispiel die Konsumentennachfrage immer zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen. Auch wenn diese Bedingungen bei ihm unbestimmt bleiben, ändert das nichts am Wahrheitsgehalt seiner Erkenntnis, dass auch eine nicht-formalisierte Behauptung ihre Gültigkeit verliert, wenn sich wesentliche Einflussfaktoren verändern.</p>
<h2>Weiche Forschung</h2>
<p>Darin unterschied sich Alfred Marshalls Vorgehensweise also nicht von den Methoden der heutigen Ökonomen. Er selbst gibt in seinen Analysen zur „Elastizität der Wünsche“ sogar zu, dass seine Ergebnisse zur Preiselastizität eines Gutes sich vollkommen verändern würden, wenn sich das Einkommen des betrachteten Individuums verändert. Diese „Weichheit“ ökonomischer Forschungsergebnisse unterstreichen vor allem Marshalls Betrachtung der Ökonomie als eine Erklärung von beobachteten Verhaltensweisen, „a study of man“.</p>
<h2>Harte Forschung</h2>
<p>Nichts anderes macht jedoch die empirische Wirtschaftsforschung heute. Theoretische Überlegungen über Zusammenhänge und kausale Wirkungsketten werden formalisiert und an Hand von statistischen Datensätzen überprüft. Je größer die Datenbasis ist, desto näher an der Realität sind folglich die Ergebnisse. Und komplexe Realitäten verlangen nach komplexen Formeln, um mathematisch ausgedrückt zu werden. So können ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu Themen der Wirtschaft, aber vor allem auch zu Themen der Gesellschaft formuliert werden, die sich zuvor aufgrund ihrer Komplexität vor einer logischen Analyse verschlossen haben. Umgekehrt können statistische Methoden neue, zuvor übersehene Einflussfaktoren aufdecken.</p>
<h2>Unpraktische Mathematik</h2>
<p>Die Mathematik benutzte Marshall nur, um seine Ergebnisse formal zu untermauern. Was die praktische Anwendung angeht, hielt er sie für ungeeignet, die vielschichtigen Sachverhalte abzubilden. Dies scheitere vor allem an der von ihm selbst aufgestellten ceteris-paribus-Bedingung. Diese sei formal stimmig, in der Realität jedoch nicht anwendbar, kritisiert er 1912 in einem Brief an den Ökonometriker Henry Moore.</p>
<p>Eine Wissenschaft legitimiert sich zumeist über ihre praktische Verwertbarkeit. Doch welche Legitimation besitzt die Ökonomie, wenn ihre Ergebnisse nur unter konkreten Annahmen gelten? Und kann die Ökonomie nur eine Erklärung beobachteter Ergebnisse sein, oder macht sie sogar realistische Prognosen zu zukünftigen Entwicklungen möglich?</p>
<h2>Macht der Möglichkeiten</h2>
<p>Marshall selbst würde diese Frage mit Sicherheit verneinen, darauf deutet seine Aussage über die Mathematik in der volkswirtschaftlichen Analyse klar hin. Diese hat er jedoch vor fast 100 Jahren getätigt. Im selben Zuge schrieb er, dass „nahezu die Hälfte aller praktikablen ökonomischen Variablen“ bis zu diesem Zeitpunkt „nicht statistisch erfasst werden“ konnten. Das hat sich heute geändert.</p>
<p>Tatsächlich hatte Marshall schon damals Tabellen („demand schedules“) zur Verfügung, in denen unterschiedlichen Preisen unterschiedliche Nachfragemengen eines Konsumenten nach einem spezifischen Gut gegenübergestellt wurden. Diese Angaben galten nur zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen. Um ein realistisches Bild zeichnen zu können nahm er im nächsten Schritt an, dass dieser Konsument die Nachfrage des gesamten Marktes repräsentierte. Besondere Güter, Marshall nennt als Beispiel Hochzeitstorten, lassen sich so nicht betrachten, da die Nachfrage nach ihnen nicht konstant und noch dazu an äußere Faktoren gebunden sei. Ein formales Modell, welches die Nachfrage lediglich vom Preis abhängig macht, sei somit nicht sinnvoll.</p>
<h2>Datenflut</h2>
