Gustav von Schmoller: Grundriss der allgemeinen Volkswirtschaftslehre
Der Methodenstreit
Der Weg von Gefühlen und Bedürfnissen hin zu allgemein gültigen Gesetzen der Volkswirtschaftslehre ist ein weiter. Die deutsche Historische Schule um Gustav von Schmoller versuchte dennoch, diesen Weg zu gehen. Doch der Ansatz, an Hand historischer Entwicklungen und ethischer Moralvorstellungen staatliche Institutionen zu fordern, führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum so genannten „Werturteilsstreit“, den die Historische Schule gewisser Maßen „verloren“ hat. Doch ist es in der heutigen Gesellschaft noch angemessen, die Wissenschaft von Werturteilen zu trennen? Wie logisch ist eine Logik, die geschichtliche Erfahrungen außer Acht lassen will?
Gefühle prägen Bedürfnisse, Bedürfnisse prägen das menschliche Handeln. Sie treiben den Fort-schritt an, den wirtschaftlichen, vor allem aber auch den sozialen Fortschritt. Und so wie sich in Darwins Evolutionsszenario vorteilhafte biologische Eigenschaften in der Entwicklung des Men-schen durchsetzen, so setzen sich auch vorteilhafte Verhaltensweisen im gemeinschaftlichen Zu-sammenleben durch. Was dabei wirklich als Vorteilhaft anzusehen ist, kann sich über Jahrhunderte hinweg in der Gesellschaft entwickelt haben. So entstehen, nach Gustav von Schmoller, aus einer „Summe von Gewohnheiten und Regeln der Moral, der Sitte und des Rechtes, die einen gemeinsamen Mittelpunkt oder Zweck haben“ , bestimmte Institutionen und Organe, die dem gesellschaftlichen Zusammenleben einen Rahmen setzen. So sah Schmoller die Hauptaufgabe der Nationalökonomie darin, die moralischen und sittlichen Entstehungspfade gesellschaftlicher Insti-tutionen und Organe zu erforschen, da diese formend für die unterschiedlichen Epochen seien. Im Mittelpunkt der Untersuchungen sollte die Nation als Gemeinschaft stehen, nicht einzelne Akteure.
Diese Österreicher…
Die Mitglieder der österreichischen „Grenznutzenschule“ der Nationalökonomie hatten im Gegensatz dazu vor allem das wirtschaftliche Handeln einzelner „rationaler Individuen“ untersucht. Im Rahmen der „exakten Richtung“ der Nationalökonomie stellten sie konkrete Regeln auf. Wesentli-che beobachtbare Verhaltensweisen wurden in Modellen isoliert um allgemein gültige Gesetze über das Verhalten von Individuen zu ermitteln. Normative, auf Werturteilen begründete Regeln zur Steigerung des Gemeinwohls lehnten sie ab.
Im Methoden- oder auch Werturteilsstreit der beiden Gruppen ging es insbesondere auch um die Realitätsnähe der Nationalökonomie. Die eigene Methode galt jeweils als die einzig richtige. Doch in der Rückschau auf beide Vorgehensweisen ergeben sich eben in Bezug auf die Selbstdarstellung als Wirklichkeitswissenschaft gravierende Probleme:
Die experimentelle Wirtschaftsforschung des neuen Jahrtausends widerlegt logisch-rationale Vor-stellungen vom wirtschaftlichen Handeln eines „homo oeconomicus“ immer wieder. Individuen handeln nicht egoistisch-rational, sondern werden von ihren Moralvorstellungen, ihrem Umfeld und ihren Erfahrungen beeinflusst. Auch nutzen sie nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen. Es sind eben unter anderem genau jene von Schmoller beschriebenen Gefühle, die eine ökonomische Gesetzgebung so schwierig machen.
Hilft alles nichts.
