Wir leben in einer ungleichen Gesellschaft, zweifellos. Der Staat ist dafür da, das abzufedern, dafür bezahlen wir ihn. Klappt nicht wirklich gut, wir haben es tatsächlich geschafft, gleichzeitig eine hohe Arbeitslosigkeit, Lehrstellen- und Fachkräftemangel zu bekommen. Außerdem wird die Gesellschaft immer älter, es gibt immer weniger Bürger, die in die staatlichen Töpfe einzahlen können, die Armutsstatistiken gehen immer weiter hoch…

Aber die Arbeitslosenzahlen runter? Hä?

Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefä- die du dir nicht selbst aus den Fingern gesogen hast…

Ich gebe es ja zu, ich habe laut gelacht, als ich letzte Nacht einen Artikel in der Online Ausgabe der Tagesschau zu lesen bekam. Der deutsche Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) möchte also Vollbeschäftigung erreichen. Achso. Zugegeben, 3.16 Millionen Arbeitslose, das ist wirklich eine schöne Zahl, da haben wir schlimmeres in Erinnerung, schließlich war es nie so leicht Menschen aus der Statistik rutschen zu lassen wie heute. Ob es allerdings Datensatzbeschönigungsreformen gibt, die die Arbeitslosenquote von derzeit ca 7.5 % der Erwerbstätigen auf 4 % (=Vollbeschäftigung per Definition, danke Jens ;) ) runterdrücken kann? So ganz mag man dann doch nicht daran glauben.

Aber so an und für sich? Ja wieso denn eigentlich nicht?

Demographischer Wandel, unsere Gesellschaft überaltert, da ist nichts dran zu rütteln. Aber wie war das mit der Not und der Tugend, die man draus machen kann? Es gibt mehr Rentner, die weniger Rente bekommen, während Arbeitsplätze abgebaut werden und es immer weniger potentielle Beitragszahler (Wie jetzt? Achso… Kinder!) gibt, soweit so gut. Aber wenn mehr Leute in Rente gehen und weniger junge Arbeitnehmer nachkommen ist eine – annähernde – Vollbeschäftigung zumindest theoretisch sogar denkbar.

Ein Bildungsland ohne chancengleiche Bildungsbürger?

Wäre da nicht die Sache mit dem Fachkräftemangel. Es fehlt an qualifiziertem Nachwuchs in so gut wie allen Fachbereichen.

Wir brauchen mehr Studenten… aber Abiturienten haben wir genug? Irgendwas passt da nicht zusammen. Die PISA-Studie zeigt es uns immer wieder, das Bildungsniveau ist zu niedrig. Gut, da würde ich mich als Frischabiturient auch nicht an einen Ingenieursstudiengang herantrauen, zumal studieren eben auch ziemlich teuer ist, bei gleichzeitig fehlendem Einkommen. Also lieber einen Ausbildungsplatz suchen und möglichst schnell auf eigenen Füßen stehen und Geld verdienen.

Einen Ausbildungsplatz, den aber auch ein weniger qualifizierter Schulabgänger zufriedenstellend hätte ausfüllen können. Der muss sich jetzt weiter unten auf der Speisekarte umschauen. Das Resultat: Die Bildungsschwächsten, zumeist Kinder aus sozial-schwachen bzw. -abhängigen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund bleiben auf der Strecke, weil am unteren Ende nichts mehr übrig bleibt.

Also? Genau, der Staat sorgt nicht für Chancengleichheit. Wie gemein.

Studieren ist eben teuer, das kann sich bei weitem nicht jeder Abiturient leisten, meist muss die Familie noch mindestens eine weitere Wohnung finanzieren, Fahrtkosten, Bücher, Computer & Telefon… Kosten, die sehr viele deutsche Haushalte auf gar keinen Fall tragen können. Dazu kommen die aktuell in der Debatte stehenden Studiengebühren. Studiengebühren, die es aber gar nicht in jedem Bundesland und an jeder Hochschule gibt. Studiengebühren, für die jeder Student bei den Landesbanken einen Kredit aufnehmen kann. Die laufenden Kosten können vom BaFöG getragen werden.

Aber Schulden machen?

Ja.

(…Sorry Mum…)

Ja, genau, Schulden machen. Schulden machen, wie es in anderen Ländern Gang und Gebe ist. Nein, ich finde das auch nicht gut. Aber es sorgt für Chancenangleichung. Es erweitert die Möglichkeiten um ein Vielfaches und es eröffnet uns eine neue Perspektive. Sozial-schwache Jugendliche, vorausgesetzt sie haben das deutsche Schulsystem erst einmal überlebt, sind nicht – so gar nicht – von Hochschulbildung ausgeschlossen, denn es wurde dafür Sorge getragen, dass die Gesellschaft die Studienkosten vorfinanziert bis der zukünftige Arbeitnehmer seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann.

Seinen Platz in der Reihe der qualifizierten Fachkräfte, seinen Platz außerhalb der Arbeitslosenstatistik, seinen Platz als Beitragszahler zur Rentenversicherung.

Es wurde nur leider vergessen, dass Kredite unpopulär sind. So eine nette Idee, und sie vergessen Werbung zu machen. Schade eigentlich, ich fand sie ja ganz gut.

Was fehlt?

Keine Sorge, ich habs ja selbst gemerkt. Das ändert auch nichts am niedrigen Schul-Bildungsniveau. Aber muss das denn auch wirklich so schlecht sein? Müssen wir unbedingt die Bildung, das Wissen unseres Nachwuchses zu Gunsten pädagogischer Konzepte opfern?

Müssen wir bei Lehren in Beamtenlaufbahn sogar den BMI kontrollieren, während ein Angestellter völlig frei in seinem Lehrhandeln ist?

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