Hatte Stalin eine Wahl?

Kapitalisten gegen Arbeiter, es hätte so einfach sein können. Doch Stalins Feldzug gegen die Verschärfung des Klassenkampfes fand auf einem Schlachtfeld mit unscharfen Fronten statt. Zwischen Freund und Feind zu unterscheiden war nicht nur schwierig, es wurde mit zunehmendem Druck seitens der Parteielite auch hinderlich – oder gefährlich. Fernab der ländlichen Wirklichkeit schürte Stalin unter seinen Anhängern eine Angst vor den „Bauern-Kapitalisten“, die vor Ort in Hass, Terror und Massenmord resultierte. Doch Angst mussten Stalins Zeitgenossen auch vor ihm selbst und seinem Parteiapparat haben. Eine Spaltung, die die Wirtschaft des Landes an den Rande des Ruins trieb.

Armut für alle

„Bolschewistische Bescheidenheit“ wollten sie im Kreml leben. Die deutlich gelebte Abgrenzung ihres Lebensstils von allem, was damals als „bourgeois“ galt, prägte das Leben Josef Stalins, seiner Funktionäre und ihrer Familien um 1930. Das Geld war überall knapp, oft hatten die Frauen der Parteielite kaum genug Geld, um ihre Kinder einzukleiden oder zu ernähren. Selbst Stalins Frau Nadja kannte dieses Problem.

Bei der Landbevölkerung sah es kaum besser aus – aber alles andere als freiwillig. Aus normalem bäuerlichem Leben, über dessen Wohlstand im weitesten Sinne Fleiß und Wetterlage entschieden, wurde während Stalins Regierungszeit mehr und mehr ein alltäglicher Kampf ums Überleben. Wer nicht enteignet, deportiert oder ermordet wurde, litt unter den Zwangsabgaben an die Regierung Hunger. Die Entkulakisierungskampagne von 1929/1930 und die zeitgleich intensivierte Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe sorgten für Angst und Misstrauen unter den Bauern. Es kam zu Beschuldigungen und Verleumdungen, viele traten aus Angst, zwangsenteignet oder deportiert zu werden, in die Kolchosen ein. Ein Schritt, der sie nicht immer rettete. Je stärker die Abgrenzung zwischen „Kulaken“ (Familien, die Aufgrund ihres Privateigentums als „Bauern-Kapitalisten“ angesehen wurden) und Mittelbauern verschwamm, desto willkürlicher wurden die Repressionen.

Druck für alle

Doch selbst die Parteimitglieder gerieten unter Druck. Besonders wenn die Unterstützung der „Dorfarmen“, welche die Kulaken identifizieren sollten, fehlte, war es für sie schwer, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. Auf der Suche nach Kulaken stellte die Parteiführung klar, dass ein zu geringer Erfolg als Sabotage der Kampagne gedeutet werden würde – mit entsprechenden Folgen. Selbst ranghohe Führungsmitglieder der Partei sahen sich der Kritik ausgesetzt. So musste sich Andrei Andrejew, immerhin Sekretär der Nordkaukasischen Parteiorganisation und späterer Vorsitzender der Zentralen Kontrollkommission der Partei vorwerfen lassen, bei der Getreidebeschaffung nicht erfolgreich genug zu sein. Ein Vorwurf, den Stalin selbst später zurücknehmen musste, um seine Mitstreiter nicht durch unrealistische Ansprüche zu demoralisieren.

Hunger für alle

Die stetig steigenden Abgaben, die Kolchosen und Einzelbauern an den Staat zu leisten hatten, machten das Landleben zu einer Tortur. Oftmals hatte die Landbevölkerung keine andere Wahl, als Getreide zu verstecken, um sich selbst ernähren zu können. Hinzu kam, dass viele der reicheren Bauern sich entschieden ihr Vieh zu schlachten, um nicht als Kulake zu gelten. So ging die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion zu Beginn der 1930er Jahre erheblich zurück.

