…um Legitimation und Machterhalt
Stalins Herrschaft in den Wirren seiner Gegenwart
Im Streit um den „Stalinismus“ haben sich zwei Gruppen mit nahezu konträren Konzepten herausgebildet: Totalitaristen und Revisionisten. Gegen ein Verständnis des Stalinistischen Regimes als ideologiegeprägt unter totaler Kontrolle der Herrscherfigur Josef Stalins steht das Bild einer Gruppe von Menschen, die in einem unüberblickbaren System um die Erhaltung ihrer persönlichen Macht kämpfen. Beide Positionen sind gegenwärtig dabei, sich einander zu nähern. Besser spät als nie, denn für die zu Stalins Zeiten lebenden Menschen mag schon damals gegolten haben: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Der Stalinismus war eine totalitäte Diktatur im Zeichen der Marxistischen Lehre. In ihrem Zentrum stand Josef Stalin als Diktator, auf dessen Person alle Kontrolle und Entscheidungsgewalt über das Volk der Sowjetunion konzentriert war. Seine Herrschaft war von der kommunistischen Ideologie vom sich verschärfenden Klassenkampf und der Friedensvision im Sozialismus begründet.
Mit diesen Worten lässt sich der Begriff des Stalinismus kurz und allgemein verständlich zusammenfassen. Stalin stand an der Spitze der Sowjetunion. Er setzte Repressionsmittel gegen Einzelpersonen und ganze Gruppen ein – bis hin zu Deportation, Internierung, Ermordung – um laut seiner Aussage die Kommunistische Ideologie vor dem sich verschärfenden Klassenkampf schützen zu können. Der Einfluss auf jeden einzelnen Einwohner der Sowjetunion war institutionell nicht eingeschränkt und wurde durch gezielten und kontrollierten Einsatz der Massenmedien unterstützt. Mit der Kommunistischen Partei Russlands hatte er ein Netzwerk von Funktionären zur Verfügung, mit dem er Kontrolle über alle Gesellschaftsschichten ausüben konnte. So kam es zu einer weit verbreiteten Ideologie, deren wenige Geg-ner am lückenlosen System scheitern mussten. Überhaupt lässt sich das totalitaristische stalinistische Regime an sehr vielen Stellen mit einem Wort beschreiben: Kontrolle.
History Revised
Besonders in den vergangenen 40 Jahren hat diese Version jedoch ihre Gegner gefunden. Das Bild eines reibungslos funktionierenden Regimes wird vielfach als zu eindimensional angesehen. Vor allem fehlt die Perspektive des Individuums. Das die Menschen „unter Stalin“ grundsätzlich zu eigenem Denken und Handeln fähig waren, kommt vielfach zu kurz. Im Blick der Revisionisten steht bei dieser Eigenverantwortlichkeit vor allem eines: Der persönliche Machterhalt der Parteielite. Diese kämpften gar nicht unbedingt als Gruppe, sondern immer öfter auch nur für sich selbst. So wird vor allem die Wichtigkeit der „Aufsteiger“ betont: Junge engagierte Parteimitglieder, die in dem Bestreben, hohe Positionen bekleiden zu können, aktiv für die Partei und ihren Anführer eintraten. Besonders der Aspekt der zentral gelenkten Planwirtschaft sorgte dafür, dass eine „Karriere“ nach heutigem Verständnis nur als Teil des politischen Systems denkbar war.
Dies machte die Erfolgsgeschichten der traditionellen Subsistenz- und Marktwirtschaft, gerade in den ländlichen Regionen der Sowjetunion noch weit verbreitet, zur Konkurrenz und ideologiefremdes Denken zu einer Bedrohung. Größere Gruppen von „Andersdenkenden“ konnten potentielle – manchmal auch tatsächliche – Rebellen sein und die bestehende Ordnung angreifen. Das Ende der stalinistischen Herrschaft wäre auch das Ende der persönlichen Machtpositionen seiner Funktionäre. Die Verbreitung der Ideologie diente somit der Machtlegitimation und dem Machterhalt, die kommunistische Lehre wurde ein „Verkaufsargument“ für die Parteielite und ihre oftmals gewalttätigen Methoden.
Keine Macht dem Volke
An dieser Stelle lässt sich bequem argumentieren, dass die persönliche Macht Einzelner im totalitären Regime der Ideologieumsetzung diente und zur Verhinderung von Chaos notwendig war. Nur durch Repressionen gegen die Feinde des Systems konnte dieses geschützt und der innere Frieden aufrechterhalten werden. Da ein zentrales Merkmal der kommunistischen Lehre die Volksherrschaft als Idealzustand ist, bleibt der Aspekt der Machtlegitimation damit sogar nachvollziehbar – wenn die Kommunistische Partei Russlands im Namen des Volkes agiert. Und so lange man das Volk als eine einheitliche, im Sinne der Ideologie lebende Masse betrachtet, stimmt dies sogar. Die Frage nach der Lebenssituation der einzelnen Menschen wird in der Totalitarismus-Theorie kaum gestellt, die Frage nach der wirklichen Legitimation des totalitären Systems als Volkswille somit ausgeblendet.
