Sep
27
Filed in Celle, Gesellschaft, Politik
Nichtwählen als Form des Protestes?
Dann protestieren in Celle etwa 40 Prozent (20.48 Uhr).
Wenn ja, dann ist es der falsche Weg. Es gibt genügend kleine Parteien, Protestparteien und so fort. Es wird nicht besser, wenn nicht gewählt wird.
Für mich persönlich gibt es keine Partei. Keine von denen macht, was ich will! Ich versteh auch nicht, warum sie das nicht tun, aber es ist ja leider so. Also – nichtso.
Aber Politikmachen ist komplex, Politiaussuchen nicht minder.
So isses halt.
Sven said:
Ich würde daraus nicht zwingend eine Form des Protestes ableiten. Vielmehr scheinen die meisten Menschen es wohl so zu sehen, dass ihre Stimme ohnehin nichts bewirkt.
Jeder von uns hat eine Stimme – unter Millionen. Demokratie bedeutet nichts anderes als dass die Stimme zweier Idioten ausreicht um einen Weisen vom handeln abhalten zu können.
Abgesehen davon gibt es auch Menschen die nicht zur Wahl gehen weil sie keine Wahl erkennen können. Ob ich nämlich jetzt die LINKE oder die CDU wähle, ändert nichts am System, welches ich vielleicht ablehne.
Wozu soll man Kleinparteien wählen, wenn man Protst einlegen will? Um sein demokratisches Gewissen zu beruhigen?
Ich hatte auch erst mit dem Gedanken gespielt, das zu machen. Hab mich dann aber dagegen entschieden. Wenn ich wählen gehe – was ich aller Voraussicht zum vorerst letzten mal war -, dann will ich auch das wählen, von dem ich mir am meisten verspreche.
Wer nicht wählt legt immer noch den besten Protest ein. Denn die Frage, warum jemand nicht zur Wahl geht, dürfte wohl wesentlich spannender sein als die Frage warum sich jemand für die Violetten entscheidet.
Denn letzten Endes geht es hierbei auch um die Legitimation unseres Wahlsystems bzw. unserer politischen Kultur. Wenn ein Viertel aller Wahlberechtigten nicht hingeht, dann sollte man schon ins grübeln kommen, was hier falsch läuft. Vor allem wenn man sich mal anschaut was für ein medialer Hype um diese Wahl gemacht wurde, der sich letztlich sogar in Werbespots niedergeschlagen hat, die nur zur Wahl an sich aufriefen.
Insgesamt finde ich unser politisches System äußerst unbefriedigend. Mir ist klar, dass die Demokratie als solche leider die einzige Staats- bzw. Regierungsform ist die realistisch umsetzbar erscheint.
Alles andere scheitert am Menschen selbst oder ist schlichtweg falsch. Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass meine Stimme den Unterschied macht.
Daher frage ich mich: wozu wählen gehen?
Die letzten beiden Bundestagswahlen sind nämlich nicht so ausgegangen, wie ich es mir gewünscht hätte. Insofern scheinen ohnehin andere für mich zu wählen bzw. schlichtweg in der Überzahl zu sein.
mataro said:
ja, also ich finde schon, dass du recht hast und so, aber im prinzip ist das doch alles auskummuliert. ich habe gestern erst mit mr. shandwan (google den mal) geredet und der hat mir exorbitante zahlen zu dem thema gesendet. ich würde gerne postorbitale funktionen der präfrontalen matrix erforschen, aber leider bin ich zu suboptimal unterwegs.
mit pornööösen grüßen deine mudda
Isa said:
In einem meiner Soziologie-Texte kam das Thema nun vor, und ich musste an dich denken, Sven.
Ein Argument: Nichtwählen entweder aus Vertrauen in die Menge (egal wie das Ergebnis ist, durch meine Stimme wirds weder besser noch schlechter); oder nichtwählen als Absage an das System (egal wie ich wähle, die anderen Idioten haben ja doch die Mehrheit).