<p>Der empirischen Wirtschaftsforschung der Gegenwart stehen jedoch wesentlich umfangreichere und detailliertere Daten zur Verfügung. Statistische Daten aus allen Lebensbereichen werden durch Beobachtungen und Befragungen ermittelt und in Datensätzen abgespeichert, die wiederum über Computer abgerufen und weiterverarbeitet werden können. So sind Modellierungen möglich, die nicht mehr nur unter konstant gehaltenen Annahmen gelten – sondern diese Annahmen als variable Faktoren in das Modell einbeziehen. Dies löst die Beschränkung der Ökonomie auf die Erklärung beobachtbarer Phänomene auf. Stattdessen wird es nun möglich, Szenarien zukünftiger Entwicklung zu betrachten und dabei zum Beispiel die Wirkung unterschiedlicher Politikmaßnahmen zu ermitteln. Ökonometrische Methoden erlauben, Intervalle anzugeben, in welchen sich quantifizierbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Indikatoren mit größter Wahrscheinlichkeit bewegen werden.</p>
<h2>Im Durchschnitt richtig</h2>
<p>Und genau wie Alfred Marshall darauf hinweist, dass die Nachfrage einzelner Konsumenten durchaus anders reagieren kann, als sein Nachfragegesetz hätte vermuten lassen, so kann sich auch die Realität anders entwickeln, als ein hochkomplexes Modell – zum Beispiel zum Mindestlohn – vorhersagt. Alfred Marshall steht zur Validierung seines Gesetzes jedoch eine große Gruppe von Verbrauchern zur Verfügung: „<em>The peculiarities in the wants of individuals will compensate one another in a comparatively reguar gradation of total demand</em>.“ Eine unendliche Anzahl zukünftiger Entwicklungspfade würde sich somit ebenfalls ausgleichen und, wenn das Modell korrekt ist, „im Durchschnitt“ zu korrekten Ergebnissen führen. Doch so wie das Nachfragegesetz für ein einzelnes Individuum falsche Vorhersagen getroffen haben kann, hätte in diesem Fall das beispielhafte Modell zur Wirkung von Mindestlöhnen versagt. Der Effekt ist der Gleiche, nur der Untersuchungsgegenstand ist weitaus umfassender.</p>
<h2>Komplexe Realität</h2>
<p>Das Alfred Marshalls Theoriewerk auch ohne mathematische Formeln auskommt, hat nichts damit zu tun, dass es näher an der Wirklichkeit wäre als die heutigen Forschungsbeiträge. Marshall legte den Grundstein für eine Forschungsmethode, die heute nicht einfach nur weiter entwickelt ist. Sie ist vielfach komplexer geworden. Die Formalisierung dient daher der Vereinfachung der Analyse, nicht der Annahmen. Logisch konsistente Ergebnisse, auch wenn sie unter festgeschriebenen Annahmen ermittelt wurden, lassen sich dennoch auf die Wirklichkeit übertragen, wenn die Annahmen korrekt gewählt sind. Die erweiterte Datenbasis und die Benutzung von Computern bei der Modellierung machen das Abstecken enger Rahmenbedingungen noch dazu obsolet. Was in der Vergangenheit als konstant angenommen werden musste, kann heute als Einflussfaktor für ökonomische Erklärungen und Vorhersagen variiert werden.</p>
<p>Alfred Marshall selbst schrieb in einem Brief:</p>
<blockquote><p>But I know I had a growing feeling in the later years of my work on the subject that a good mathematical theorem dealing with economic hypotheses was very unlikely to be good economics: and I went more and more on the rules -</p>
<p>(1) Use mathematics as a shorthand language, rather than an engine of enquiry.</p>
<p>(2) Keep to them till you know you are done.</p>
<p>(3) Translate into English.</p>
<p>(4) Then illustrate by examples that are important in real life.</p>
<p>(5) Burn the mathematics.</p>
<p>(6) If you cannot succeed in (4), burn (3).</p>
<p>This last I did often.</p></blockquote>
<p>Die moderne Volkswirtschaft hat den Pfad zur Erklärung der Realität nicht verlassen. Sie ist ihn nur konsequent weiter gegangen. Und heute, genau wie damals, gehört es zur Aufgabe der Ökonomen, die Ergebnisse ins verbale zu übersetzen. Wo dies gelingt, ist die Theorie heute praktischer als je zuvor.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Als Essay bei Dr. Jan-Otmar Hesse  im Hauptseminar zu den Klassikern der Wirtschaftstheorie eingereicht, überarbeitete Version.</em></strong></p>
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		<title>Freiheit, Gleichheit, Effizienz</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 10:37:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[War der sowjetische Sozialismus zum Scheitern verurteilt? Die sozialistische Umgestaltung der sowjetischen Republiken war Lebens-aufgabe und Lebensberechtigung der bolschewistischen Partei. Doch ohne weiteres wollte sich die Bevölkerung nicht umgestalten lassen. Bald schon sah man aus der Perspektive der Parteispitze überall Feinde der geplanten „Modernisierung“. Doch war die versprochene Gleichheit und Freiheit unter der eingeforderten wirtschaftlichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>War der sowjetische Sozialismus zum Scheitern verurteilt?</em></p>