Doch auch der normative Ansatz birgt Gefahren. So sind die auf Erfahrungen basierten Institutionen stark pfadabhängig. Schmollers Behauptung, es handele sich bei seinen Schlussfolgerungen nicht um „subjektive Anläufe“, sondern vielmehr um objektive Ergebnisse „dessen, was die Erfahrung, die Weisheit der Jahrhunderte in Bezug auf die vernünftige und richtige Behandlung prakti-scher Verhältnisse gefunden“ habe, ist selbst stark subjektiv geprägt. Auch was sich über Jahrhun-derte als akzeptabel oder vorteilhaft herausgestellt hat, ist schlussendlich nichts anderes, als ein Konsens innerhalb einer Gemeinschaft. Hierin liegt auch die Schwäche der Methode, wie sie unter anderem Carl Menger immer wieder kritisiert hat: Es ergeben sich keine allgemein gültigen Aussagen, Ergebnisse sind immer nur für die betrachtete Gesellschaft gültig. So nimmt die Frage nach den richtigen Erkenntnissen fast die Züge eines Konfessionsstreits an.
Hätte wäre wenn.
Vielleicht hätten sich die Parteien des Werturteilsstreits nicht so sehr auf die Methoden der je-weils anderen konzentrieren sollen, sondern stärker auf ihre eigenen Forschungsergebnisse. Kommen zwei Wissenschaften zu unterschiedlichen Befunden, so muss nicht zwangsläufig eine der Vorgehensweisen falsch sein. Wahrscheinlicher ist, dass auf Grund unvollständiger Informationen falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden. So waren die Erkenntnisse der „exakten Richtung“ nur in einer auf konkreten Annahmen basierenden Wirklichkeit gültig, die der Historischen Schule nur in der eigenen.
Tugenden?
Dennoch – oder gerade aus diesem Grund – erscheinen die von Schmoller aufgestellten Anforderungen an gesellschaftliche Institutionen für unsere eigene Gesellschaft tatsächlich angebracht zu sein. Insbesondere die nur kaum zu vereinbarenden gesellschaftlichen „Tugenden“ von Freiheit und Gleichheit stellt er dabei heraus.
Freiheit
„Schrankenlose Freiheit“, wie sie auch die liberale Ökonomie fordern würde, führe zwangsläufig zu Ausbeutung und Unterdrückung der „unteren Klassen“ und sei daher abzulehnen. Diese normative These, hinter der sich durchaus ein Sozialist vermuten lässt, hat sich nicht nur empirisch bewahrheitet. Sie behält auch in der Ökonomie der Gegenwart ihre Gültigkeit. Würde beispielsweise am Arbeitsmarkt ein Gleichgewicht über die Anpassung der Löhne hergestellt, hätte das große Arbeitsangebot diese unterhalb des Existenzminimums bewegt. So entwickelten sich die Institutionen des Arbeitsrechts und der sozialen Sicherung und als Organ die Möglichkeit der Ar-beitnehmer, sich zu Gewerkschaften zusammen zu schließen. Das Absinken der Löhne unter das Existenzminimum ohne soziale Absicherung hätte das Verhungern der Erwerbstätigen zur Folge. Da dies die Kaufkraft der „unteren Klassen“ mindert, birgt die „Anarchie des Marktes“, wie Karl Marx es formulierte, auch wertneutrale, ökonomisch erfassbare Risiken. Dem Politiker und Ökonom John Maynard Keynes gelang später in seinem makroökonomischen Modell der Konsumfunktion die formale Herleitung einer mit dem Einkommen fallenden Konsumquote.
Gleichheit
Auch die vielfach geforderte Gleichheit griff Schmoller an: Die „Unterschiede der Menschen“ ließen sich nicht leugnen und seien nur mit Gewalt zu beseitigen. Zudem sieht er Einkommen und Besitz, vor allem aber „Differenzierung“, als Motor für „höhere Entwicklung“. Auch an dieser Stelle gibt ihm die Geschichte Recht: Der erst Jahre später aufkommende Sozialismus der Sowjetunion führte nicht nur zu Gewalt und Unterdrückung, sondern auch zu mangelnder Produktivität. Gleichheit im Sinne einer „Ergebnisgerechtigkeit“ führt unter ökonomischer Betrachtung zu fehlenden Leistungsanreizen. Das rationale Individuum, welches die Ergebnisse seiner Arbeit mit weniger produktiven Individuen teilen muss, wird ebenfalls weniger Produzieren, da sein Lohn unter das Grenzprodukt seiner Arbeit sinkt und sich somit seine Leistungsanreize verringern. Auch wenn sich historische und Grenznutzenschule gegenseitig mehr als kritisch betrachteten, kamen dennoch beide Methoden zum gleichen Ergebnis.
