Der Unternehmer hat es schwer in einer neoklassischen Modellwelt. Bei Joseph Alois Schumpeter verstanden als einer, der den inneren Drang verspürt, sich zu entwickeln, sein Umfeld zu gestalten, wird ihm in der neoklassischen Ökonomie blanker Eigennutz unterstellt. Und er, der die Wirtschaft seiner Zeit vorantreiben und sogar neues Wachstum anregen kann, verliert unter den Annahmen der Theoretiker jede Funktion. Mark Blaug stellt, mit Bezug zu Humberto Barreto, fest:

„We can have either entrepreneurship or the
neoclassical theory of the firm but we cannot have both.


Aber wie sollte diese Entscheidung zu treffen sein? Die Existenz von Unternehmern lässt sich empirisch belegen – ist also auch ökonomisch kaum zu verleugnen. Die neoklassische Theorie kann mittlerweile aber auch auf fast anderthalb Jahrhunderte – nicht ganz durchgängiger – Anerkennung zurückblicken.

Der Unternehmer bei Schumpeter wird auf ganz besondere Weise tätig – er setzt neue Kombinationen durch. Ob es sich um ein am Markt vollkommen neues Gut handelt, um einen neuen Markt für ein altes Gut, eine neue Herstellungsmethode, andere Rohstoffe oder einfach eine Umorganisation der eigenen Marktstellung – den Unternehmer zeichnet aus, diese Wege nicht (nur) zu ersinnen oder zu ermöglichen: Er beschreitet sie. So trennt Schumpeter den Unternehmer auch klar vom Kapitalisten, vom Verwalter und, weniger neu, vom Erfinder. Über diese betriebswirtschaftlichen Funktionen des Unternehmers geht Schumpeter jedoch hinaus, er spricht von „Initiative, Autorität, Voraussicht“. Eigenschaften, für die es „wenig Betätigung im Automatismus eines ausbalancierten Kreislaufs“ gebe. Hier macht Schumpeter selbst das Problem der neoklassischen Theorie und seines Unternehmer-Konzeptes klar: Für diesen Typus von Menschen gibt es in einer Gleichgewichtsökonomie keine Betätigung, sie funktioniert auch ohne Unternehmer.

Ohne Unternehmer funktioniert die Gleichgewichtsökonomie sogar wesentlich besser, als sie es mit solchen täte. Die Aufgabe des Unternehmers, wie Schumpeter ihn definiert, ist es schließlich mit Nichten, Ungleichgewichte aufzuspüren und für sich zu nutzen. Dies würde neben Israel Kirzners Unternehmertypus auch der rational handelnde homo oeconomicus, wie ihn die Neoklassik heranzieht, tun. Er, beziehungsweise im neoklassischen Modell sogar eine ganze Masse von seiner Art, würden dies sogar in unendlich kurzer Zeit tun. So betrachtet die Neoklassik Zeiträume, die so kurz sind, dass es sich nur noch um Zeitpunkte handelt. In der ceteris paribus Bedingung wird ein statisches Modell betrachtet, nichts verändert sich. Schon gar nicht kann es zu kognitiven Grenzen der Marktteilnehmer kommen – und wo doch, würden sich diese gegenseitig aufheben, die Macht der großen Zahl gilt uneingeschränkt. Jedes potentielle Ungleichgewicht würde unverzüglich aufgedeckt, genutzt und beseitigt werden. Tatsächlich kann es so gar nicht mehr zu der Entstehung von nennenswerten Ungleichgewichten kommen. Dabei handelt jedes Individuum aus purem Egoismus: Es will seinen Nutzen, im Zweifelsfall seinen Reichtum, vermehren. Der rationale homo oeconomicus steht dabei im totalen Gegensatz zu Schumpeters Unternehmer, der einem Leistungssportler oder Künstler gleich, aus seiner Persönlichkeit heraus jede Motivation zu wirtschaftlichem Handeln zieht und materielle Vorteile manchmal sogar nur noch als Nebenprodukt erringt.

Allerdings ist es die bereits beschriebene Eigenschaft des Unternehmers, neue Kombinationen durchzusetzen, mit der dieser die Volkswirtschaft nicht in ein Gleichgewicht, sondern vielmehr aus einem solchen heraus bringen kann. Dieses Ungleichgewicht lässt die Neoklassik jedoch gar nicht erst zu. Etwas Neues zu schaffen, zum Beispiel ein Gut, Rohstoffverwertung oder eine Produktionsmethode, hieße schließlich, dass dieses Neue zuvor nicht bekannt gewesen sei. Grundannahme ist jedoch, dass alle Marktteilnehmer vollständig informiert sind. Zu einer Notwendigkeit der Bewältigung einer „ungewohnten Aufgabe“, die Unternehmercharakter verlangt, könnte es also niemals kommen, weil es keine unkalkulierbare Unsicherheit gibt. Die Existenz derartiger Aufgaben ist also von vornherein ebenso ausgeschlossen, wie die Möglichkeit, dass ein Unternehmer ein am Markt vollkommen unbekanntes Gut einführt und den Konsumenten anträgt. In der Neoklassik hätte es entweder vorher schon einen Bedarf für dieses Gut gegeben, dann wäre er allerdings auch schon früher gedeckt worden und in der betrachteten Zeitpunkt-Welt vorhanden. Oder es gibt eben keinen Bedarf für dieses Gut, dann wird es auch niemand kaufen. Präferenzen sind exogen gegeben, eine systemimmanente, endogene Veränderung erscheint unvorstellbar, daher auch die Schaffung vollkommen neuer Bedürfnisse, wie sie zum Beispiel das Say’sche Theorem vorschlägt: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage.

