Einer muss es ja gewesen sein. Seit je her sind Opfer dargebracht worden, um die Götter zu besänftigen. Früher bediente man sich als Schäfer da gerne in der eigenen Viehherde, heute bedient sich die Herde viel lieber direkt am Schäfer. Die Luft ist dünn an der Spitze der Wirtschaft. Was oft als “Preis des Erfolges” bezeichnet wird, scheint eigentlich nur eins zu sein: Der Preis für den Mut, den Mund aufzumachen und sich durch eine konkrete Aussage angreifbar zu machen.
Dummer Fehler.
Man könnte behaupten, alle hätten zu ihnen aufgesehen. Könnte man, stimmt aber gar nicht. Denn wer kannte sie schon, die Wirtschaftskoryphäen der vergangenen Jahre? Künstler schaffen es posthum zum Erfolg, in der Wirtschaft kommt man posterfolg zu Ruhm. Zweifelhaftem, aber immerhin. Tagesaktuelle Beispiele sind Josef Ackermann von der Deutschen Bank und U.S. Notenbankchef a.D., Alan Greenspan. Letzterer hatte immerhin 19 Jahre seines Lebens damit verbracht, den U.S. Dollar bei Laune zu halten um die politikgebeutelte amerikanische Wirtschaft zu stabilisieren. Das machte ihn für jene, die überhaupt etwas davon mitbekommen haben, zur Galionsfigur des Wirtschaftsbooms. Für den Rest der Welt war er nur irgendein Wirtschaftsboss, bestimmt reich.
Der Markt wirds schon richten?
Greenspan stand vor allem für eine Überzeugung: Den Glauben an den Markt und maximal minimalistische politische Regulierung. Ausgesprochen unpopuläre Meinung, aber was will die breite Masse denn eigentlich reguliert wissen? Eigentlich ist es grundsätzlich zu viel Regulierung oder zu wenig Regulierung oder beides oder..? Ist ja auch egal. Greenspan sah eine Welt, die mit Schwankungen umgehen kann und den Markt nicht mit unnötigen institutionellen Regularien manipuliert. Das hat auch erstmal super funktioniert.
Was er übersah: Der Mensch an sich kann mit Schwankungen nicht umgehen. Was er vergaß: Eine Schwankung kann auch mal in ein Erdbeben ausarten. Hallo, Finanzkrise.
Vor dem amerikanischen Kongress räumte er nun ein, die Selbstheilungskräfte des Marktes überbewertet zu haben. Aber ist das so? Kann sich der Markt nicht heilen? Nichts gegen politische Unterstützung in üblen Zeiten, aber wären wir ohne sie am Ende des Kapitalismus angelangt? Und dann? Das Ende der Welt? Ich meine die ernst:
Was passiert, wenn sich der Markt nicht heilen kann?
Fällt dann die Welt runter? Wann ja, wo hin? Subsistenzwirtschaft? Strom aus, Internet abschalten? Oder müssen wir uns um Konsumgüter wieder prügeln? Alles nur, weil Greenspan den Markt seinen eigenen Gesetzen hat folgen lassen? Achso?
Ein Satz tuts auch.
Was der eine sich sein halbes Leben lang erarbeiten musste, hatte der andere in einem Wimpernschlag geschafft: Die – übrigens unbestätigte – Aussage, seine Bank würde sich schämen, Hilfe vom Staat anzunehmen, wurde für den primus omnium unter den Wirtschaftsmagnaten zum wirtschaftlichen/ politischen gesellschaftlichen Selbstmord. Ob nun Huhn oder Ei zuerst kamen, wird man wohl niemals erfahren, Fakt ist: Andere Banken schämen sich offensichtlich auch. Und weil die Regierung bei der Konzipierung ihrer Hilfen ja niemalsnicht schnell und unkompliziert revidierbare Fehler gemacht haben könnte, trägt jetzt eben Ackermanns Aussage die Schuld an der Zurückhaltung. Nicht die Konsumentenpsychologie, um Himmels Willen, da wäre doch niemals jemand drauf gekommen, hätte Ackermann es nicht ausgesprochen!
In schweren Zeiten sind die Anleger vorsichtiger. Vernünftig. Und wer einmal lügt Fehler macht, dem traut man nicht. Vernünftig. Und wer Fehler eingesteht, unterliegt der natürlichen Reaktion der Kunden. Logisch. Und wer nichts eingesteht, ist der Held. Bescheuert.
Fail again, try again. Fail better.
Wer handelt, macht Fehler. Wer nicht handelt auch, aber dann fällts nicht so auf. Also haben wir sogar die Wahl: Ein ruhiges, ungefährliches Leben – oder handeln. Handeln und Dinge verändern und entwickeln und vielleicht Fehler machen. Und mit dem Wissen leben, dass Fehler weh tun werden und jeder es sehen wird. In den verschiedensten Berufsfeldern können wir feststellen, dass jeder noch so unbeabsichtigte Fehler beleuchtet wird und soo selten das Positive zu würdigen gewusst. Nicht vergessen: Das betrifft nicht nur uns selbst; auch jene, über die wir urteilen, wollen meistens nur ihrem Weg folgen. Stillstand ist der Preis der Vorsicht.
Aber diese Sichtweise funktioniert nicht, kann nicht funktionieren. Denn wenn es aus Mangel an böser Absicht gar keinen Schuldigen gibt, wie besänftigt man dann das Volk die Götter?

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