Aber ich denke auch, dass es sowohl rechts wie auch links durchaus Alternativen gibt. Mir stellt sich die Frage, was den Absage-Wählern eigentlich fehlt? Klein-Parteien mit vielen (wenn auch nicht genügend) Stimmen zeigen auch den “Großen”, was sich Teile des Volkes wünschen. So funktioniert Demokratie eben. Ich finde nicht, dass man nur weil die Wahl individuell-ungünstig ausgegangen ist, nicht mehr wählen sollte.
Und warum nun genau nichtgewählt wird, bleibt wohl auch noch zu untersuchen.
Ich denke eher, dass die grundsätzliche Unzufriedenheit mit Regierungen & Lebenssituationen ein Grund ist. Enttäuschung, weil wieder etwas nicht so gelaufen ist, wie man selbst es gerne gehabt hätte. Aber wird das besser, wenn man nicht wählt? Und wenn das System falsch ist, wo ist dann das bessere? Muss es perfekt sein, oder reicht es “das Beste” zu haben.
…was nicht unterstellen soll, dass ich die Demokratie für “das Beste” halte. Mir fällt nur nichts anderes ein.
Sven said:
Ich hab letztens noch mit meinem Professor für Staatsrecht über das Thema debattiert und er konnte meine Gedanken zu dem Thema auch nicht zerstreuen, wollte ihnen aber auch nicht zustimmen (verständlicherweise).
Was den Absage-Wählern vermutlich fehlt ist schlichtweg die Perspektive.
Nachfolgend kann ich da auch nur für mich selbst sprechen, da jeder Nichtwähler mit Sicherheit unterschiedliche Gründe haben wird, die oftmals über das “Keine Zeit/Keinen Bock/Es waren Wahlen?” hinausgehen…
Demokratie im eigentlichen Sinne haben wir ja eh nicht, da der Wille des Volkes schon allein deshalb untergeht, weil Nichtwähler keine Stimme haben und Koalitionen den Wählerwillen u.U. ebenfalls falsch wiedergeben (können). Kleinparteien finden keine Beachtung im politischen Alltag und die sogenannten Volksvertreter sind auch nur ihrem Gewissen gegenüber verpflichtet (und nicht dem Wählerwillen) und werden dennoch oft genug durch Fraktionszwang auf Linie gebracht.
Es fehlt auch schlichtweg an direkter Mitbestimmung. Alle 4 Jahre eine Wahl? Woher soll man wissen, welche Parteien in 3,5 Jahren die Finanzkrise 2009 zu meiner Zufriedenheit löst?
Letzten Endes ist man darauf angewiesen diesen Menschen, die einem tagtäglich im Fernsehen geboten werden, sein Vertrauen zu schenken, in der Hoffnung, dass sie schon das richtige machen, wenn es so weit ist.
Unser Land ist viel zu groß als dass man sagen könnte, wir lassen über jeden Furz in einem Volksentscheid bestimmen. Die Bürokratie würde sich bedanken, der Gedanke der Demokratie würde kotzen.
Leider ist die Erwartung, dass man Nationalstaaten auflöst, neu gliedert, kleiner fasst und somit direktere Demokratie ermöglicht illusorisch.
Das Problem liegt in der Art und Weise wie wir gewohnt sind zu leben.
Wir sind zu viele Menschen, die den Luxus von Demokratie und Kapitalismus erleben wollen, was es unmöglich macht einen vermeintlichen Rückschritt zu wagen.
Das meinte ich eben auch als ich sagte “Mir ist klar, dass die Demokratie als solche leider die einzige Staats- bzw. Regierungsform ist die realistisch umsetzbar erscheint.
Alles andere scheitert am Menschen selbst[...]”
Und das ist ungemein deprimierend. Ich für meinen Teil habe jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass sich mein Weltbild ziemlich stark von dem unterscheidet was uns Lehrer, Medien und Politiker versuchen nahe zu bringen.