Ich meine diese Frage durchaus ernst, wenn jemand was Näheres weiss, bitte melden.

Heute habe ich mal nachgefragt und wurde auf die Geschichte der Krankenversicherungen verwiesen, also werfen wir mal einen Blick darauf. Ich habe nur die dunkle Befürchtung, wenn ich fertig bin werde ich immer noch nicht wissen, wieso es sie jetzt gibt…

Funktion der GKV

Trivial zusammengefasst: Das System unserer gesetzlichen Krankenversicherung beinhaltet grundsätzlich einen Umverteilungs-Mechanismus. Umverteilung von Menschen mit tendenziell höherem Einkommen zu vermögensschwächeren Menschen durch einen einkommensabhängigen Beitragssatz. Unter sozialen Gesichtspunkten betrachtet ist das nicht zu verachten. Die letztere Gruppe wird meist nicht in der Lage sein, selbst für eventuelle Krankheitsfälle vorzusorgen und ist eher davon bedroht, sich die Behandlung einer Krankheit nicht leisten zu können, was wahlweise in Arbeitslosigkeit und/oder Verarmung oder zum Tode resultieren kann.

Gleichzeitig lässt sich empirisch belegen, dass gerade die Gruppe mit höherem Einkommen signifikant seltener krank wird, die so genannten “besseren Risiken” für die Krankenversicherungen. Jene Risiken, die geringer sind und somit – bei höherer Einzahlung – geringere Kosten verursachen. Die statistisch gesehen “schlechteren Risiken” mit theoretisch geringerem Einkommen zahlen zwar weniger ein, wären zu höheren Beiträgen allerdings auch nicht in der Lage. Aus dem großen Topf finanziert werden sie daher durch die Beiträge einkommensstärkerer Beitragszahler aufgefangen.

Halte ich das für gerecht? Nein.

Aber soviel sozial bekommt man selbst noch von mir, dass ich doch feststellen muss, dass dieses System ideologisch vorteilhaft für die Gesellschaft ist, ein paar Produktivitätsaspekte bekomme ich da auch noch drunter.

Da diese Beiträge nun mal prozentual vom Einkommen abgerechnet werden (der Gesundheitsfonds wird diesen Beitrag zusätzlich deutschlandweit vereinheitlichen), können sie aber auch sehr groß werden. Von der derzeitigen Beitragsbemessungsgrenze (welche bei einem Jahreseinkommen von 43.200€ liegt) und einem theoretischen Beitragssatz von 15% wären das 640€ im Monat. Zur Mitgliedschaft ist seit dem 1. April 2007 jeder verpflichtet, dessen Bruttoeinkommen geringer als (derzeit) 48.150€ ist, mit Ausnahme von selbstständig tätigen Personen und Beamten. Diese Summe stieg in den vergangenen zwei Jahren um je ca 0,95% an. Nebenbei: ein Wert unterhalb von durchschnittlicher Inflation und Lohnsteigerung.

Störfaktor PKV

Warum beschwere ich mich eigentlich? Nun, grundsätzlich lernen wir aus den Medien, dass “Privatpatienten” besser behandelt werden als solche, deren empfangene Leistungen von einer gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden. Punkt für die PKV. Private Krankenversicherungen verlangen zudem einen einkommensunabhängigen Beitragssatz, der dementsprechend wesentlich niedriger ausfallen kann (wir erinnern uns: Höheres Einkommen, also jenes der Zielgruppe, geht statistisch betrachtet mit geringerem Krankheitsrisiko einher). Punkt für die PKV. Zahnersatz? Mehrbett- vs. Einzelbettzimmer im Krankenhaus? Wartezeiten? Punkt. Punkt. Punkt.

Aber dann soll sich doch bitte privat krankenversichern wer kann und will? Natürlich, ich würde es auch tun!

Diese Menschen steigen aus dem gesetzlichen Krankenversicherungssystem aus, die finanzielle Basis verkleinert sich während gleichzeitig die Risikostruktur schlechter wird. Logische Konsequenz? Die Beiträge der anderen steigen.

Und sollte man das den besser-verdienenden jetzt übel nehmen? Es muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, aber ob die Inanspruchnahme verbesserter Leistung bei geringerem Beitrag nun so verwerflich ist..?

Diese Überlegungen brachten mich aber eben auch auf meine Frage: Wäre die Situation nicht besser, wenn alle in ein System einzahlen würden? Die finanzielle Grundlage wäre gestärkt, die Risikostruktur verbessert, die vielgerühmte zwei-Klassen-Gesellschaft abgeschafft, sogar die Kontrolllobby wäre tendenziell eine mächtigere. Gleichzeitig könnten die Beiträge sinken, da mehr Menschen beteiligt sind. Eine erhöhte maximale Bemessungsgrundlage bei gleichzeitiger Senkung des Beitragssatzes könnte sowohl das System als auch die Beitragszahler entlasten.

Kurz: Ich fänd das super!

Geschichtsstunde

Die ersten Vorläufer der Krankenversicherungen waren… ja genau, die Zünfte. Schon damals sammelten die Handwerker untereinander Geld ein, um erkrankte Kollegen oder deren Hinterbliebenen zu unterstützen, wenn diese ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbst bestreiten konnten.

Die 1848 gegründete “Krankenkasse der Beamten des Berliner Polizeipräsidiums” gilt als erste echte private Krankenversicherung. 1883 legte Bismarcks “Gesetz betreffs die Krankenversicherung der Arbeiter” den Grundstein für die heutige gesetzliche Krankenversicherung. Dies war auch bitter nötig, mangels Grundsicherung waren arbeitsunfähig gewordene Menschen damals einkommenslos, gleichzeitig sorgte der Beginn der Urbanisierung für ein erstes Aufbrechen der familiären – versorgenden – Strukturen.

Beamte (als unpopulär gewähltes Beispiel) waren selbstverständlich einem wesentlich geringeren Krankheitsrisiko ausgesetzt als die damaligen Fabrikarbeiter, die private Krankenversicherung blieb also bestehen.

Und so ward Deutschland wohl erstmals geteilt.

Ist es Tradition?

Ein Grundsatz, der mir sehr gut gefallen hat, war der folgende:

Die Abschaffung eines Systems, welches in der Vergangenheit aus konkreten Beweggründen

- wie zum Beispiel Marktversagen -

eingeführt wurde wird konsequenter Weise dazu führen, dass die Gründe für die ursprüngliche Einführung erneut akut werden.

Nur habe ich jetzt wirklich keinen Grund für die private Krankenversicherung gefunden. So lange zwei Systeme existieren – herunter-gebrochen eines für die Reichen und eines für die Armen, ist nahe liegend, welches besser funktioniert und seinen Kunden einen höheren Nutzen stiftet.

Die Verschmelzung dieser beiden Gruppen könnte in meinen Augen jedoch die o.g. Vorteile bringen:

  • gestärkte finanzielle Versorgungsgrundlage
  • verbesserte Risikostruktur
  • Abschaffung der “zwei-Klassen-Behandlung” von Patienten
  • mächtigere Kontrolllobby
  • da mehr “gute Risiken” mit höheren relativen Beiträgen beteiligt sind, könnten die Beitragssätze sinken
  • eine erhöhte maximale Bemessungsgrundlage bei gleichzeitiger Senkung des Beitragssatzes könnte sowohl das System als auch die Beitragszahler entlasten

Zusätzlich wäre es denkbar, Steuereinnahmen aus potentiellen Risiken zu ziehen. Fettsteuer eben ;)