Es ist eine der grundlegenden Weisheiten unserer Gesellschaft: Egal was passiert, wann es passiert, wie es passiert. Irgendjemand hat es kommen sehen. Immer. Und für gewöhnlich gut daran getan, seine Weissagung tunlichst für sich zu behalten – oder in sorgfältig gewählte Schranken zu setzen. Wobei Letzteres meistens den Beschränkungen einer Nachrichtenlänge zum Opfer fällt. Am Ende steht irgendeine wieauchimmer geartete Realität, die Gruppe jener, auf die man ja nur hätte hören müssen (wenn man sie denn gehört hätte) und ein Haufen Leute, die mit allem was sie gesagt haben daneben lagen, obwohl sie durchaus Recht hatten.
Früher Oktober 2008. Ich sehe mich selbst noch in der Redaktion sitzen, unfähig, die im Minutentakt einflatternden dpa-Meldungen ernst zu nehmen. Okay. Die Börse in Wien bricht 10% ein, das ist viel. Aber Märkte können sich auffangen und in ein paar Wochen ist die Welt wieder in Ordnung.
Aus der Talfahrt wird ein Absturz, am Abend des selben Tages ist sie unwiderruflich da, meine erste Weltwirtschaftskrise.
Überrascht? Warum?
Das da was kommt wussten wir ja eigentlich alle. Vermutlich eine einfache Vorhersage, denn das Finanzmärkte ewig wie geschmiert laufen erscheint unglaubwürdig, irgendwann geht schon noch was schief. “Eines Tages bricht das System zusammen” bietet sich als verbale Ausscheidung ökonomischer Weisheit geradezu an. Kritisch, prognostizierend, warnend, unbestimmt. Alles, was man braucht, um eine Titelseite an Sauregurkentagen noch halbwegs attraktiv zu machen. Und diese Tage gibt es oft. Und diese Warner gibt es viele. Und wie es mit dem Hilfe-Wölfe-Jungen passierte, ging es auch den zu spät geborenen Panikökonomen – keiner hörte mehr auf sie. Ankündigungen der Krise war man ja gewohnt. Also keine große Überraschung? Irgendwie doch. “Sowas habe ich in meiner gesamten Karriere noch nicht erlebt…” dürfte eine der meistzitierten Expertenaussagen des vergangenen Oktobers sein. Dabei konnte auf Wallstreet:online schon seit April darüber philosophiert werden, das es genau in diesem Jahr endlich soweit sein würde. Auch nichts Neues gewesen? Scheiße, daneben.
Nein, im laufenden Jahr lagen sie endlich mal richtig. Wer seine Voraussagen auf bestehende Strukturen an den Kreditmärkten stützte, lag sogar von Anfang an richtig und musste nur auf den Tag der Wahrheit warten. Und unsere teuer finanzierten Wirtschaftsinstitute? Dem Zentrum für europäische Wirtchaftsforschung kann man eigentlich nichts vorwerfen, so daneben lagen die befragten Finanzexperten gar nicht. Zu Beginn des Jahres 2006 ging es sowieso bergab, im Mai 2007 unterbrachen sie ihren Konjunkturzyklus. Im August krachte die Erwartungslinie wieder durch den Boden und da bleibt sie jetzt auch. Das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung traf es mit seinen seit 2005 leicht steigenden (und zuletzt ins bodenlose fallenden) Zahlen nicht ganz so gut und geriet prompt in die Kritik. Das die eigentlich nur die Stimmungen und Erwartungen der Unternehmer abfragen ist dabei sowieso egal.
Offensichtlich, das Ifo macht da was grundlegend falsch, richtig?
Falsch.
Die Sache mit dem “Wissen”
Ökonomen arbeiten mit Modellen. Die sind dann meistens so weit weg von der Realität, dass sie eigentlich nur noch falsch sein können. Meine persönliche – frisch widerlegte – Meinung. Zentrales Problem: Wer als Experte auftritt und eine (hoffentlich meistens) fundierte Prognose äußert versetzt das Volk in Angst und Schrecken, oder, noch schlimmer: Euphorie.
Vor diesen Panikprognosen wurde in jüngster Zeit gewarnt, Stichwort Rezessionsreklame. Kurz: Eine negative Prognose macht vor allem eines: alles schlimmer. Ist der ZEW-Index gefallen, erwartet die Wirtschaft einen Auftragstrückgang, fährt selbst vorsichtiger und erzählt auch dem Ifo davon. Deren Statistik kehrt sich nach unten und die Finanzexperten des ZEW sehen, dass der Markt zu zurückhaltend geworden ist, um Gewinne zu machen.
