Der Unternehmer. Die Ungleichheit. Und das Wahlergebnis.

Die Entscheidungen der Menschen hängen von ihren Erwartungen an zukünftige Entwicklungen ab – die der Unternehmer erst recht. Diese Erwartungen kann die Politik aktiv beeinflussen. Der Unternehmer wählt dann zwischen seinen Handlungsoptionen. Doch schon ein Wahlergebnis kann einen Schock darstellen, der das Wirtschaftswachstum lähmt oder fördert. Die Erwartung einer bestimmten ideologischen Ausrichtung in der Politik – einfach gesagt: sozial oder liberal – beeinflusst die potentiellen Kosten und Nutzen einer jeden Entscheidung. Die Frage nach der guten Regierung könnte dadurch schon am Etikett scheitern. Ist dieser Einfluss in jedem Land gleichstark, oder kann in der „Marx’schen Utopiewelt“ auch eine linke Politik Wachstum hervorbringen?

Erich Streissler beschreibt in seinem Aufsatz Karl Marx‘ Unternehmerbegriff:

„Die positive Rolle des Kapitalisten besteht nach Marx darin, daß er der Motor ist, der Investition, technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum schafft.“ (S. 271)

Marx sah natürlich noch mehr im Unternehmer: vor allem einen Ausbeuter, einen Unterdrücker der Arbeiterklasse. Die von ihm bereits 1867 in „Das Kapital“ beschriebene Rolle des Motors der Wirtschaft haben später jedoch zahlreiche Theoretiker ihren Unternehmertypen zugeschrieben. Um diese Motorenfunktion auch ausfüllen zu können, braucht der Unternehmer jedoch mehr, als nur Produktivkräfte, die er ausbeuten kann: Er braucht Vertrauen.

Schon John Maynard Keynes beschrieb 1936 die Rolle der Hoffnung für die Wirtschaft:

“It is safe to say that enterprise which depends on hopes
stretching into the future benefits the community as a whole.”
(p. 162)

Ist der Unternehmer jedoch nicht in der Lage, sich selbst von seiner guten Hoffnung zu überzeugen, so kann er auch kein Vertrauen aufbauen.

Dieses Vertrauen muss sich einerseits an seine Fähigkeiten, ein Projekt überhaupt durchführen zu können, richten. Es muss sich aber auch an die äußeren Umstände, die den Nutzen seines Projektes beeinflussen können, richten. Sind seine Erwartungen an diese negativ oder unsicher, warum sollte er dann Zeit, Geld und Herzblut in seine Unternehmung investieren? Seine Erwartungen an zukünftige Gewinne werden gedämpft, seine Hoffnung schwindet. Vielleicht wird er gar nicht mehr investieren, vielleicht wird er aber auch, wie von William Baumol befürchtet, einer unproduktiven oder destruktiven Tätigkeit nachgehen – auf dem Schwarzmarkt, vorbei an politisch motivierter Regulierung, Besteuerung oder Umverteilung. Politikwechsel können somit einen sehr starken Effekt auf Unternehmer haben, weil sie immer mit bestimmten Erwartungen an die gewählten Parteien und Personen verknüpft sind.

Nun sind es gerade die von Streissler angegriffenen Linken, die häufig selbsternannten marxistischen Politiker, die bei den Unternehmern wenig positive Hoffnungen aufkommen lassen. Ob in marxistischer Tradition oder nicht, soziale Politik verbinden die Wähler vor allem mit einem: Umverteilung. Liberale Politik ruft in der Regel eher nach „mehr Markt, weniger Staat“. Es soll weniger Besteuerung geben, schon gar keine Umverteilung. Jeder erntet die Früchte seiner Arbeit. Die Erhaltung der Leistungsanreize steht im Zentrum dieser Politik.

Was soll sich ein Unternehmer also am Morgen nach einer Wahl denken, wenn die eine oder die andere ideologische Ausrichtung die Politik der kommenden Jahre bestimmen wird? Von der sozialen Politik muss er Umverteilung erwarten. Von der liberalen Politik hingegen muss er erwarten, dass es entweder keine Änderung des Status Quo gibt, oder seine Gewinne sogar noch gesteigert werden, weil mit einer geringeren Besteuerung zu rechnen ist.

