Die Dorfherrscher gestürzt und fallen gelassen

Am Anfang waren es die örtlichen Parteifunktionäre, die den Druck der Parteiführung an die Bauern weitergaben. Handelten sie dabei nicht effizient genug, drohte ihnen Terror von oben. Bis zu jenem Wendepunkt, an dem sie es auf einmal waren, die für ihre Taten von unten angegriffen wurden – ohne Hilfe von oben zu bekommen. Doch warum ließ man es zu – und unterstützte sogar – dass die Landbevölkerung sich gegen die örtlichen Funktionäre wandte?

Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Anklagepunkte von den Beschuldigten der Moskauer Schauprozesse von 1936 bis 1938 bestätigt. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Angeklagten zum Tode verurteilt. Die Zeitung „Prawda“ veröffentlichte die Prozessberichte als unterhaltsame Serie.

Dorftheater

Doch nicht nur auf der großen Bühne Moskaus kam es zu solchen Verfahren: Unterstützt vom Moskauer Chefankläger Andrej Januarjewitsch Wyschinski fand im März 1937 auch auf dem Land der erste Schauprozess statt. Anders als in Moskau ging es hier jedoch nicht um konterrevolutionäre Verschwörungen und feindliche Ideologien. Es ging vielmehr um realen Terror gegen die Landbevölkerung, ausgeübt von regionalen Parteifunktionären. Vom reibungslosen Ablauf der Moskauer Schauprozesse waren die ländlichen jedoch weit entfernt. Das lag vor allem an den Angeklagten, die sich nach jahrelangem Druck der Parteispitze, die geforderten Verhaftungs- und Steuerquoten erfüllen zu müssen, mit dem Vorwurf des „Konterrevolutionismus“ nicht anfreunden wollten.

Sabotage jeder Art

In der Tat hatten sich, seit Beginn der Entkulakisierung und Kollektivierung 1929, immer wieder örtliche Parteivertreter dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden die Kampagne sabotieren: Mal, weil sie zu wenig Kulaken „aufdeckten“, mal, weil sie bei der Kollektivierung zu hart vorgingen und die angebliche „Freiwilligkeit“ des Kolchosen-Beitritts nicht eingehalten wurde. Als sich 1932 der Mangel an landwirtschaftlichen Erzeugnissen immer deutlicher abzeichnete und die Hungersnot spürbar wurde, waren sie es, die die von Seiten der Parteiführung geforderten Getreidemengen aus den Bauern „herauspressen“ mussten. Konnten sie dies nicht, wurden sie oft als so genanntes „rechtsopportunistisches Element“ beschuldigt, gemeinsam mit den Bauern die Stadtbevölkerung und das Militär dem Hunger preiszugeben. In der Folge gaben die regionalen Parteivertreter den auf sie ausgeübten Druck an die Bauern weiter, denen in den weiteren Jahren kaum genug ihrer eigenen Produktion übrig blieb, um überleben zu können. Dies führte sowohl zu Massensterben wie auch zu Massenflucht. Wer geblieben war, dem fehlte es irgendwann an Saatgut und die Ernteerträge gingen stark zurück. Dies machte die Ansprüche der Parteispitze schließlich noch schwerer zu erfüllen, als sie es ohnehin gewesen waren.

Terror gegen Terroristen

Im frühen Herbst des Jahres 1937 wendete sich das Blatt. Die Dorfbewohner begannen, reihenweise gerichtlich gegen ihre Unterdrücker vorzugehen. Der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion stellte hier einen der Hauptanklagepunkte dar, wenn zum Beispiel die Leiter der Kolchosen ihre Mitglieder nicht mehr bezahlen konnten und diese Hunger leiden mussten. Die Rechtfertigung vieler Angeklagter, nur Anweisungen höherer Parteimitglieder befolgt zu haben, wurde nicht als entlastendes Argument gelten gelassen. Auch der schwindende Viehbestand wurde ihnen zur Last gelegt. Die Straftat lag dabei nicht immer in der schlechten wirtschaftlichen Leitung der Kolchose: Mancherorts wurden die Angeklagten beschuldigt, den Viehbestand absichtlich vergiftet oder mit Krankheiten infiziert zu haben. Die Frage nach möglichen Motiven wurde nicht gestellt und unhygienische Zustände waren kein entlastender Beweis, sondern nur ein Deckmantel der Tat selbst.