Eine scheinbare Lücke findet sich jedoch in dem Theoriegebäude aus vollständiger Information und gleichstarken Marktteilnehmern: Schumpeter unterstellt seinem Unternehmertypus vor allem, aus vorhandener Information – wie sie in der Neoklassik alle Marktteilnehmer gleichermaßen hätten – mehr machen zu können als andere. Es ist die Fähigkeit, Bekanntes auf neue Art zu durchdenken und zu bewerten, die den Unternehmer zum Führer seiner Zeit macht. Dies kann er auch, wenn er das gleiche Wissen wie alle anderen Marktteilnehmer hat, ihm reichen seine kognitiven Fähigkeiten. Die Existenz eines Einzigen, der mehr als homo oeconomicus ist, könnte also zu einer Innovation führen, die den vollkommenen Markt aus dem Gleichgewicht bringt – und Wachstum ermöglicht. Doch auch an dieser Stelle ist das neoklassische Modell abgesichert, denn ebenso wird die Existenz räumlicher Schranken dementiert – eine für die Entstehungszeit der Neoklassik sehr starke Annahme, gab es im ausgehenden 19. Jahrhundert schließlich weder die elektronische Datenübermittlung noch regelmäßigen Flugverkehr. Trotzdem sollen die Märkte zu jeder Zeit in kürzester Zeit in der Lage sein, sich Veränderungen in Gütermengen, -qualitäten oder Zahlungsströmen anzupassen und damit Arbitrage-Gewinne unmöglich machen. Für den Schumpeter’schen Unternehmer heißt dies, dass auch die Erschließung neuer Märkte ihm keinen Vorteil verschafft, ebenso wie Vorteile der Produktdifferenzierung, wenn sie denn jemals aufträten, unverzüglich ausgeglichen werden würden.

Die Änderung seiner Marktstellung – zum Beispiel der Aufstieg zum Monopolisten, ist wiederrum per Annahme vollständiger Konkurrenz ausgeschlossen. Durch diese bleibt dem Unternehmer, der eigentlich nur noch ein Produzent ist, nicht einmal der Dreh an der Preisschraube gestattet, da er in der Masse der Anbieter am Markt als Preisnehmer fungiert.

Barreto und Blaugs These, dass sich Entrepreneurship und Neoklassik ausschließen, kann zugestimmt werden. Doch Schumpeter selbst macht schon in seinem „Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung“ klar: Sein Unternehmer ist gar nicht für die neoklassische Modellwelt erdacht worden. Schumpeter lehnte diese ab, da sie die Dynamik des Wirtschaftslebens nicht erklären konnte. Gleichzeitig erscheint es, als habe die Neoklassik hohe Schranken errichtet, um den Unternehmer als speziellen Akteur auszugrenzen. Entstanden ist ein in sich geschlossenes, vollständiges System, welches sich mit der Allgemeingültigkeit einer exakten Wissenschaft verteidigen will. Blaug nennt dies mit Rückgriff auf Debreu, Arrow und Hahn eine formalisierte Darstellung, die weder beschreibenden noch praktischen Wert hat und trifft, angesichts der vorangehenden Darstellungen, mit diesen Worten wohl den Kern. Auch bei tieferer Betrachtung wirkt Schumpeters Konzept offen und realitätsnah, empirische Belege lassen sich in der Wirtschaftsgeschichte, wie auch in der Gegenwart finden.

Die neoklassische Theorie bleibt dennoch vor allem in der Lehre bis auf weiteres dominierend. Und das auf der Basis eines Gleichgewichts, für dessen Existenz oder bloße Erreichbarkeit es laut Franklin Fischer keinen Beweis gibt. Kein Wunder, zu lehren und zu verteidigen ist eine in sich geschlossene Modellwelt schließlich uneingeschränkt. Sie muss sich nicht den Vorwurf der Fehlerhaftigkeit gefallen lassen, erhebt sie schließlich niemals den Anspruch, außerhalb der Grenzen ihrer Annahmen Gültigkeit zu besitzen. So haben die Ökonomen der Neoklassik perfect Economics geschaffen.

Die aktuelle Forschung folgt jedoch wieder eher Schumpeter: Ein Beispiel ist die Neue Institutionenökonomik, die unter anderem beschränkte Märkte und Rationalität zulässt und sich der Existenz endogener Präferenzen öffnet. Wie Schumpeter nähert sie sich wieder den Bedingungen an tatsächlich existierenden Märkten zu, an statt hypothetische Situationen an hypothetischen, jedoch niemals beobachtbaren Märkten zu Untersuchen und zu Beschreiben.

Wenn Schumpeter den Unternehmer als Außenseiter und Pionier bezeichnet, so war er für die Ökonomik als Wissenschaft vielleicht selbst ein solcher. Während alle anderen sich der bekannten und formal gleichförmigen Modellwelt zuwendeten, suchte er eine neue Richtung und wandte sich – in Anbetracht der zahlreichen streitbaren Punkte – wahrscheinlich ganz bewusst gegen die neoklassische Theorie. Mit seinem Unternehmer-Konzept bediente er zwar keine existierende Nachfrage, schuf aber vielleicht eine neue: Die Nach-Frage nach dem Funktionieren von echten – tatsächlich existierenden – Volkswirtschaften.

Literatur:

Blaug, Marc, Entrepreneurship in the History of Economic Thought. In: Boettke, Peter J. / Ikeda, Sanford (Hg.) Advances in Austrian Economics, Vol. 5. London 1998, S. 217-239.

Schumpeter, Joseph A., Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, Zweite Aufl. Berlin 1926, S. 99-139.