Gott sei Dank weiß man ja Bescheid. Die Erwartungen wurden analysiert, die Reaktionen studiert. Und eine Prognose, für deren Erstellung die Realität, wie sie den Marktteilnehmern bekannt ist, exakt abgebildet wurde, beschreibt nichts anderes als die sowieso schon vorhandenen Strukturen. Bei so schlechten Erwartungen lassen sich die Menschen gerne Hoffnung machen, das wissen die Ökonomen, das weiß auch die Politik. Zeit für einen Stein des Anstoßes. Bildungsinvestitionen, Haushaltskonsolidierung und erfolgreiche Arbeitsmarktprogramme: Konjunkturzyklisch betrachtet müsste es langsam mal wieder besser werden. Das könnte es auch – gäbe es da nicht diese blöden Zufälle, die fern der Modellwelt immer wieder auftreten.
Sowas Blödes wie eine platzende Kreditblase in den Vereinigten Staaten.
Sonnenflecken
Erwartungen basieren auf der Zukunft. Auf Erfahrungen aus der Vergangenheit mit Sicherheit, aber nicht auf der Erwartung, dass sich diese wiederholt. Das ist rational.
Schön wärs.
Jeder, der zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre zumindest schon gezeugt worden war, erinnert sich nun an jene dramatischen Ereignisse und fühlt sich genötigt, damalige Zustände auch für heute zu erwarten. Warum? Einfach nur so, es könnte ja sein. Kritisch, prognostizierend, warnend, aber wenigstens nicht unbestimmt und, so alles gut geht, viel zu extrem ausgelegt, um mehr als Blödsinn zu sein. Hoffentlich. Ich sag gar nichts mehr. Denn darum geht es nicht. Vielmehr geht es darum, was die Menschen glauben. Und wie bei Jevon’s Sonnenfleckentheorie ist es ziemlich egal, ob unsere Ersparnisse in zehn Jahren absolut wertlos (danke liebe Bildzeitung) sein werden. Wenn die Menschen dies Glauben, dann beeinflusst es sie. Und das muss die Prognose beeinflussen. Und das ist dann mal wirklich rational.
Aber eben nur, so lange es niemand besser weiß. Und wer weiß schon, wann das jemand weiß? Und woher sollen eigentlich Unternehmer von Kreditblasen wissen und Erwartungen an verdeckten Finanzmarktstrukturen fest machen?
Und wie soll eine Prognose auf etwas aufbauen, was noch gar nicht Realität geworden ist? Sie soll nicht von der Vergangenheit ausgehen, natürlich. Aber sie kann nicht von der Zukunft ausgehen.
Bleibt nur noch heute übrig.

Flug Bangkok said:
Ein klasse Beitrag von dir. Ich stimme dir in so gut wie allen Punkten zu. Prognosen beeinflussen das Verhalten aller Marktteilnehmer, wodurch wiederrum die Prognosen beeinflusst werden. Quasi ein Teufelskreis. Das das Kreditsystem in den USA nicht auf Ewig gut gehen kann, war hoffentlich vielen klar. Und das dies dann Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben wird, ist auch nicht schwer zu erkennen. Nur der genaue Zeitpunkt für das Versagen konnte nicht bestimmt werden. Und warum sollte man sich und andere, solange noch alles gut läuft und Gewinne erwartet werden können, mit solchen negativen Erwartungen belasten. Dies würde ja Auswirkungen auf das eigene Geschäft haben, sollte sich die Befürchtungen rumsprechen. Und vielleicht kommt es gar nicht dazu, da die Prognosen ja auch falsch sein könnten. Da werden noch nichtmal mehr die eigenen Prognosen wahrgenommen. Sie waren ja bisher auch nicht immer zutreffend. Grund: Hoffnung! Hoffnung, dass es nicht so kommt, da man in diesem Fall nicht wüßte was passiert und was zu tun ist. Daher werden diese Prognosen auch erstmal verworfen. Man kann ja immernoch reagieren, falls, entgegen aller Erfahrungen, die Prognosen doch zutreffen. Was aber eher unwahrscheinlich ist. Getreu dem Motto: Die Welt besteht aus rosa Wolken…..