Kleine Stalins

Dennoch waren die örtlichen Parteifunktionäre mehr, als nur Opfer einer schwankenden Parteilinie und irrationaler Anschuldigungen. Sie wurden vom Volk nicht umsonst als „kleine Stalins“ bezeichnet, welche die ihnen gegebene Macht rigoros missbrauchten. Ein weitaus realistischerer Anklagepunkt als die Vernichtung von Vieh war zum Beispiel die persönliche Bereicherung am Geld und Eigentum der kollektivierten Bauern – oder sogar am Gemeinschaftsbesitz der Kolchosen selbst. Aber auch Beleidigungen, Sachbeschädigung und willkürliche Angriffe zur Einschüchterung der Bauern kamen vor.

Das war im Jahre 1937 jedoch alles nichts Neues. Wer gewaltsam genug vorging, hatte sich zuvor fast ein Jahrzehnt an der Spitze seiner Region halten können. Nur wer Moskaus Ansprüche nicht erfüllen konnte – wozu spätestens zu Zeiten der Hungersnöte physische und psychische Gewalt zwingend notwendig geworden war – verlor seinen Posten früher und wurde durch andere ersetzt. Warum also war es dieser Herbst 1937, in welchem die Landbevölkerung auf einmal Widerstand leisten durfte?

Migrationsbedrohung

Was einen der häufigeren Anklagepunkte angeht, dürften praktische städtische Interessen ausschlaggebend gewesen sein: Reichte die Produktion zur Deckung staatlicher Quoten und zur Versorgung der Kolchosbauern nicht mehr aus, wurde diesen oft nahegelegt, die Kolchose zu verlassen und sich in der Stadt Arbeit zu suchen. Andere wiederum wurden aus Kolchosen ausgeschlossen weil sie, oder Familienmitglieder, genau dies getan hatten. Die verstärkte Urbanisierung wurde um 1937 jedoch zu einem großen Problem für die innerstädtische Versorgung. In Moskau selbst hatte sich die Bevölkerung von etwa zwei Millionen Einwohnern im Jahre 1926 nun auf mindestens vier Millionen verdoppelt. Nicht nur die Infrastruktur war unzureichend, auch die Nahrungsversorgung erhielt durch die schrumpfende Landbevölkerung einen weiteren Dämpfer. Die Realisierung des zweiten Fünf-Jahres-Plans Stalins, unter anderem zur Umgestaltung Moskaus, wurde durch die zunehmend außer Kontrolle geratende inländische Migration gefährdet.

Machtverteilung

Die Verfahren in die Hand der Bauern zu legen, hatte jedoch noch einen weiteren Vorteil: In den Jahren zuvor hatten die Bauern von der sozialistischen Herrschaft nichts anderes erlebt als Diktatur und Terror. Nun wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, sich nicht nur für die Repressionen zu rächen, sondern auch die Unrechtmäßigkeit der vorangegangenen Ereignisse gerichtlich festzustellen.

Die Parteiführung in Moskau billigte diese Verhandlungen jedoch nicht nur, die öffentliche Publizierung der ersten ländlichen Prozesse in der Prawda gaben sogar Anstoß für die ländlichen Abläufe. Das es auch ohne diese Vorlagen zu Schauprozessen gekommen wäre, ist zweifelhaft. Wie hätte sich die gewaltsam unterdrückte Landbevölkerung überhaupt trauen sollen, gegen Mitglieder der Kommunistischen Partei vorzugehen? Diese waren schließlich die lokalen Repräsentanten der „totalitären“ Macht. Und ebenso waren die Schauprozesse in den Provinzen die lokale Repräsentation des bäuerlichen Widerstandes. Die Verurteilung der „kleinen Stalins“ machte diese zu Sündenböcken, zu Stellvertretern der waren Machthaber im Kreml, welche auf diese Art auch mehr als deutlich machten, dass sie, und nur sie, die Macht des Proletariats verkörperten.

Viele Fliegen mit einer Klappe

Die Moskauer Schauprozesse sowie die ersten „Vorläufer“ der ländlichen Schauprozesse waren also mehr, als nur Stalins persönliche Rache an seinen politischen Widersachern: Sie waren vor allem auch ein signal an die Landbevölkerung und dadurch ein Versuch der Beschwichtigung, Genugtuung und Beruhigung; sie waren ein internationales Medienereignis und eine Warnung an all jene, die das Machtmonopol der Parteiführung angreifen wollten. Durch ihre enge zeitliche Begrenzung lässt sich jedoch auch sagen, was sie nicht waren: Ein Fortschritt auf dem Weg zur sozialistischen Volksherrschaft.
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Literatur
1. Fitzpatrick, Sheila: „How the mice buried the cat: scenes from the Great Purges of 1937 in the Russian Provinces“, in: Ward, Chris: „Stalinist Dictatorship“ (1998).
2. Schlögel, Karl: “Terror und Traum – Moskau 1937“; Carl Hanser Verlag, München (2008)