<p>Die sozialistische Umgestaltung der sowjetischen Republiken war Lebens-aufgabe und Lebensberechtigung der bolschewistischen Partei. Doch ohne weiteres wollte sich die Bevölkerung nicht umgestalten lassen. Bald schon sah man aus der Perspektive der Parteispitze überall Feinde der geplanten „Modernisierung“. Doch war die versprochene Gleichheit und Freiheit unter der eingeforderten wirtschaftlichen Effizienz überhaupt realisierbar, oder war die Beseitigung angeblicher Sowjetfeinde ein Kampf an der völlig falschen Front?</p>
<p><span id="more-442"></span></p>
<h2>Ein perfekter Plan</h2>
<p>Es hätte funktionieren müssen. Ob man seitens der Parteiführung nun an die sozialistische Ideologie glaubte oder sie nur als Machtinstrument einsetzte, ei-gentlich hätte die vollständige Beseitigung des Kapitalismus hin zur Erschaffung eines sozialistischen Staates viel reibungsloser ablaufen müssen. Schließlich war das Proletariat das Volk und die „Diktatur des Proletariats“ eine Übergangsphase im Sinne dieses Volkes. Freiheit und Gleichheit und fortschrittliche Industrialisie-rung hätten sich eigentlich zu Selbstläufern entwickeln müssen. Stattdessen fand man sich in den späten 1920er Jahren in einem semi-kapitalistischen System wieder, in der nach wie vor Privateigentum sowie die „Anarchie des Marktes“ von Lenins Neuer Ökonomischer Politik die Freiheit und Gleichheit des Volkes unterwanderten – und von erfolgreicher Industrialisierung konnte man auch nicht sprechen. Die Parteispitze wurde aktiv und es begann eine Politik des „Gärtnerstaates“: Die Gesellschaft sollte vereinheitlicht werden, ideologische Gegner als Unkraut entfernt.</p>
<h2>Zeichen des Erfolgs</h2>
<p>Zehn Jahre später, nach Vollendung des ersten und etwa zur Mitte des zweiten Fünf-Jahres-Plans, war man dem Sozialismus zumindest näher gekommen: Es gab kein Privateigentum und damit auch keinen Markt mehr. Die persönliche Bereicherung einzelner Unternehmer aus markwirtschaftlichen Profiten war unterbunden worden. Und auch wenn die Untersuchung der Machtverhältnisse in der Landbevölkerung durchaus lokale Abweichungen offenbart, in der Gesamtbe-trachtung konnte man tatsächlich von „Gleichheit“ in der Bevölkerung sprechen.<br />
Auch in Hinblick auf die industrielle Entfaltung hatte es Fortschritte gegeben. Die Fabriken waren aufgebaut und weiterentwickelt worden. Problematisch war je-doch, als Folge des hohen Effizienzdrucks der Parteiführung, die hohe Fehleranfälligkeit – sowohl von Mensch, wie auch von Maschine. Das zweite Problem lag in der Versorgung der Arbeiter: Die Kollektivierung der Landwirtschaft hatte die Produktion von Nahrungsmitteln stark gedämpft, da niemand mehr vom Enga-gement bei der eigenen Arbeit profitieren konnte und alternative Leistungsanreize fehlten. Aus sozialistischer Perspektive war die Vergesellschaftung der Produktionsmittel also erfolgreich vorangeschritten. Der Preis des gesellschaftlichen Fortschritts wurde jedoch mit wirtschaftlichem Erfolg bezahlt: Der Wohlstand wuchs nicht, er verringerte sich.</p>
<h2>Proletarische Revolution</h2>
<p>Stalin selbst bezeichnete die „Diktatur des Proletariats“ bereits 1924 als „Instrument der proletarischen Revolution“ (Lit. 1). Diese Diktatur sei notwendig, um die geänderten Machtverhältnisse im Staat festigen zu können. Als Abgrenzung zur totalitären Diktatur sagt er jedoch in Bezug auf die sowjetische Regierung, dass „die Diktatur des Proletariats die Diktatur der ausgebeuteten Mehrheit über die ausbeutende Minderheit ist“. Ob er nun gelogen oder geirrt hat – in der Diktatur der Sowjetunion herrschten wenige über viele. Das Politbüro um Stalin beschnitt – nur als Beispiele – die Freizügigkeit innerhalb des eigenen Staates, etablierte die Zwangsarbeit für ganze Bevölkerungsgruppen und betrachtete Kritiker und selbst Zweifler als Feinde der sozialistischen Ideologie. Demokratisch vom Volk legitimiert waren sie dabei nicht. Marktwirtschaftliche Zwänge gab es – in Abwesenheit einer Marktwirtschaft – natürlich nicht mehr, dieses Ziel war erreicht worden. Was die Freiheit des Einzelnen betrifft, zeigte sich die „Diktatur des Proletariats“ im buchstäblichen Sinne: als Diktatur, aufgezwungen einer pro-letarischen Elite.<br />
