Wie ihr das Beste aus eurer Journalisten-Ausbildung herausholt

Hier kommt eine furchtbare/ganz tolle Nachricht für euch: Die Ausbildung wird euch niemals gerecht werden. Ihr müsst selbst etwas rausholen.

Liebe junge Journalisten, hier kommt eine furchtbare/ganz tolle Nachricht für euch: Die Ausbildung wird euch niemals gerecht werden. Ihr müsst selbst etwas rausholen.

Ich bin jetzt 30 Jahre alt und seit acht Jahren in diesem Beruf. Ich bin jung. Ich bin so krass jung, dass ich krass jung schreiben kann, ohne krass peinlich zu wirken. Auch wenn die meisten 30-Jährigen gern tun, als wären sie alt und weise. Sind wir nicht. Keiner von uns.

Was soll ich einer 22-Jährigen beibringen? Ganz viel! Und gleichzeitig wird sie mir viel voraushaben. Ich bin kein Digital Native, Snapchat benutze ich nur, um cool zu wirken und was Swag ist, werde ich vermutlich nie verstehen.

Lasst uns reden. Wir können über Instagram diskutieren und spannende Themen für junge Leser. Ihr könnt mir erklären, wie ich auf Snapchat weniger uncool wirke. Ich kann ein paar Dinge über Facebook (totgesagter wichtigster Kanal) erzählen, über Zielgruppen, Dateninterpretation und Twitter und darüber, wie man Leser in einen Text hineinkriegt. Ich kann Dinge von erfahreneren Journalisten weitergeben: wie man verständliche Sätze schreibt, wie man Ansprechpartner findet, wie man sie überredet, sich Zeit zu nehmen und dass man nach Doppelpunkten klein schreibt, wenn kein vollständiger Satz folgt. Über Ethik, Textaufbau, den Umgang mit Kritik und elegantes Kritisieren, Marken.

All diese Dinge sind wichtig. Was ich nicht kann und was wohl die beste journalistische Lehrerin nicht kann: einen guten Journalisten erzwingen. Das müsst ihr schon allein hinkriegen. Ein paar Tipps:

Nervt! Solange ihr keine Deadlines reißt, wird euch niemand hinterherlaufen. Ihr müsst die Redakteure nerven. Wenn es stressig ist, seid ihr die ersten, die vergessen werden. Erinnert die Kollegen daran, dass sie nicht nur eure Kommafehler korrigieren sollen. Sie sollen tolle Journalisten aus euch machen. Engagement wird immer belohnt.

Haltet durch! Vermutlich hat euch schonmal jemand gesagt, ihr könntet längst Redakteurin sein, richtig? Tja sorry – das kriegt echt jeder erzählt. Und es stimmt nicht. Ihr könnt in der Ausbildung rumspielen, versagen, ihr trefft tolle Leute. Der Redakteurstitel ist nicht das verdammte Ziel. Das Ziel ist, sich selbst weiterzuentwickeln. Gut zu werden. (PS: Alle wissen, dass jeder sich Redakteur nennen darf, ohne was geleistet zu haben. Lasst das lieber. Ist irgendwie peinlich.)

Lauscht! Ihr lernt so viel, wenn ihr älteren Kollegen zuhört. Ich belausche bis heute jedes Telefongespräch. Ich sehe zu, wie andere sich bewegen, wie sie Leute ansprechen. Das ist so lehrreich. Belauscht jeden. Den Produktmanager, den Chefredakteur, den Seiten-Manager, die Fotografen.

Steckt ein! Nicht jeder, der euer Meisterwerk nicht gut findet, ist ein Idiot, zu alt, zu verstockt. Mancher hat recht. Oder ein bisschen recht. Es lohnt sich, verschiedene Perspektiven zu sehen. Deine Pointe versteht man nur falsch, wenn man will und wer sie versteht, der findet sie lustig? Erklär das den 150.000 Lesern, die du gern hättest.

Verzweifelt! Ja. Es lohnt sich. Journalismus ist etwas verdammt professionelles, aber Schreiben ist noch irgendwie Kunst. Wenn ihr euch so richtig scheiße findet, dann seid ihr bereit, zu lernen.

Erschafft etwas! Ihr kennt einen neuen Kanal, über den wir Inhalte verbreiten können? Erzähl, ich will alles wissen! Bei mir war es tatsächlich Facebook, das ich bei zwei Medienmarken einführen durfte. Du kannst etwas, das ich nicht kann? Let’s do it! So bekommst du Anerkennung und Verantwortung.

Gebt weiter! Apropos Verantwortung. Ja, es wird Zeit, dass ihr die übernehmt. Gebt weiter, was ihr wisst. Im Volontariat werden viele von euch Praktikanten bekommen – sie sind keine nervige Zusatzaufgabe! Sie sind ein Vertrauensbeweis. Arbeitet mit Ihnen, dann machen sie eure Arbeit. Wenn Sie gelobt werden wird es immer jemanden geben, der sich an euren Anteil erinnert. Und ihr schafft euch Freunde fürs Leben.


