Der Lauf aller Dinge ist geprägt von strengen Gesetzen. Der Markt blieb bei dieser Weltordnung wohl am allerwenigsten verschont: Preis, Nachfrage, Absatz, egal jetzt. Von Murphys Gesetz will ich gar nicht anfangen, Godwins Gesetz finde ich an dieser Stelle sowieso viel spannender: “Wer auch immer Godwins folgt, verliert jede Diskussion, automatisch”, sagte eine Freundin von mir. IFO-Wirtschaftsgottheit Hans-Werner Sinn dürfte diese Einschätzung ab morgen vermutlich teilen.
As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.
Was zumeist das unsachliche Finale jedwediger Unterhaltung dar stellt, ist in der laufenden Hexenjagd, Diskussion um Fehler von Bankmanagern nicht unbedingt ein unrealistischer Vergleich.
In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die “Manager” an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln?
so Sinn gegenüber dem Berliner Tagesspiegel. Grundsätzlich ein Fakt, trotzdem nicht unbedingt geschickt, es auszusprechen. Rot-Grüne Politiker sowie der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierten “mit Entsetzen” und fordern eine Entschuldigung. Aber ist das eine “Verherrlichung der Verbrechen”, wie Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, sich ausdrückte? Ist es nicht vielmehr eine Ermahnung, vergangene Verbrechen und die Gefühle, aus denen sie resultierten, nicht zu vergessen? Überspitzt formuliert, zweifellos. Erschreckend ist jedoch die Interpretation Kramers, Sinn versuche, die Nationalsozialisten “für ihre Verbrechen zu rehabilitieren” und den Juden eine Schuld für die damalige Finanzkrise zusprechen, wie sie heute auch die Bankmanager tragen.
Interpretationsversuch: Vielleicht, nur vielleicht, könnte Sinns Aussage, auch damals habe ein “anonymer Systemfehler” Schuld an der Weltwirtschaftskrise getragen, einen Hinweis darauf bieten, dass es gar nicht um die Juden damals geht, sondern vielmehr um die Bankmanager heute. Und um die Schuldzuweisungen, ohne das auch nur in Erwägung gezogen wird, dass auch bei guter Marktentwicklung Fehler gemacht werden – vielleicht sogar Folgenlos. Und das sie bei schlechter Marktentwicklung eben weiterhin gemacht werden, wie immer, wie überall. Und dann ganz üble Folgen haben. Und das man vielleicht darüber nachdenken könnte, ob man die Handelnden dann wirklich diabolisieren muss.
Gesagt ist gesagt, geschrieben, gedruckt. Rücktrittsforderungen werden nicht all zu lange auf sich warten lassen, man darf gespannt sein. Ich wüsste gern, ob er mit Absicht derart provokant formuliert hat?
Vielleicht komme ich jetzt doch lieber mit Murphy und erinnere daran, dass das was schiefgehen kann, eben schiefgehen wird. Und das das nichts Neues ist. Allerdings gehe ich davon aus, dass Herrn Sinn dies ebenfalls bewusst ist. Denn wer fehl- oder überinterpretiert werden kann, der wird es auch.
Und das ist auch nichts Neues.

Sven said:
Kurz was zu dem Judenvergleich: entweder sehr ungeschickt oder sehr geschickt. In beiden Fällen verzeihlich. Da er mit Sicherheit nicht darauf hinaus wollte, dass die Manager nun wie die Juden damals in KZs landen werden etc.
Der Vergleich an sich ist nicht zwingend verkehrt, aber gerade in Deutschland muss man mit sowas ja immer höllisch aufpassen x.X
Aber momentan wird ja alles was zu dem Thema anfällt gerne etwas heißer gekocht als es dann letzlich gegessen wird.
Bisher hab ich zumindest noch von keinem Manager gehört der aus dem Fenster sprang.
Soviel zu den Zuständen von ’29. Weltwirtschaftskrise wir kommen. Vielleicht
Sven said:
Weils so schön bescheuert ist:
http://www.sueddeutsche.de/politik/167/317045/text/
Was hätte ich gern das Gesicht von Friedmann gesehen :>
siggi said:
Also in beiden Situationen die du geschildert hast (und ca. noch 1000 szenarien(sehr grobe Schätzung) (ich hasse die Schreibweise mit “z”) würde mich viel mehr die Reaktion von Möllemann interessieren. Der Rest ist mir zu langweilig, da diese schlicht und ergreifend im voraus berechenbar / von der Quelle vorbereitet und auf Abruf runtergebetet (ja, die Religöse Anspielung ist absichtlich) werden. Wer solche Vergleiche in der Öffentlichkeit vorbringt oder nur andeutet weiß was er damit auslöst und welche Reaktionen er darauf erzeugt. So etwas sagt man nicht unbeabsichtigt, sondern nur im kalten Kalkül. Allein dass sich jemand fragt, ob es “sehr geschickt” oder “sehr ungeschickt” formuliert wurde, hat die Erwartung erfüllt. Herzlichen Glückwunsch. Wer solche Leute für so dumm hält, dass sie so etwas unbedacht sagen, hat sich schon als ihre Zielgruppe entlarvt.
siggi said:
“In beiden Fällen verzeihlich. Da er mit Sicherheit nicht darauf hinaus wollte, dass die Manager nun wie die Juden damals in KZs landen werden etc.” (sic)
Danke für die Aufklärung.(Ein Satz sei mir gestattet (siehe unten)).
Ich spar mir weiteres.
“Verzeihlich” ist trotz allem das falsche Wort, auch wenn du auf ähnliches heraus willst, wie ich (Kommentar zuvor).
Sven said:
Aha. Und warum ist es das falsche Wort?
Zudem wage ich zu bezweifeln, dass jeder der diese Aussagen tätigt, dies mit kalten Kalkül tut. Manch einer meint den Vergleich mit Sicherheit auch ernst bzw. hält ihn für angebracht.
Wenn Wulff das mit Kakül getan hat, hat er sich aber ganz schön verrechnet. Denn außer Rücktrittsforderungen war das ja mal nix… und das er nach einem Grund sucht sein Amt niederzulegen, wäre mir auch neu.
Was für eine Zielgruppe suchen diese Menschen also?
Und ob Wulff (oder sonst wer) dies mit Absicht sagt oder nicht, spielt für mich auch keine Rolle (und ist daher auch verzeihlich – da ich einfach drüber wegsehe). Es ändert ja nichts an der Aussage. Und die steht für mich im Vordergrund, bzw. deren Inhalt.
Aber das ist eben das Problem. Denn anstatt sich mit dem Inhalt auseinander zu setzen, wird eben der Bote ans Kreuz genagelt…
Isa said:
Die Frage nach der Intention ist doch immer eine der interessantesten. Vielleicht erscheinen eines Tages aufklärende Biografien
Aber das Outcome der Provokation ist eben auch wieder die Aufmerksamkeit für ein Thema. In diesem Fall eben, dass auch mal klar gestellt wird, dass es nicht reicht, nach schuldigen Personen zu suchen. Die Öffentlichkeit wird immer nach diesem verlangen, natürlich. Der Mensch im Mittelpunkt, letztlich ist es ein Medienproblem. Aber es gibt eben auch noch, ganz banal, die Umstände.
Und wenn einer springt um eben diese Medien auf einen anderen Aspekt aufmerksam zu machen, steht wieder ein Mensch im Zentrum der Schelte.
Aber die Aussage eben auch.