War der sowjetische Sozialismus zum Scheitern verurteilt?

Die sozialistische Umgestaltung der sowjetischen Republiken war Lebens-aufgabe und Lebensberechtigung der bolschewistischen Partei. Doch ohne weiteres wollte sich die Bevölkerung nicht umgestalten lassen. Bald schon sah man aus der Perspektive der Parteispitze überall Feinde der geplanten „Modernisierung“. Doch war die versprochene Gleichheit und Freiheit unter der eingeforderten wirtschaftlichen Effizienz überhaupt realisierbar, oder war die Beseitigung angeblicher Sowjetfeinde ein Kampf an der völlig falschen Front?

Ein perfekter Plan

Es hätte funktionieren müssen. Ob man seitens der Parteiführung nun an die sozialistische Ideologie glaubte oder sie nur als Machtinstrument einsetzte, ei-gentlich hätte die vollständige Beseitigung des Kapitalismus hin zur Erschaffung eines sozialistischen Staates viel reibungsloser ablaufen müssen. Schließlich war das Proletariat das Volk und die „Diktatur des Proletariats“ eine Übergangsphase im Sinne dieses Volkes. Freiheit und Gleichheit und fortschrittliche Industrialisie-rung hätten sich eigentlich zu Selbstläufern entwickeln müssen. Stattdessen fand man sich in den späten 1920er Jahren in einem semi-kapitalistischen System wieder, in der nach wie vor Privateigentum sowie die „Anarchie des Marktes“ von Lenins Neuer Ökonomischer Politik die Freiheit und Gleichheit des Volkes unterwanderten – und von erfolgreicher Industrialisierung konnte man auch nicht sprechen. Die Parteispitze wurde aktiv und es begann eine Politik des „Gärtnerstaates“: Die Gesellschaft sollte vereinheitlicht werden, ideologische Gegner als Unkraut entfernt.

Zeichen des Erfolgs

Zehn Jahre später, nach Vollendung des ersten und etwa zur Mitte des zweiten Fünf-Jahres-Plans, war man dem Sozialismus zumindest näher gekommen: Es gab kein Privateigentum und damit auch keinen Markt mehr. Die persönliche Bereicherung einzelner Unternehmer aus markwirtschaftlichen Profiten war unterbunden worden. Und auch wenn die Untersuchung der Machtverhältnisse in der Landbevölkerung durchaus lokale Abweichungen offenbart, in der Gesamtbe-trachtung konnte man tatsächlich von „Gleichheit“ in der Bevölkerung sprechen.
Auch in Hinblick auf die industrielle Entfaltung hatte es Fortschritte gegeben. Die Fabriken waren aufgebaut und weiterentwickelt worden. Problematisch war je-doch, als Folge des hohen Effizienzdrucks der Parteiführung, die hohe Fehleranfälligkeit – sowohl von Mensch, wie auch von Maschine. Das zweite Problem lag in der Versorgung der Arbeiter: Die Kollektivierung der Landwirtschaft hatte die Produktion von Nahrungsmitteln stark gedämpft, da niemand mehr vom Enga-gement bei der eigenen Arbeit profitieren konnte und alternative Leistungsanreize fehlten. Aus sozialistischer Perspektive war die Vergesellschaftung der Produktionsmittel also erfolgreich vorangeschritten. Der Preis des gesellschaftlichen Fortschritts wurde jedoch mit wirtschaftlichem Erfolg bezahlt: Der Wohlstand wuchs nicht, er verringerte sich.

Proletarische Revolution

Stalin selbst bezeichnete die „Diktatur des Proletariats“ bereits 1924 als „Instrument der proletarischen Revolution“ (Lit. 1). Diese Diktatur sei notwendig, um die geänderten Machtverhältnisse im Staat festigen zu können. Als Abgrenzung zur totalitären Diktatur sagt er jedoch in Bezug auf die sowjetische Regierung, dass „die Diktatur des Proletariats die Diktatur der ausgebeuteten Mehrheit über die ausbeutende Minderheit ist“. Ob er nun gelogen oder geirrt hat – in der Diktatur der Sowjetunion herrschten wenige über viele. Das Politbüro um Stalin beschnitt – nur als Beispiele – die Freizügigkeit innerhalb des eigenen Staates, etablierte die Zwangsarbeit für ganze Bevölkerungsgruppen und betrachtete Kritiker und selbst Zweifler als Feinde der sozialistischen Ideologie. Demokratisch vom Volk legitimiert waren sie dabei nicht. Marktwirtschaftliche Zwänge gab es – in Abwesenheit einer Marktwirtschaft – natürlich nicht mehr, dieses Ziel war erreicht worden. Was die Freiheit des Einzelnen betrifft, zeigte sich die „Diktatur des Proletariats“ im buchstäblichen Sinne: als Diktatur, aufgezwungen einer pro-letarischen Elite.
Wäre das sowjetische Volk, insbesondere die Bauern und Landarbeiter, also lie-ber kapitalistisch geblieben? Scheiterte die neue Gesellschaftsordnung an der Ablehnung der Bevölkerung? Oder ist der Sozialismus ohne die Ausübung von Zwang (und damit auf Kosten der Freiheit) nicht dauerhaft realisierbar?