Dass die Erwartungen der Unternehmer nicht allein von der Politik abhängig sind, sondern auch von der bestehenden Ungleichheit im Land, legt Christian Bjørnskov dar. Sein Argument: In „links“ regierten Ländern steht mehr Ungleichheit mit weniger Wachstum in Verbindung, in „rechts“ regierten Ländern (im liberalen Sinne) hingegen mit mehr Wachstum. Begründet man Wachstum mit unternehmerischer Aktivität und unternehmerische Aktivität mit den Erwartungen an Politikmaßnahmen, wird offensichtlich, dass Wahlergebnisse das Wachstum schon beeinflussen können, bevor auch nur ein einziges Gesetz verabschiedet worden ist. Ob diese Reaktion positiv oder negativ ist, hängt vom bestehenden Niveau an Ungleichheit in der Gesellschaft ab.

Welchen Effekt auf das Unternehmertum soll ein Politikwechsel jedoch haben, wenn in einem Land bereits eine sehr geringe Ungleichheit vorherrscht? Ein Wechsel in Richtung einer sozialeren Politik als zuvor hätte kaum einen Effekt, da kaum eine höhere Besteuerung zu Umverteilungszwecken zu erwarten ist. Denkbar – und in der Forschung bislang kaum bedacht – wäre allerdings ein Effekt hinsichtlich der Absicherungsfunktion des Staates, wenn es zu einer liberaleren Politik käme. In einem sehr gleichen Staat wäre der soziale Abstieg im Fall eines unternehmerischen Misserfolges nur gering – wie es im Falle eines Erfolges auch der Aufstieg wäre. Die liberalere Politik macht nun größere soziale Unterschiede möglich – und erhöht damit das Risiko einer Unternehmung.

In einem Umfeld geringer Ungleichheit wird eine soziale Politik in der Regel kaum einen Einfluss auf das Unternehmertum haben, weil kaum Änderungen zu erwarten sind. Eine liberalere Politik hingegen könnte das Wachstum sogar bremsen. Nichtsdestotrotz: Der Effekt wird gering ausfallen.

Ganz anders sind da die zu erwartenden Reaktionen der Unternehmer in einer ungleichen Gesellschaft. Wird die Politik liberal – vermutlich war sie es vorher schon – ändert sich für sie nichts. Auch hier könnten Absicherungsfunktionen verloren gehen, auch hier wird der Effekt jedoch gering sein. Anders jedoch bei einem Wechsel zu einer sozialeren Politik. Deren Vertreter treten in der Regel mit dem Anspruch zur Wahl an, die Gesellschaft gleicher zu machen. Wer eine Unternehmung mit dem Ziel finanziellen Gewinns starten möchte, muss nun damit rechnen, dass die Früchte seiner Arbeit zu Umverteilungszwecken besteuert werden. Er erwartet also, dass zukünftige Politiken den erzielbaren Gewinn reduzieren. Sein Anreiz, die Unternehmung zu wagen, wird somit verringert, wie sich auch sein erwarteter Nutzen verringert.

In einer sehr ungleichen Gesellschaft fällt die Reaktion der Unternehmer auf einen Politikwechsel also umgekehrt aus: Sozialere Politik beeinflusst die Erwartungen stark negativ, und damit auch das Wachstum. Eine liberalere Politik hingegen sorgt für geringe Änderungen in den Leistungsanreizen, der Effekt tritt vor allem durch die Absicherungsfunktion eines umverteilenden Staates auf.

Sowohl bei starker, wie auch bei geringer Ungleichheit gibt es jene Unternehmer, die im Falle einer liberaleren Politik ein schwinden der Absicherungsfunktion befürchten. Diese Angst trifft jedoch nicht alle Unternehmer gleich. Wer relativ reich ist, kann sich selbst absichern. Wer relativ arm ist, hat in der Regel gar nicht die Mittel, ein unternehmerisches Wagnis einzugehen. Die Mittelschicht jedoch wird durch eine staatliche Absicherung darin befördert, als Unternehmer zum Wachstum beizutragen. Fehlt diese, wird ein Teil der Gesellschaft von der unternehmerischen Tätigkeit ferngehalten.