 

Wer hier schreibt: Isabell Prophet, Jahrgang 1986. Ich hatte ein tolles Volontariat bei der Celleschen Zeitung und war dann auf der Henri-Nannen-Journalistenschule. Ein Redakteur bei GEO Saison hat mich zum Heulen gebracht. Ein Redakteur der CZ hat mir gesagt, ich schriebe schlechter als seine kleine Tochter. Ein Dozent der HNS hat “verkackt” neben meinen Text geschrieben. Ich lerne immer noch, von Älteren wie von Jüngeren. Hoffentlich hört das nie auf.

Denken lernen.

Im Rennen um die Schlagzeilen gerät das Urteilsvermögen aus dem Takt. Was fehlt Journalisten heute? Zeit. Die gibt uns niemand mehr. Das muss so sein, wollen wir im Rennen um die Nachricht bestehen – und wer will das nicht?

Meinungsstark sollen wir sein. Gern! Nur brauchen wir Zeit, um starke Meinungen zu formen. Aber wir bekommen sie nicht oder wir nehmen sie uns nicht. Eine Meinung maßen wir uns trotzdem an. Das Ergebnis sind Journalisten, die berühren und aufrühren. Das ist Entertainment, das wollen die Leute.

Aber das darf uns nicht reichen.

Wir müssen sagen, was ist. Doch wem die eigene Meinung den Blick verstellt, der kann nicht sagen was ist. Er sieht die Wahrheit nicht.

Und wer sie sieht, der kann sie allzu oft nicht in lesbare Worte fassen. Internet-Essayisten sehen einen Gedanken vorbeiziehen, tippen fluchs den Text runter und der Leser quält sich stundenlang? Besten Dank auch.

Denkt mehr nach!

Ihr schreibt 7000 Zeichen ins Internet – hier ist ja auch Platz. Was wurde aus „Immer an den Leser denken“? Was wurde aus „Wenn du dich nicht kurzfassen kannst, dann hast du es nicht verstanden“? Verstehen braucht Zeit; Schreiben braucht Zeit. Nebeneffekt: Wir beschäftigen uns mit dem, mit dem sich auch der Leser beschäftigen soll.

Was also müssen wir lernen? Gelassenheit. Wir müssen lernen, unsere Meinung nur dann zu äußern, wenn wir Zeit hatten, sie zu hinterfragen. Wir müssen Denken lernen.


 

Beitrag zur Blogparade meines DJV-Kollegen Timo Stoppacher: Was sollen Journalisten heute lernen?

Was mit Medien

[singlepic id=1 w=320 h=240 float=left]Diese jungen Leute… Wollen alle nur „irgendetwas mit Medien“ machen. Das beklagte zuletzt Doris Schröder-Köpf in einem Gespräch mit dem Spiegel.

Liebe alte Journalisten – echt jetzt? Gefühlte 25 Jahre nach Erfindung dieser Phrase jammert ihr da immer noch dran herum?

Abgesehen davon, dass ihr längst eine komplette Nachwuchs-Generation derart verstrahlt habt, dass diese Worte seit fünf Jahren niemand mehr in den Mund genommen hat – was ist so falsch an ihnen?

Uns jungen Journalisten stehen so viele Medien offen, sie aufzuzählen wäre ein Witz. Es ist Winter. Die Liste wäre veraltet, noch bevor an den Bäumen die ersten Blätter sprießen. Wie also sollen wir am Beginn unserer Ausbildung wissen, welchen Kanal wir Jahre später bespielen wollen? Und „wüssten“ wir es – wir wüssten es nicht besser.

Sagt ein Abiturient: „Ich will etwas mit Medien machen“, meint er etwas, das wenig verwerflich ist. Er will Journalist werden. Journalist, das Wort mit scharfem S am Ende, das oft mit soviel Bösartigkeit ausgesprochen wird. Es muss erschrecken. Und was steckt darin? Alles und nichts. Ein bisschen enger gestrickt ist der Begriff als „was mit Medien“.

Der Journalist erzeugt Respekt. Journalismus – irgendwas mit Recherche und Meinungsmache.  Irgendwas mit viel Öffentlichkeit. Schluck. Können wir bitte etwas Zeit bekommen, dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln? Würdet ihr uns erst einmal die Gelegenheit geben, uns auszuprobieren?

Also „was mit Medien“. Und was? Egal. Recherche und Ausdruck müssen gelernt werden. Und Kanäle – was mit Texten, was mit Bildern, was mit Daten – die muss der junge Journalist erst einmal kennen lernen. Es mag seltsam klingen, aber wer heute 26 ist oder 18, der hat die Basics der Web-Programmierung noch nicht im Genom. Klingt jetzt komisch, schon klar. Aber auch ihr habt lernen müssen, zu recherchieren und das Gelernte unter die Leute zu bringen.

Wie wir.

Nur wissen wir am Anfang noch nicht, ob wir elegant schreiben oder schicke interaktive Grafiken basteln, ob wir tolle Videos drehen oder fiese Fragen im Interview stellen.

Warum sollte das wichtig sein?