Selbst die Kollektivbauern, denen bei Eintritt in die Kolchosen Wohlstand versprochen worden war, blieben von dieser Entwicklung nicht verschont. Die gemeinschaftlichen Landwirtschaftsbetriebe mussten bald soviel ihrer Produktion abgeben, dass es für die Versorgung der Mitglieder nicht mehr reichte. Doch Stadtbevölkerung und die Rote Armee waren auf die Lieferungen der Bauern angewiesen. „Kein Brot für euch, Ernährer!“ zitiert Carsten Goehrke (Lit. 2).

Gründe für alles

Die Frage nach dem Gründen für den Terror wurde in der Forschungsdebatte immer wieder gestellt. Abschließend zu beantworten ist sie nicht. Stalin selbst rechtfertigte den Terror gegen die Landbevölkerung mit der Ausbeutung von Arbeitern einerseits, mit der eigennützigen Bewirtschaftung, die nicht zum Wohle des gesamten Volkes war, andererseits. Doch sah er nicht, dass er damit der Produktivität der gesamten Sowjetischen Volkswirtschaft immens schadete?

Zunächst einmal ist zu sagen, dass das Ausmaß des Terrors, wie er auch auf die „normale“ Landbevölkerung ausgeübt wurde, niemals offene Strategie Stalins war. Der Zusammenschluss der Einzelbauern zu Kolchosen sollte freiwillig ablaufen. Wie es um diese Freiwilligkeit wirklich bestellt war, zeigte sich jedoch frühzeitig, als die Abgaben der Einzelbauern nicht mehr nur doppelt so hoch waren wie jene der Kolchosen, sondern drei- bis viermal so hoch. Wer dies nicht leisten konnte, wurde oftmals der Sabotage am sowjetischen Staat bezichtigt, die Strafen waren hart. Der auf die Bauern ausgeübte Terror umfasste nicht nur Deportation und Zwangsarbeit sondern auch Mord und die Vertreibung aus dem eigenen Haus, was in der Regel ebenfalls den Tod der betroffenen Familie bedeutete.

Das Schicksal der Kolchos-Bauern war jedoch kein besseres. Konnten sie die ihnen auferlegten Abgabequoten nicht erfüllen, drohten auch ihnen Demütigung, Folter und Tod. Als Begründung hierfür diente die Behauptung, die Bauern hätten Lebensmittel versteckt oder verkommen lassen. Führten diese Repressionen zum gewünschten Erfolg, der Herausgabe von Getreide, so fehlte zunächst der betroffenen Familie die Ernährungsgrundlage. Überlebte sie dennoch, so fehlte ihr im darauffolgenden Jahr das Saatgut.

Unschuld für einen

Stalin selbst wies die Verantwortung für die massive Gewaltanwendung von sich. Stattdessen gab er 1930 in verschiedenen offenen Briefen die Schuld den Funktionären vor Ort, die im Überschwang des Erfolges zu weit gegangen seien. „Was ist das – eine Politik zur Leitung der Kollektivwirtschaft oder eine Politik zu ihrer Zersetzung und Diskreditierung?“ fragte er am 2. März in der Zeitung Prawda (Lit. 5) und fordert: „Um die Linie unserer Arbeit auf dem Gebiet des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus zu korrigieren, muss diesen Stimmungen ein Ende gemacht werden.“ Vor allem in der verfrühten Kollektivierung von Vieh und Wohneigentum sieht er ein großes Problem. Für ihn war die Zeit für eine Vergesellschaftung, die über die Getreideproduktion hinausgeht, noch nicht gekommen.

Lässt sich daraus schlussfolgern, dass die Gewaltanwendung entgegen Stalins Willen war? Sowohl für diese Annahme wie auch dagegen lassen sich genügend Hinweise finden. Bauern, welche die Quoten nicht erfüllen konnten, stellten für ihn Feinde der sowjetischen Gesellschaft dar. Er beschuldigte sie, durch gezielten Streik und Sabotage, „die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen“ (Lit.1). Damit brandmarkte er sie als Kriegsgegner der Sowjetunion, die bekämpft werden mussten und schürte bei der Bevölkerung großes Misstrauen gegen sie.