Ist der Grad an Ungleichheit jedoch gering, wird die Mittelschicht in der Regel sehr groß sein. Mit dem richtigen Maß an Absicherung kann die Politik die wirtschaftliche Entwicklung daher positiv beeinflussen, weil mehr Menschen, die nach Wohlstand streben, Wagnisse eingehen, um diesen zu erreichen.

Soziale Politik kann also durchaus funktionieren. Sie muss nicht die Produktions- und Investititonsanreize hemmen oder, drastischer gesagt: die Leistungsanreize zerstören, wie ihr so oft vorgeworfen wird. Ist die Gesellschaft aus materieller Perspektive bereits gleich, so dass keine Umverteilung mehr zu befürchten ist, so stellt sich auch der wachstumshemmende Effekt einer befürchteten Umverteilung nicht ein. Es gibt gar keinen Grund für eine weitere Umverteilung! Damit ist der hier untersuchte Kern der sozialen Politik jedoch auch erschöpft, eine Steigerung erscheint unnötig. Vielleicht ist in einer „gleichen“ Gesellschaft die Frage nach der politischen Ausrichtung der Regierung damit auch obsolet geworden? Nein, denn die Absicherungsfunktion, deren Fehlen die Gleichheit in der Gesellschaft ebenfalls zerstören kann, rechtfertigt die Aufrechterhaltung dieser Politik.

In den Fokus der Forschung könnte nun die Frage nach dem Wahlergebnis rücken: Wenn eine Gesellschaft mit geringer Ungleichheit eine liberale Politik wählt – tut sie es, weil sie keine weitere Notwendigkeit für soziale Politikmaßnahmen sieht, oder tut sie es, weil sie eigentlich gar nicht gleich sein will?

Politiker, die das Unternehmertum fördern wollen, sollten bei der Wahl ihrer ideologischen Ausrichtung – ihrer Partei also – die bestehende Ungleichheit im Land berücksichtigen. Weder in der liberalen noch in der sozialen Orientierung ist das Heilmittel zu finden. Auch ökonomische Gesetze der Erwartungsbildung gelten immer nur in ihrem ganz speziellen Umfeld.

Bei dieser Argumentation, die aus ökonomischer Sicht eher gegen eine linke Politik spricht, fällt allerdings auch ein starkes Argument für die soziale, umverteilende Politik ab: In ungleicheren Staaten ist der Effekt eines Politikwechsels stärker. Wer als Unternehmer Erwartungen bilden soll, sieht sich dadurch einer größeren Unsicherheit über kommende Umverteilungsmaßnahmen ausgesetzt. Staaten mit weniger Ungleichheit sind hingegen stabiler. Unternehmer müssen daher zwar damit rechnen, unter sozialen Politikern einer gewissen Umverteilung ausgesetzt zu sein, diese wird im Vergleich zu ungleicheren Gesellschaften nicht besonders stark ausfallen.

Wer ein stabiles Wachstum einem stärkeren, aber dafür unsicheren Wachstum vorzieht, sollte erst zu einer gleicheren Gesellschaft streben und dann versuchen, diese in einem Mittelmaß aus Absicherung und geringer Besteuerung möglichst stabil zu halten. Der Weg zur gleicheren Gesellschaft muss jedoch teuer erkauft werden: Mit wachstumshemmender Umverteilung.

Literatur:

Baumol, William J. 1990. Entrepreneurship: Productive, unproductive, and destructive. Journal of Political Economy 98: 893–921.

Bjørnskov, Christian. 2008. The Growth-Inequality Association: Government Ideology Matters. Journal of Development Economics 87: 300-308.

Keynes, John M. 1936, The General Theory of Employment, Interest and Money. 12th ed, Macmillan & Co Ltd. London.

Streissler, Erich. Die Rolle des Unternehmers bei Marx und der Neuen Linken. In: G. Schmölders. Der Unternehmer im Ansehen der Welt. Lübbe.