Marxistischer Kapitalismus

Vielleicht gingen sie einfach zu schnell vor. In anderen Ländern stellte besonders der Schutz des privaten Eigentums eine der bedeutendsten Antriebskräfte des wirtschaftlichen Fortschritts dar. Die Notwendigkeit des Eigentumsrechts im Sin-ne einer staatlichen Institution war über lange Zeit in der Gesellschaft erwachsen und erst dann realisiert worden. Ebenso war auch die Notwendigkeit für die Züge einer Marktwirtschaft in Lenins Neuer Ökonomischen Politik quasi „von selbst“ entstanden und dann von Seiten des Staates umgesetzt worden. So sehen auch Karl Marx und Friedrich Engels den Kapitalismus als eine zwingende notwendige Etappe jeder Geschichte. Nur der Kapitalismus kann eine Krise zwischen Bour-geoisie und Proletariat erzeugen, die stark genug ist, eine Revolution auszulösen, nach deren Abschluss sich kommunistisch-sozialistische Gesellschaftsstrukturen durchgesetzt haben.
Gustav von Schmoller, Vertreter der „Historischen Schule“, beschreibt gesell-schaftliche Institutionen als „dauernde Formen des gesellschaftlichen Lebens, welche den verschiedenen Zwecken der Gesellschaft, vielleicht vor allem den wirtschaftlichen dienen“. Sie entstehen aus „Sitte, Recht und Moral“, aber auch aus „den täglich sich ergebenden Berührungen“. Allgemein gültige und aner-kannte Regeln erwachsen somit aus der Erfahrung einer ganzen Gesellschaft. Schmoller spricht dabei nicht nur von einer bestimmten Gegenwart, sondern über „Jahrhunderte und Jahrtausende“ gesellschaftlichen Handelns, welche bestimmte Regeln des Zusammenlebens als Vorteilhaft erkennen lassen.
Der Sozialismus der Sowjetunion war nicht gewachsen. Auch wenn die Kollekti-vierung des Eigentums nur schrittweise erfolgte, so fehlten ihr sowohl die histo-rische Tradition wie auch ein gesellschaftliches Gefühl der Notwendigkeit. Insbe-sondere die Landbevölkerung hatte gelernt, dass Wohlstand nur aus harter Arbeit und Verteidigung des Eigentums erwachsen konnte. Plötzlich sollten sie ihre Arbeit für den Wohlstand anderer leisten und ihr Eigentum teilen.

Zu viel und zu schnell

Gustav von Schmoller sieht in den Institutionen, die den Vorgaben der bolsche-wistischen Parteiführung entsprechen, den Rahmen für bereits vorhandenes, gesellschaftlich seit langem praktiziertes Verhalten. Die sowjetischen „Institutionen“ beschränkten das Handeln der Bevölkerung jedoch nicht auf einen konkreten Rahmen: Sie wollten es von Grund auf verändern und beseitigten jene Bevölkerungsteile, die im Weg standen – oder im Weg stehen könnten.
Dieser Sprung war zu groß. Ob Sozialismus möglich ist, kann auch das Modell der Historischen Schule nicht erklären. Wirklich realisiert werden wird er jedoch nur, wenn er sich auf lange Sicht als gesellschaftlich optimal erweist. Dies war in der Sowjetunion nicht passiert, daher war der Sozialismus, wie ihn die Diktatoren des Proletariats verwirklichen wollten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Literatur

Lit.1: Stalin, Josef: „Über die Grundlagen des Leninismus IV: Die Diktatur des Proletariats“, (1926), in: “Stalin-Werke“, Band 6.
Malia, Martin: „The soviet tragedy: A History of Socialism in Russia“; in: D.L. Hoffmann (Hrsg): “Stalinism. The Essential Readings” (2003).
Von Schmoller, Gustav: „Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre“; (1890).