Die Spirale dreht sich…

Fakt ist außerdem, dass die eingeforderten Getreidemengen ohne Gewalt kaum zu beschaffen waren: Die Landbevölkerung hatte Hunger zu leiden und die Existenz weiterer Ernten in den Folgejahren war gefährdet. Anders konnte Stalin aber, nachdem die „Entkulakisierung“ die Produktivität der Landwirtschaft stark verringert hatte, weder Stadtbevölkerung noch Militär ernähren. Die Volkskommissare mussten seinen Forderungen nachkommen, um sich nicht dem Vorwurf des „Rechtsopportunismus“ auszusetzen. So gaben sie den Druck an die verantwortlichen Dorfsowjets vor Ort weiter, welche ihn wiederrum auf Einzelbauern und die Kolchosen ausübte. Das Resultat war weiter sinkende Produktivität.

Dass Stalin von den Geschehnissen nichts wusste, kann nicht behauptet werden, schrieben doch viele der Bauern Briefe an ihn. Doch die sich zuspitzende Lebensmittelkrise setzte auch der Stadtbevölkerung zu und wurde somit auch im Kreml spürbar. So wurde es auch für die Frauen der Parteifunktionäre spürbar schwieriger, mit den geringen finanziellen Mitteln hauszuhalten. In Moskau wurden die landwirtschaftlichen Produkte dringend benötigt, war hier doch die Modernisierung der Industrie in vollem Gange. Die Stadtbevölkerung wuchs rapide und konnte weder untergebracht noch versorgt werden.

…und wird gestoppt.

Knappe Lebensmittel hätten eigentlich zu Preissteigerungen führen müssen, die wiederrum die Erhöhung der Produktivität gewährleistet hätten. Stattdessen hielt Stalin die Preise künstlich unten, damit in der Stadt die Getreideprodukte erschwinglich blieben. Was ursprünglich einmal als das russische Industrialisierungswunder hatte werden sollen, resultierte 1932 in einer großen Hungerkrise, bei der Schätzungen zu Folge zehn Millionen Menschen ums Leben kamen.

Anreize für keinen

Das ursprüngliche Ziel der Bolschewiki, das gesamte Volk auf kollektivwirtschaftlicher Basis ernähren zu wollen und die Arbeiter gemeinschaftlich in Freiheit zu beschäftigen, waren durchaus nicht unehrenhaft. Die Gruppe jener Bauern mit Privateigentum zu dämonisieren, die verbliebenen zu enteignen und ihre Ernte zu konfiszieren nahm der Landbevölkerung jeden Anreiz für Fleiß und hohe Produktivität. Die Chance der sich anpassenden Getreidepreise wurde nicht wahrgenommen, stattdessen hat man mit Gewalt vorgehen müssen, um Stalins Anforderungen nachzukommen. Stalin selbst hätte sehen müssen, dass er damit die landwirtschaftliche Produktivität immer weiter in den Abgrund treibt.

Hatte er eine Wahl? Vielleicht, aber wenn, dann konnte er sie nicht kennen, dafür fehlte ihm jedes Gefühl für die wirtschaftliche Leitung einer Gesellschaft.

Als Essay bei Dr. David Feest im Aufbauseminar zur Osteuropäischen Geschichte eingereicht, überarbeitete Version.


Literatur

1. Courtois, Carsten et al: „Das Schwarzbuch des Kommunismus“; (1997)
2. Goehrke, Carsten: “Russischer Alltag: Eine Geschichte in neun Zeitbildern”; (2005), Band 3,
3. Montefiore, Simon Sebag: “Stalin. Am Hof des roten Zaren”; (2004).
4. Stalin, Josef: „Vor Erfolgen von Schwindel befallen” (1930); in: „Stalin: Werke“, Band 12 (1952)
5. Stalin, Josef: „Antwort an die Genossen Kollektivbauern” (1930); in: „Stalin: Werke“, Band 12 (1952)

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