Wäre das sowjetische Volk, insbesondere die Bauern und Landarbeiter, also lie-ber kapitalistisch geblieben? Scheiterte die neue Gesellschaftsordnung an der Ablehnung der Bevölkerung? Oder ist der Sozialismus ohne die Ausübung von Zwang (und damit auf Kosten der Freiheit) nicht dauerhaft realisierbar?</p>
<h2>Marxistischer Kapitalismus</h2>
<p>Vielleicht gingen sie einfach zu schnell vor. In anderen Ländern stellte besonders der Schutz des privaten Eigentums eine der bedeutendsten Antriebskräfte des wirtschaftlichen Fortschritts dar. Die Notwendigkeit des Eigentumsrechts im Sin-ne einer staatlichen Institution war über lange Zeit in der Gesellschaft erwachsen und erst dann realisiert worden. Ebenso war auch die Notwendigkeit für die Züge einer Marktwirtschaft in Lenins Neuer Ökonomischen Politik quasi „von selbst“ entstanden und dann von Seiten des Staates umgesetzt worden. So sehen auch Karl Marx und Friedrich Engels den Kapitalismus als eine zwingende notwendige Etappe jeder Geschichte. Nur der Kapitalismus kann eine Krise zwischen Bour-geoisie und Proletariat erzeugen, die stark genug ist, eine Revolution auszulösen, nach deren Abschluss sich kommunistisch-sozialistische Gesellschaftsstrukturen durchgesetzt haben.<br />
Gustav von Schmoller, Vertreter der „Historischen Schule“, beschreibt gesell-schaftliche Institutionen als „dauernde Formen des gesellschaftlichen Lebens, welche den verschiedenen Zwecken der Gesellschaft, vielleicht vor allem den wirtschaftlichen dienen“. Sie entstehen aus „Sitte, Recht und Moral“, aber auch aus „den täglich sich ergebenden Berührungen“. Allgemein gültige und aner-kannte Regeln erwachsen somit aus der Erfahrung einer ganzen Gesellschaft. Schmoller spricht dabei nicht nur von einer bestimmten Gegenwart, sondern über „Jahrhunderte und Jahrtausende“ gesellschaftlichen Handelns, welche bestimmte Regeln des Zusammenlebens als Vorteilhaft erkennen lassen.<br />
Der Sozialismus der Sowjetunion war nicht gewachsen. Auch wenn die Kollekti-vierung des Eigentums nur schrittweise erfolgte, so fehlten ihr sowohl die histo-rische Tradition wie auch ein gesellschaftliches Gefühl der Notwendigkeit. Insbe-sondere die Landbevölkerung hatte gelernt, dass Wohlstand nur aus harter Arbeit und Verteidigung des Eigentums erwachsen konnte. Plötzlich sollten sie ihre Arbeit für den Wohlstand anderer leisten und ihr Eigentum teilen.</p>
<h2>Zu viel und zu schnell</h2>
<p>Gustav von Schmoller sieht in den Institutionen, die den Vorgaben der bolsche-wistischen Parteiführung entsprechen, den Rahmen für bereits vorhandenes, gesellschaftlich seit langem praktiziertes Verhalten. Die sowjetischen „Institutionen“ beschränkten das Handeln der Bevölkerung jedoch nicht auf einen konkreten Rahmen: Sie wollten es von Grund auf verändern und beseitigten jene Bevölkerungsteile, die im Weg standen – oder im Weg stehen könnten.<br />
Dieser Sprung war zu groß. Ob Sozialismus möglich ist, kann auch das Modell der Historischen Schule nicht erklären. Wirklich realisiert werden wird er jedoch nur, wenn er sich auf lange Sicht als gesellschaftlich optimal erweist. Dies war in der Sowjetunion nicht passiert, daher war der Sozialismus, wie ihn die Diktatoren des Proletariats verwirklichen wollten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.</p>
<h2>Literatur</h2>
<address>Lit.1:	Stalin, Josef: „Über die Grundlagen des Leninismus IV: Die Diktatur des Proletariats“, (1926), in: &#8220;Stalin-Werke“, Band 6.</address>
<address>Malia, Martin: „The soviet tragedy: A History of Socialism in Russia“; in: D.L. Hoffmann (Hrsg): “Stalinism. The Essential Readings” (2003).<br />
Von Schmoller, Gustav: „Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre“; (1890).</address>
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