Gerechtigkeit
Dennoch lässt sich aus diesen Beispielen nicht schlussfolgern, dass die formale Ökonomie alles leisten kann, was die historische Forschung als normativ angemessen ermittelt. Anstelle von Freiheit und Gleichheit sprach sich Schmoller schließlich für das Modell der Gerechtigkeit aus, welches den modernen Ideen von „Chancengleichheit“ vorgreift. Dieses Konzept verlangt die rechtliche Gleichbehandlung aller Menschen, sowohl vor dem Staat wie auch untereinander. Eine allgemein gültige Definition dieser Gerechtigkeit fehlt bei Schmoller jedoch, da die „feineren Gefühle“ und „geläuterten Urteile in Bezug auf das Gerechte“ immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würden.
Geht nicht gibts nicht.
Aus ökonomischer Perspektive hat sich auch bis heute kein Mechanismus zur Herstellung objektiver Gerechtigkeit gefunden und auch normativ konnte man zu keinem Konsens gelangen. Politisch wird sie dennoch angestrebt und im Werturteil eines Großteils unserer heutigen Gesellschaft als erstrebenswert angesehen. Doch auch eine allgemein gültige gesellschaftliche Definition von Gerechtigkeit fehlt bislang. Die Ausrichtung staatlicher Organe und Institutionen auf Chancengleich-heit mag daher normativ geprägt sein, sie ist jedoch von der neutraleren Ökonomie abhängig, um nicht am Effizienzkriterium zu scheitern. Auf der anderen Seite ist auch die Ökonomie von den Werturteilen einer Historischen Schule abhängig, um nicht an den „irrationalen“ Handlungen der Individuen zu scheitern. Die in der Historischen Schule benutzten Werturteile entspringen schließlich den innerhalb einer Gesellschaft entstandenen Werturteilen der Individuen.
Was ist Wissenschaft?
Die Vorgehensweise der Historischen Schule mag dem heutigen Verständnis von „Nationalökonomie“ nicht mehr entsprechen, die Frage nach der Wissenschaftlichkeit scheitert daran jedoch nicht. Während zu Zeiten Schmollers die Nationalökonomie noch eine Disziplin an der Schnittstelle von Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften war, ist die aktuelle „Volkswirtschaftslehre“ oder „Ökonomie“ den Wirtschaftswissenschaften zugehörig. Schmollers Ansatz hingegen ist eher der Sozial- und Verhaltenspsychologie, und damit den Gesellschaftswissenschaften zuzuordnen. Allerdings sollte man, gerade in Hinblick auf Politikempfehlungen, den Gesellschaftswissenschaf-ten ihre Wissenschaftlichkeit keinesfalls absprechen. Politik wird nicht nur für die Wirtschaft gemacht, sondern auch und vor allem für die Gesellschaft.
Der Streit um die richtige Methode ist daher obsolet, beide können und sollten nebeneinander praktiziert werden. Der Streit um Werturteile in der Wissenschaft hingegen ist auch heute noch wichtig, denn was eine formale Wissenschaft nicht leisten kann, muss von einer ethischen übernommen werden. Was eine ethische Wissenschaft leisten kann, muss eine formale evaluieren. Beide Wissenschaften stehen nicht entgegengesetzt zu einander, dafür sind sie einfach zu unterschiedlich.
Als Essay bei Dr. Jan-Otmar Hesse im Hauptseminar zu den Klassikern der Wirtschaftstheorie eingereicht, überarbeitete Version.

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