Kontrolliertes Leid
Als zweiter blinder Fleck in der Totalitarismus-Theorie wird der Aspekt der Effizienz des Systems betrachtet. Der bis in die untersten Bevölkerungsschichten vernetzte Parteiapparat mit der Galionsfigur Josef Stalin als zentrale Lenkungsinstanz gilt als perfekt durchorganisiert. Stalin, ab 1927 Anführer der Sowjetunion, zwang dem Volk die Planwirtschaft auf – deren effiziente Umsetzung durch die mehreren Millionen Opfer einer Hungersnot durchaus anzweifelbar ist. Viel schwerer wiegt an dieser Stelle jedoch die Frage nach der wirklichen Kontrolle. Während der Totalitarismus von einer kontrollierten – und folglich auch kontrollierbaren – Masse ausgeht, fragen sich Revisionisten eher, inwieweit diese Kontrolle überhaupt möglich ist. Kann eine Ideologie, selbst wenn sie über Parteinetzwerke, Massenmedien und repressive Maßnahmen verbreitet wird, die persönlichen Ansichten annähernd jedes einzelnen Individuums eines so großen Volkes manipulieren? Und kann diese Kontrolle von einer einzelnen Person ausgeübt werden?
Die zweite Frage können Historiker inzwischen verneinen: Innerhalb der Partei gab es nicht nur Verwirrung und mangelnde Organisation, sogar die Verfolgung gegenläufiger Interessen durch verschiedene Gruppen lässt sich beweisen. Oftmals überwogen bürokratische Faktoren den Glauben an die Ideologie. Von einer Zentralgewalt oder „Allmacht“ in der Person Stalins lässt sich also nicht sprechen.
Anerzogene Treue
Über die Frage nach dem Einfluss der stalinistisch-kommunistischen Ideologie lässt sich hingegen weiterhin streiten. Schon der „Leninismus“ als Vorgängerideologie wurde in der gesamten sowjetischen Bevölkerung verbreitet und gelehrt. An vielen Stellen kann diese Lehre daher als „in die Wiege gelegt“ betrachtet werden. Das die von Stalin stark vorangetriebene Planwirtschaft und seine oftmals verheerenden Folgen vom Volk nicht kritisch betrachtet wurden, scheint kaum denkbar. Hätte die „Gehirnwäsche“ des Regimes wirklich so funktioniert, wie die Totalitarismus-Theorie glauben lassen will, wäre es kaum den Bauernaufständen und Rebellionen gekommen.
Nicht zu vernachlässigen sind auch die Menschen aus der „Proletarischen Avantgarde“, denen die Ideologie durchaus gelegen kam. Diese Bolschewiki schließlich waren die neue „herrschende Klasse“ im stalinistischen System. Das sie in der totalitären Diktatur – wenn überhaupt – nur im Rahmen einer Parteikarriere partizipieren konnten, spielte dabei kaum eine Rolle. Ihr Status Quo war, so lange sie dem Regime nicht entgegen traten, gesichert. Ihnen passte auch die von Stalin stets betonte Bedrohung eines Klassenkampfes sehr gut ins eigene Bild, waren sie doch die „gute“ Klasse, bedroht von der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft.
Terror für den Frieden
War die Diktatur Stalins also nur ein instabiles Gebilde aus Chaos, Strebern und bequemen Mitläufern? Mit Nichten. Schon die Vorgänge bei seiner Machtergreifung machten jedem deutlich, welches Risiko ein Widerstand gegen den Herrscher bedeuten würde. Langjährig treue Weggefährten, auch höchste Funktionäre, wurden verfolgt, deportiert oder ermordet und durch jüngere ersetzt. Hunderttausende Russen, auch Parteimitglieder, traf das selbe Schicksal. Die Propaganda vom sich verschärfenden Klassenkampf als Bedrohung für den Frieden legitimierte jedes Mittel.
Welche Macht im ganz totalitaristischen Sinne er über seine Kollegen und Funktionäre hatte, machte er nicht nur durch die Repression ihrer Vorgänger deutlich, auch deren Familien gerieten unter Druck. So wurde zum Beispiel die Frau von Staatschef Mikhail Kalinin deportiert. Nicht alles, was passierte, stand unter Stalins persönlicher Kontrolle. Auch nachdem er die alleinige Macht ergriffen hatte, behielten die Mitglieder des Politbüros die Kompetenzen ihrer jeweiligen Ressorts bei. Der Umkehrschluss galt jedoch nicht: Was Stalin anordnete, hatte kompromisslos umgesetzt zu werden. Stalins Taktik, junge Aufsteiger in das Politbüro wählen zu lassen, wurde zu einem entscheidenden Baustein seiner Machtergreifung.
Iakov Chadaev schrieb am 9. Mai 1941, kurz nachdem Josef Stalin alleiniger Partei- und Staatschef geworden war:
Als Essay bei Dr. David Feest im Aufbauseminar zur Osteuropäischen Geschichte eingereicht, überarbeitete Version.„Stalin’s Gefährten fürchteten ihn wie den Teufel.
Im Grunde würden sie ihm bei praktisch allem zustimmen.“
Literatur
Stalin, Josef: „Der Klassenkampf” (1906); in: „Stalin: Werke“, Band 1 (1952)
Hildermeier, Manfred: „Interpretationen des Stalinismus“; In: HZ 264 (1997), S. 655-674.
Gorlizki/Khlevniuk: „Stalin and his circle”; In: Suny (Hrsg.): “The Cambridge History of Russia”, Band 3. (2006), S. 243-254.
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